Christoph Benda
Senghor on the Rocks

1. Teil
Coupe Du Monde

Programmierung: Flo Ledermann
Gestaltung: Johannes Krtek

Ein Zufall hat mir diese Geschichte geschenkt, ich schenke sie hiermit weiter. Auch wenn man ihre Wege auf der Karte nachvollziehen kann, sind alle Figuren dieses Romans frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind, wenn schon nicht unerwünscht, dann doch zufällig. Mein Dank gilt Alou Kane und seiner Familie.
Zeit 2001-12-19T10:00:03.703+01:00
Ort 14.669586° N, -17.432181° O, Level 18

Bitte los!

Place de l'Independance, Dakar – außen/Tag

„Ton bereit.“
„Kamera bereit.“
„Dann – bitte los!“
„... und Coca-Cola ist ein Weltbürger: Die Coca-Cola Company wohnt in allen Kulturen gleich nebenan, sie spürt die Bedürfnisse ihrer Nachbarn und hat immer ein offenes Ohr für das Lebensgefühl der Communities, mit denen sie sich bewegt. Wofür die Herzen der Menschen auch schlagen – ob sie nun in Italien arbeiten, mit der Gitarre durch die USA trampen oder in Korea ihr Geschäft aufbauen – Coke ist ein Teil ihres Lebens! Und hier im Senegal schlagen die Herzen heute für den Fußball: El Hadji Diouf und die Lions haben den senegalesischen Fußball an die Weltspitze geführt – Grund genug für Coca-Cola, den Pokal der FIFA World Championship nach Dakar zu bringen, in der Hoffnung, dass er ...“
„Tonproblem!“

„Schnitt! Ja Scheiße, was ist das denn für ein verkacktes Geböller?! Wir arbeiten hier!“
„Mireille, kümmer dich um Monsieur Dubos. – Wir machen eine kleine Pause, Monsieur Dubos! Das sind die Trommeln, Kurt. Die proben für die Parade. Du wolltest das als Atmo.“

Zeit 2001-12-19T10:00:03.703+01:00
Ort 14.669586° N, -17.432181° O, Level 18



„Kein Schwanz hat gesagt, dass diese Scheißneger so einen Radau machen. Kriegen wir das weg?“
„Kaum.“
„Was heißt ‚kaum’?“
„Nein.“
„Dann sag NEIN!
Verdammte Scheiße.“
„Wenn du meinst, sag ich einen Locationwechsel an. Dann fahren wir zur Route de la Corniche und drehen die Ersatzvariante beim neuen Millenium-Monument.“
„Von mir aus, dann machen wir diese Freiheits-Sülz-Moderation. Sag Umbau.“
„Umbau! In 10 Minuten ist alles im Bus. Fahrer, nächste Station ist das Millennium-Monument.“

Zeit 2001-12-19T10:10:59.687+01:00
Ort 14.669404° N, -17.431955° O, Level 17
Pfeil 135°

Kurt

Place de l'Independance, Dakar – außen/Tag

Also packten wir unsere Sachen. Monsieur Dubos, der toupierte französische Sportfuzzi, den Cola für die ideale Integrationsfigur hielt, trippelte flankiert von Mireille, der Puderquaste, und einem Boy mit Sonnenschirm zum Wagen und ließ hinter sich demonstrativ die Tür zuschmeißen. Er war drin, mit Sonnenblende, Klima und Softdrinks, wir waren draußen. Mit dem Equipment, dem Scheißsand und dem Beginn der Hitze.
Ich hatte mit Henning alles besprochen – „Es ist wie ein Wüstendreh. Nur mit mehr Dreck“ – und war mit antistatischen Fleece-Tüchern, Pinseln und Baggies hier angereist und versuchte in erster Linie eins: Eine Milliarde Kubikmeter Flugsand aus der Kamera rauszuhalten. Der Rest war ein Kinderspiel. Henning war ein Top-Kameramann und ein netter Kerl, der Tonmann war Franzose und ließ mich in Frieden und Kurt war eben Kurt. Rassist war noch das Netteste, was man zu hören bekam, wenn man jemanden nach seiner Meinung über Kurt fragte. Also fragte man nicht. Kurt selbst war schlimm genug, da brauchte man nicht auch noch eine Meinung über ihn hören.

Zeit 2001-12-19T10:30:55.593+01:00
Fahrt 14.66945,-17.43184;14.67042,-17.43187;14.67058,-17.43196;14.67058,-17.43216;14.672,-17.43223;14.67277,-17.43288;14.67462,-17.43442;14.67533,-17.43762;14.67585,-17.43989;14.67607,-17.43998;14.67599,-17.44023;14.67645,-17.44251;14.67718,-17.44565;14.67731,-17.44591;14.67721,-17.446;14.67706,-17.44599;14.67652,-17.44664;14.67574,-17.44752;14.67523,-17.44807;14.67457,-17.44885;14.67425,-17.44925;14.67364,-17.44999;14.67358,-17.45022;14.67344,-17.45044 Level 17
Pfeil 135°

Die Familie vom Film

Route de la Corniche Ouest, Dakar – außen/Tag

Schließlich saßen wir alle im Auto, die kleine, zerzauste Familie vom Film rumpelte schnatternd durch Dakar. Hinten lümmelten der toupierte Monsieur und Mireille und gurrten auf Französisch, bis sich Monsieur ganz charmant fühlte; dafür hatte Mireille, die Puderquaste, auch zu sorgen: Monsieur durfte nicht glänzen und musste sich charmant fühlen. Kurt furzte, rüpelte herum und befahl seiner hübschen Assistentin Karin, uns Dinge zu befehlen, die er uns auch selbst hätte befehlen können. Vorne saßen die zwei Jungs von der SOBOA-Brauerei, die die Cola-Advertisements betreuten und der Tonmann. Henning und ich hatten ein weißes Handtuch auf den Knien und versorgten die Kamera.

Zeit 2001-12-19T11:00:51.328+01:00
Ort 14.67344° N, -17.45044° O, Level 17
Pfeil 135°

Freiheit, Glück und Spaß

Millennium Monument, Dakar – außen/ Tag

Nach einer kurzen Fahrt vorbei an Haufen von Häusern und Menschen und Müll bauten wir unseren Krempel neben einer gut 20 Meter hohen Statue wieder auf. Das Set unserer Ersatzmoderation strahlte in falschem Gold und war an Absurdität nicht zu übertreffen. Direkt an der vierspurigen Küstenstraße stand ein riesiger heller Steinbogen, in dessen Mitte eine goldene Frau mit gekreuzten Beinen auf einem Felsblock saß und in eine Tröte blies. In den Felsblock war eine Pforte gemeißelt, durch die man auf den Ozean blicken konnte. Der Künstler muss besoffen gewesen sein oder er war blind, was weiß ich. Das Ding war jedenfalls unfassbar und passte gut hierher.
Monsieur Dubos ließ in der Felspforte seine Moderation über die tiefe Verwurzelung von Coca-Cola in allen grundlegenden menschlichen Werten wie Freiheit, Glück und Spaß vom Stapel und Mireille wischte ihm zwischen den Takes den Schweiß von der Stirn. Im Hintergrund brach sich der Ozean an einer Küste, die zu jeweils 50 Prozent aus Dreck und Fels zu bestehen schien. Die Boys von der SOBOA, dem lokalen Cola-Bottler, schleppten lasch die Dispenser aufs Set und als Monsieur

Zeit 2001-12-19T11:00:51.328+01:00
Ort 14.67344° N, -17.45044° O, Level 17
Pfeil 135°



endlich fertig war, rannten Henning und ich wie die Irren von MTV zwischen den Kindern und Passanten hin und her und drehten mit Shutter lauter glückliche Negerlein, die sich ganz kaltes Cola aus den leuchtenden Kühlboxen schnappten und lachend den prominentesten Softdrink der Erde in sich hineinkippten. Über allem schwebte die goldene Tröte der Frau vom Monument und wäre nicht Henning am Sucher dieser Kamera gehangen, ich hätte geschworen, dass uns die freundliche Coca-Cola Company für das Resultat unserer Arbeit die Haut hätte abziehen lassen.

Zeit 2001-12-19T12:10:46.359+01:00
Fahrt 14.67338,-17.45044;14.67348,-17.45026;14.67222,-17.44775;14.672,-17.44745;14.67007,-17.44546;14.66833,-17.44379 Level 17
Pfeil 225°

Coupe du Monde

Route de la Corniche Ouest, Dakar – außen/ Tag

Gegen Mittag wurde es wie erwartet ernsthaft heiß und der 'Golden Frames'- Produktionstross zog sich zum Hotel zurück. Wir hatten unser Pensum erfüllt und Henning hatte auf der Straße ein paar wirklich lebendige Schnittbilder eingefangen – lachend, aus der Hüfte und als die Gefilmten angerannt kamen, um für ihre unfreiwillige Modeltätigkeit Geld oder Geschenken zu fordern, prallten sie an Karin ab, dass man denken konnte, wir hätten die Unverschämtheit erfunden und nicht die Senegalesen.
Kurt hatte abschließend seinen verschwitzten Arsch in den Bus gewuchtet und Karin befohlen, uns zu befehlen, uns nach dem Essen unverzüglich in meinem Zimmer zum Materialsichten zu versammeln. Für mich bedeutete das den Ausfall der nach dem Frühstück zweiten Mahlzeit dieses Tages, da ich nun in meiner Mittagspause den Monitor aufbauen und die Bänder vorbereiten musste, während die Crew gegrillte Meerestiere einwarf. Wegen dieser Art von Privilegien war ich schließlich Kameraassistent geworden. Unser Bus kurvte die Route de la Corniche entlang, die rund um das Cap Vert führte und das Chaos von Dakar

Zeit 2001-12-19T12:10:46.359+01:00
Pfeil 225°



und die Weite des Meeres trennte. Mit Karins Einverständnis hatte der Fahrer diesen etwas längeren Weg genommen, da die Innenstadt wegen der Vorbereitungen auf die morgige festliche Parade völlig verstopft war. Und wegen dieser großen Show waren wir hier: Erstmals in seiner Geschichte hatte sich Senegals Fußballnationalteam für die Endrunde einer FIFA-Weltmeisterschaft qualifiziert und der amtierende Weltmeister Frankreich hatte dem WM-Hauptsponsor Coca-Cola den originalen WM-Pokal zur Verfügung gestellt, damit er dem Völkchen in der ehemaligen Kolonie feierlich vorgeführt werden konnte. Wie sonst hätten die verstehen sollen, worum es bei einer Fußball-WM ging. Ich selbst litt nach wie vor unter der Schmach, dass unser Team nicht bei der WM war, aber Henning hatte mir mit Expertenmiene erklärt, dass die Qualifikation des Senegal – aus neutraler Sicht – die bei Weitem größere Überraschung war als das Scheitern Österreichs. Es erübrigt sich zu sagen, dass Henning gebürtiger Deutscher war. Und obwohl ich Österreicher und daher von Natur aus neidig und mieselsüchtig bin, war es schön zu sehen, dass die Menschen im Senegal nicht nur damit beschäftigt waren, uns anzuschnorren, auszurauben

Zeit 2001-12-19T12:10:46.359+01:00
Pfeil 225°



oder mit ihrer Faulheit unsere Arbeit zu versauen, sondern sich nebenbei auch riesig über ihre erste WM-Teilnahme freuten. Überall gingen Menschen mit großformatigen WM-Kalendern in der Hand spazieren, die vom Hersteller eigentlich als Schreibtischunterlagen konzipiert worden waren. Da im Senegal aber scheinbar niemand an seinem Schreibtisch saß, nahmen die Leute ihre Kalender mit auf die Straße, wo sie dann über die bevorstehenden Spiele diskutierten. Zumindest sah es so aus. Bei dieser Stimmung in der Stadt konnte sich Cola eines enormen Branding-Effekts sicher sein. Tatsächlich war es nicht leicht, nichts von der Präsentation des Pokals mitzubekommen. Die Veranstaltung war als dreitätige Parade konzipiert, die Dakar völlig lähmte und mit einem offiziellen Termin beim Präsidenten enden würde. Dank unserer Mitarbeit konnte sogar die senegalesische Landbevölkerung die begehrte Trophäe bewundern, wenn auch nur im Fernsehen. Und niemals ohne Cola-Logo im Hintergrund.
Wir bogen von der mehrspurigen Route de la Corniche ab und meine gestrige Befürchtung, hier im wackeligen Haus des Wahnsinns gelandet zu sein, kroch mir wieder in die Glieder.

Zeit 2001-12-19T12:15:30.796+01:00
Ort 14.667889° N, -17.44321° O, Level 16
Pfeil 135°

Rückblende: Bienvenue

Aéroport Léopold Sédar Senghor, Dakar – außen/Tag

Henning und ich landeten mit unserem Kameraequipment am Flughafen von Dakar. Es war heiß, ich schleppte die Kamera und Henning, dessen Französisch klang wie eine Mainzer Karnevalsparodie, hatte die endlosen Formalitäten erledigt. Soweit schien alles normal.
Draußen zerrten diverse Gepäckträger geldgierig an meiner heiligen Kameratasche und ich stellte einmal mehr fest, dass ein energisches „Ich hau dir gleich auf die Pratzen!“ überall verstanden wird. Auch das war normal.

Zeit 2001-12-19T12:20:23.937+01:00
Ort 14.668211° N, -17.442384° O, Level 15
Pfeil 135°

Rückblende: Dakar

Nebenstraße, Dakar/ außen, Tag

Dann fuhr unser Taxi in Dakar ein. Ich wusste, dass es sich um eine prominente Stadt handelte, dass hier eine prominente Rallye endete und dass es keine U-Bahn gab, obwohl über drei Millionen Menschen in dieser Stadt lebten. Was ich nicht wusste, war, dass Dakar nichts als ein Haufen Dreck war, auf dem ein Haufen Häuser stand. Unser Fahrer wies darauf hin, dass er die Stadtautobahn meiden würde, da wir als Weiße ohne Zweifel von der Polizei aufgehalten und zur Kasse gebeten würden. Der wahre Grund für diese rücksichtsvolle Maßnahme war wohl eher im Fehlen gültiger Papiere zu sehen, aber es war egal. Der Fahrpreis war fix, es war 16:15 und wir hatten unseren Koordinationstermin mit Kurt und Karin erst um 21:00 – was also war das Problem?

Zeit 2001-12-19T12:25:16.390+01:00
Ort 14.668584° N, -17.441611° O, Level 13
Pfeil 135°

Rückblende: Taxi

Nebenstraße, Dakar/ außen, Tag

Ein Teil des Problems war: Unsere Straße war nicht asphaltiert. Bei genauerem Hinsehen zeigte sich, sie war es doch. Allerdings war der Belag so löchrig und schlecht, dass wir nur am Sand neben der Fahrbahn fahren konnten. Das weit größere Problem war: Die nächste Straße, in die wir einbogen, war gar nicht asphaltiert und nach rund 500 Metern grub sich unser Gefährt bis zur Radnabe ein. Viel war nicht zu machen. Wir mussten schieben.
Paniert in Schweiß und Staub krümmte ich mich über das Heck unseres gelben, löchrigen Taxis und schob. Durch ein rostumrandetes Loch im Blech des alten Wagens sah ich unsere Kameratasche im Halbdunkel des Kofferraumes stehen und hörte auf zu schieben. Die Tasche war völlig mit Dreck überzogen und in eine Wolke aus Sand und Rauch gehüllt.
Weder Henning noch ich hatten darauf geachtet, auf was wir unsere Tasche stellten, als wir sie in den Kofferraum des Taxis sinken ließen. Wir hatten einfach damit gerechnet, dass es der Boden des Kofferraums eines alten Peugeot sein würde. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass es sich um drei Lagen Maschendraht mit einem Stück Karton

Zeit 2001-12-19T12:25:16.390+01:00
Ort 14.668584° N, -17.441611° O, Level 13
Pfeil 135°



darauf handeln könnte, die den verlorenen Boden ersetzten und durch die all der Dreck und der Staub, über den wir fuhren, genau auf unsere Kameratasche gewirbelt werden würden. Wir waren nicht begeistert. Ich war nicht begeistert.

Zeit 2001-12-19T23:30:11.781+01:00
Ort 48.202996° N, 16.356432° O, Level 16 noPan

Rückblende: Die Kamera

Rückblende: Szenebar, Wien/ innen, Nacht

Ich erinnere mich gut an den Tag, an dem Henning und ich in einer schnöseligen Wiener Szenebar beschlossen hatten, uns selbständig zu machen. Anschließend hatten wir uns betrunken, Henning wollte ins Puff, aber ich sparte mein Geld für die wichtigste Investition, die ein junges Kamerateam tätigen muss: eine Kamera. Seitdem haben wir gute Jobs gehabt und schlechte Jobs gehabt, manchmal auch keine Jobs gehabt. Aber sobald es etwas zu teilen gab, wurde es im Verhältnis 30:70 geteilt. Wie die Kosten der Kamera.

Zeit 2001-12-19T12:35:07.546+01:00
Ort 14.66982° N, -17.440796° O, Level 13
Pfeil 135°

Rückblende: Koch/ Kellner

Rückblende: Nebenstraße, Dakar/ außen, Tag

Und diese Kamera war jetzt wahrscheinlich kaputt. Oder genauer: Erst nach einer Generalüberholung durch den Hersteller wieder einsetzbar. Aber das war egal, denn das ganze Problem war: Wir hatten kein Ersatzgerät, keine Möglichkeit, eins aufzutreiben und wenn wir einen Promotiondreh mit Kurt Gratzner für Coca-Cola schmissen, weil wir mit einer total versauten Kamera nach Dakar gekommen waren, konnten wir auf Koch/ Kellner umlernen. Nicht, dass das hier ein toller Job war, über den die Branche jemals reden würde; ich hatte andere als berufliche Gründe gehabt, als ich Henning vollschwatzte, ihn anzunehmen. Aber es war ein Job für Kurt. Den Kurt, den jeder kannte, den jeder hasste und dem jeder irgendetwas schuldig war. Und wenn wir diesen miesen kleinen Job verkackten, würde das unser letzter Job gewesen sein.
Henning sagte nichts. Aber er wollte die Kameratasche öffnen. Also sagte ich etwas. Und zwar: „Das machen wir besser im Hotel. Immerhin, sie ist auch in einem Plastiksack. Vielleicht ist sie ja ok.“

Zeit 2001-12-19T12:40:02.500+01:00
Ort 14.670089° N, -17.43997° O, Level 15
Pfeil 135°

Rückblende: 5000 CFA

Rückblende: Nebenstraße in Dakar, Dakar - außen, Tag

Henning sah mich an wie ein ärmlicher Rutger-Hauer-Klon. Offenbar überlegte er, wen er umbringen wollte – mich, den Taxifahrer oder jeden in der näheren Umgebung. Zum Glück war Henning ein bisschen dick und nicht sehr kräftig und wusste, dass er hier überhaupt niemanden umbringen würde. Trotzdem hatte der Taxifahrer den krisenhaften Stimmungswechsel erkannt und einige junge Leute zum Schieben verdonnert.
Ich setzte mich auf die Rückbank, die Kameratasche stand neben mir. Unter dem rötlichen Braun des Sandes konnte man ihr ursprüngliches, tiefes Blau erkennen. An manchen Stellen. Henning saß vorne. Als wir wieder flott waren, klopfte ein sehniger junger Mann, der sich beim Schieben zurückgehalten hatte, gegen die Scheibe und forderte Geld. Bevor irgendjemand etwas tun konnte, reichte ich ihm den ersten Schein, den ich in meiner Tasche zu fassen bekam. Es waren 5000 CFA. Etwa 100 Schilling. Knapp 7 Euro 30. Der Junge steckte den Schein ohne sichtliche Gemütsregung ein und zog ab. Aber unser Taxifahrer sah mich an, als wäre ich verrückt.
Und dann überlegte er es sich anders und sah mich

Zeit 2001-12-19T12:40:02.500+01:00
Ort 14.670089° N, -17.43997° O, Level 15
Pfeil 135°



an, als hätte ich ihn damit provozieren wollen. Er bekam für seine ganze Fahrt von rund 50 Minuten 4500 CFA. Ich blickte in das finstere Gesicht des Fahrers und als er mich so über den Rückspiegel ansah, hatte ich Angst vor ihm. Es lief beschissen in Dakar.

Zeit 2001-12-19T12:45:58.062+01:00
Ort 14.670204° N, -17.439294° O, Level 17
Pfeil 135°

Sicher

Avenue Èmile Badiane, Dakar – außen/ Tag

Unsere Kamera schaukelte auf meinen Knien, das weiße Handtuch unter ihr verlieh ihr etwas Heiliges. Sie hatte es überlebt. Mich und Henning nicht im Stich gelassen und meine alberne Zweitexistenz nicht auch noch ruiniert. Seit unserer Ankunft gestern Abend im Hotel hatte ich durchgehend zu tun gehabt und keinen Gedanken an das Wunder verschwendet, das uns und unsere Kamera gerettet hatte. Die Routine der Arbeit, die Hitze und die Abgeschlossenheit unseres Teams verdrängten Afrika und all die Schwierigkeiten, die man hier haben konnte, aus meinem Bewusstsein. Ich war einfach nur Kameraassistent. Außerdem hatten wir unseren Bus und wir hatten einen Geländewagen. Beide mit Klima, beide dicht und beide versichert. Praktisch alles, was es in Dakar gab, wäre einfach auseinandergefallen, hätten wir es mit einem unserer Boliden auch nur gestreift. Ich hatte begonnen, mich sicher zu fühlen.

Zeit 2001-12-19T13:00:53.734+01:00
Ort 14.670255° N, -17.438645° O, Level 18
Pfeil 135°

Phagozyten

Marché Sandaga, Dakar – außen/ Tag

Und dieses Gefühl, trügerisch wie es war, verließ mich jetzt, die Bodenlosigkeit dieser seltsamen Stadt meldete sich zurück. Auf der bestenfalls zweispurigen Fahrbahn rollten vier Kolonnen schrottreifer Pkw, Kleinbusse, Karren und Mopeds auf den absehbaren Verkehrsinfarkt im Zentrum von Dakar zu. Unser Fahrer spuckte ärgerlich aus dem Fenster, wetzte auf seinem Sitz hin und her und reckte seinen Kopf in alle möglichen Richtungen, um eventuell befahrbare Straßenabschnitte zu erspähen. Kurt machte das hektische Getue nervös, Karin erkundigte sich nach dem Grund der neuerlichen Kursänderung und der Fahrer riss mit einem brüsken „Ah!“ das Steuer herum. Unser Bus holperte von der Fahrbahn und wir pflügten durch das sandige Niemandsland am Rand der Straße, bis unsere Fahrt nach wenigen Metern zu Ende schien. Vor uns lag ein riesiger Markt, eine Mauer aus Menschen und Marktständen, durch die kein Weg zu führen schien. Kurt glotze zuerst den Sauhaufen vor sich an und dann unseren Fahrer. Ich hätte auf ihn getippt, aber es war der Fahrer, der zu brüllen begann. Sein Schädel ragte weit aus dem Wagenfenster und er bellte in seiner rauen,

Zeit 2001-12-19T13:00:53.734+01:00
Ort 14.670255° N, -17.438645° O, Level 18
Pfeil 135°



unverständlichen Sprache auf die wenigen tausend Menschen vor unserem Bus ein. Selbst einem größenwahnsinnigen Egomanen wie Kurt musste es aussichtslos erscheinen, einen halben Stadtteil wegbrüllen zu wollen, aber der Fahrer hatte Erfolg. Hier wurde ein Karren weggerissen, dort sprang jemand zur Seite und ganz allgemein traten die Kinder, die uns Säckchen voll Obst, Ladegeräte, Haarglätter, Parfumflakons und Osama-Bin-Laden- Leibchen anboten, einen winzigen Schritt zurück. Mit jedem Meter, den wir fuhren, befuhren wir einen weiteren Meter löchriger Straße und drangen in unserem Touristen-Wagen in die Masse aus Leibern und Produkten vor uns ein – ein leckerer Happen im Land der Phagozyten. Von oben muss das ausgesehen haben wie eine dieser Archiv- aufnahmen, die mit dem Elektronenmikroskop gemacht und immer dann in Berichte über moderne Medizin geschnitten werden, wenn gerade jemand erklärt, dass irgendwelche Zellkerne in irgendwelche Zellen implantiert wurden, wo sie eigentlich nicht hingehörten und dafür sorgen würden, dass menschliche Ohren am Rücken von Mäusen wachsen konnten – oder etwas in der Art.

Zeit 2001-12-19T13:05:49.343+01:00
Ort 14.670302° N, -17.438001° O, Level 18
Pfeil 135°

Mittendrin

Marché Sandaga, Dakar – außen/ Tag

Wir waren aber nicht oben, wir waren mittendrin. Um uns brodelte der Markt und wie es hier aussah, konnte man in seinen hintersten Winkeln auch kleine Kinder kaufen. Eingepackt oder frei laufend, ganz egal.
Karin wiederholte in lauerndem Tonfall ihre Frage, weshalb wir diesen Weg genommen hatten; ich kannte sie nur flüchtig, aber ich konnte mir vorstellen, wie sie sich darauf freute, völlig auszurasten, falls der Fahrer vorhaben sollte, unter einem fadenscheinigen Vorwand bei einem dieser Läden zu halten. Aber der war ganz sachlich und meinte, das wäre eine Abkürzung, die anderen Straßen zum Hotel wären alle verstopft.
„Eh, klar. Und da ist frei. Also führ's nieder die Kanaken, ich muss scheißen.“
Kurt ...

Zeit 2001-12-19T13:20:45.234+01:00
Ort 14.671864° N, -17.435464° O, Level 17

Das normale Leben

Bahnhofsviertel, Dakar – außen/Tag

Nach der Marktquerung ließen wir das Dakar des Drängens, Stoßens und Klauens hinter uns und erreichten eine gesichtslos hässliche aber ruhige Gegend, in der wir tatsächlich freie Fahrt hatte. Wir rumpelten über eine Art lokale Geschäftsstraße, in die sich sonst wohl kaum ein Weißer verirrte. In Läden, die mich an ausgebrannte Garagen denken ließen, stapelten sich Reissäcke aus Thailand, Gebrauchsgegenstände aller Art, Werkzeuge und Kinderspielwaren, von den Decken hingen in dichten Bündeln winzige Plastiksäckchen voll Zucker, Nescafé, Waschpulver oder Instantmilch. Ich betrachtete die Fremdartigkeit, in der sich hier das normale Leben der Bevölkerung abzuspielen schien, Karin stocherte auf ihrem Palm herum und Kurt wurde schlecht.

Zeit 2001-12-19T13:30:39.406+01:00
Ort 14.673618° N, -17.432513° O, Level 17

Durchfall

Bahnhofsviertel, Dakar – außen/Tag

Das äußerte sich zunächst darin, dass er beharrlich schwieg, später rülpste, einen üblen Wind streichen ließ und schließlich befahl zu halten. Kurt riss die Wagentüre auf und rannte zum Straßenrand, wo er sich hinter ein geschnitztes Betthaupt hockte und seinem Durchfall freien Lauf ließ. In der folgenden turbulenten Szene bewies er immerhin die Größe der Unbeirrbarkeit. Das mächtige geschnitzte Betthaupt war keineswegs ein verwaistes Stück Müll am Straßenrand. Es stand gemeinsam mit Kommoden, anderen Betten, tapezierten Sofas und vorweihnachtlich dekorierten Puppenhäusern in einer Art Freiluftauslage, die dem Tischler, der all das hier hingestellt hatte, auch als Werkstatt diente. Dieser Tischler rannte nun schreiend und mit seinen schwarzen, muskulösen Armen gestikulierend auf Kurt zu, der das feilgebotene Mobiliar wie jeder normale Europäer für einen Haufen Schrott gehalten und irrtümlich mitten in ein typisches senegalesisches Möbelgeschäft geschissen hatte. Der Tischler brüllte nach Wiedergutmachung, Kurt brüllte nach Klopapier und Karin näherte sich in einwandfreier Haltung mit einem 10.000-CFA-Schein für den einen und

Zeit 2001-12-19T13:30:39.406+01:00
Ort 14.673618° N, -17.432513° O, Level 17



einer Packung Taschentücher für den anderen dem Schauplatz. Von der folgenden Diskussion war bei uns im Wagen kein Wort zu verstehen, aber der Anblick war einiges wert. Kurt wischte sich den Hintern ab und schnaubte den wütenden Senegalesen mit hervorquellenden Augen an, Karin sprach leise und sachlich und der Senegalese warf den ihm zugesteckten Geldschein auf den Boden. Rund um die kleine Gruppe versammelten sich andere Schwarze – Händler, Kinder und Frauen – die teils lachten, teils ärgerlich wirkten und teils Kurts weißen Hintern inspizierten. Über all diese Pracht breitete eine Akazie das Dach ihrer Äste und einige Ziegen rupften an den Grasbüscheln am Straßenrand. Es hat auch Vorteile, wenn man nicht zum Essen kommt.

Zeit 2001-12-19T14:00:34.234+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18 noPan
Pfeil 225° 14.667277° N, -17.430899° O,

Chi

Chis Zimmer im Teranga Hotel, Dakar – innen/ Tag

Und zum Essen kam ich nicht. Sobald wir im Hotel angekommen waren, rannte Kurt aufs Klo, Karin und Henning schlenderten zum Restaurant, der Tonmann hatte für den Rest des Tages frei und Monsieur Dubos wollte es sich nicht nehmen lassen, Mireille eine lauschige Terrasse zu zeigen, von der man einen Ausblick „très romantique“ hatte. Arme Puderquaste. Aber auch: armer Chi.
Armer Chi, das bin ich. Eigentlich heiße ich Martin Tschirner, aber weil in Österreich fast jeder Martin heißt, werde ich seit der Untermittelschule Chi gerufen. Von Chirner. Und jetzt, während alle anderen fraßen, schissen, die Aussicht genossen oder sonst wie Spaß hatten, bereitete ich mein Zimmer auf das Sichten vor: Ich baute den Monitor auf, schloss ihn an die Kamera an und checkte die Aufnahmen. Henning hatte aus den Möglichkeiten das absolute Maximum herausgeholt. Ich mochte seine Arbeit. Selbst bei einem so banalen Dreh und mit den Mitteln einer Reportage für den aktuellen Dienst gelang es ihm, das Leben der Menschen und die Leidenschaft darin einzufangen. Er war der perfekte Betrüger.
Ich ergänzte die Materiallisten und notierte vorab

Zeit 2001-12-19T14:00:34.234+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 225° 14.667277° N, -17.430899° O,



die Timecodes der wichtigsten Szenenwechsel – üblicherweise hüte ich mich davor, Einfluss auf die Materialauswahl zu nehmen, aber Karin und Henning hatten praktisch während des Drehs entschieden, welche Sequenzen in den Schnitt kommen sollten; und als braver Assi hatte ich das natürlich alles im Kopf. Nur einmal würde Kurt grunzen, was uns Arschlöchern einfiel, seine Scheißarbeit zu machen und dass diese oder jene Szene sicher kein Kopierer war – Kurt verstand sich auch bei einem Videodreh als Film-Regisseur – aber sonst war alles so gut wie geritzt. Nach einer Dreiviertelstunde war unser Sichttermin vorbereitet, als wäre er meine Meisterprüfung: Der Monitor lief, das Band war vorbereitet, die Timecode-Zählung durchgeschaltet, die Kassetten standen in Reih und Glied, die Materiallisten lagen in einem präzisen Stapel parallel zur Tischkante, in Griffweite daneben ein Kugelschreiber. Der große Ledersessel genau vor dem Monitor war für Kurt, der Rohrsessel mit Polster daneben für Henning, der zweite Rohrsessel mit Polster seitlich beim Tisch für Karin und ich würde neben der Kamera stehen. Langsam fragte ich mich, was unser Gestalter- und Produktionsteam so trieb. Einen flotten Dreier?

Zeit 2001-12-19T14:00:34.234+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
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Mit Kurt und Henning als Mackern konnte das wohl kaum so lange dauern. Es blieb nichts anderes zu tun, als mir zu überlegen, was ich tun könnte. Wenn ich jetzt begann, die Optiken zu reinigen, würde garantiert die Türe auffliegen und Kurt mich im Moment anbrüllen, dass ich die ganze Partie aufhielt. Also würde fürs Putzen der Rest meines Nachmittags draufgehen und ich entschied, nichts zu machen. Ich stellte mich müßig ans Fenster und war ehrlich überrascht.
Nachdem ich in meinen ersten 21 Stunden in Dakar hauptsächlich Chaos, Dreck, Fremdheit und Gedränge erlebt hatte, bot sich mir hier ein neues Bild: Mein Zimmer lag an der der Stadt abgewandten Seite unseres Hotels und vor mir breitete sich der Atlantik aus. Graublau und kräftig, die Sonne hämmerte ihn zu einer dimensionslosen Fläche. Wie ein Scherenschnitt ragte eine zerklüftete Felsinsel aus der gleißenden Wasserplatte und ich fragte mich, ob das das berüchtigte Sklaveneiland Gorée war.
Schräg unter meinem Fenster führte eine Holzbrücke vom Hotel zum Strandrestaurant. Man brauchte sich also am Weg zum Candle-Light- Dinner nicht unter den Pöbel der Straße zu mischen,

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wenngleich es auf dieser schmalen, von Bäumen gesäumten, elitären Straße, an der – so stand es in der Room-Info – auch der Präsidentenpalast lag, wohl kaum Pöbel gab. Sonst mochte Dakar reich mit Pöbel gesegnet sein, aber das hier war das Teranga Hotel und den Geschäftsleuten und Superreichen vorbehalten.
Das Wort 'Teranga' ist Wolof und bedeutet Gastfreundschaft. Ich hatte einige Worte dieser verrückten, bellenden Sprache gelernt. Immerhin würde ich hier einen Urlaub anhängen.

Zeit 2001-12-19T15:00:04.828+01:00
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Staatsfernsehen

Chis Zimmer im Teranga Hotel, Dakar, innen/ Tag

Als Henning, Karin und Kurt ohne zu klopfen in mein Zimmer krachten und mich so aus meiner Träumerei rissen, war ich mir für meine präzise Vorbereitung sehr dankbar. Kurt mochte ein perverser, verrückter, rassistischer Sadist sein, aber er arbeitete wie eine Maschine und man konnte unmöglich mit ihm Schritt halten, wenn man zerstreut war.
Nach weniger als 30 Minuten waren alle "Kopierer" notiert und Karin gab mir die Adresse von Image Afrique, der Produktionsfirma, zu der alle Bänder und Listen nach Abschluss des morgigen Vormittagsdrehs gebracht werden mussten. Wenn das Material vor 11:00 bei Image Afrique eintraf, konnte unser kurzer Beitrag in den Hauptnachrichten des senegalesischen Staatsfernsehens RTS1 gezeigt werden.
Darauf war der ganze Deal mit Kurt angeblich ausgerichtet. Cola wollte in die Nachrichten. Sie sahen unseren kleinen Film, der die Qualifikation des senegalesischen Teams für die von Coca-Cola gesponserte Fußball-WM zusammenfasste und die von Coca-Cola finanzierte Präsentation des originalen WM-Pokals in Dakar zeigte, als landesweit

Zeit 2001-12-19T15:00:04.828+01:00
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relevante Nachricht und nicht als Promotion; Coke ist ein Teil des Lebens, hatte uns Monsieur Dubos am Vormittag erklärt. Und warum klappte das alles? Weil es Karin in ihrem Job offenbar ziemlich drauf hatte. Sie war maximal einen Meter fünfundfünfzig, ihre blonde Kurzhaarfrisur hielt vermutlich auch einem Orkan stand und selbst in ihrem sportiven Set-Outfit wirkte sie staatstragend. Henning pflegte als eine Art Kompliment über sie zu sagen: „Wenn einer der Filmindustrie einen Gefallen tun will, muss er Karin in einer Auflage von ca. 1000 Stück produzieren und in Schachteln überall hin verschicken, wo Außendrehs unter schwierigen Bedingungen stattfinden.“ Und die Bedingungen hier waren schwierig. Es mangelte uns an nichts, aber Dakar war eine ziemlich unübersichtliche Stadt, in der man sich auf nichts verlassen konnte. Die Jungs vom senegalesischen Cola-Abfüller zum Beispiel waren eine hirnweiche Bande, von deren Ortskundigkeit wir herzlich wenig hatten. Wann immer wir etwas brauchten, rannten sie nicht los und holten es, sondern stritten zunächst, wessen Verwandtschaft das Geschäft vermittelt werden sollte und waren dann nicht bereit, den Weg der Besorgung auf sich zu nehmen.

Zeit 2001-12-19T15:00:04.828+01:00
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Der Dienstleistungsgedanke schien in Afrika nicht sehr verbreitet zu sein. Und auch die Hintermannschaft unseres Produktionsabenteuers war reichlich dubios. Ich bekam nur bruchstückhaft mit, wie die Vielzahl an Verantwortlichen seitens der SOBOA ihre Verantwortung nur dann innezuhaben schien, wenn sich damit persönliche Vorteile erzielen ließen, und wie sich die klaren Strukturen, die Cola auch in diesen Teil der Welt gebracht zu haben glaubte, in diffuse Delegierungspirouetten auflösten, sobald man eine verbindliche Zusage benötigte. Das Härteste aber war Kurt. Hin und wieder zu verhindern, dass ihn irgendjemand in seiner eigenen Scheiße erstickte, war noch das geringste Problem. Das wirkliche Übel war: Kurt war ein Arschloch. Er zwang dich, seinen Job zu machen, indem er ihn selbst nicht machte, und wenn dir dann was danebenging, ließ er dich hängen. Angeblich wurde seinetwegen mal ein Produktionsassi zu zwei Jahren verknackt und hat sich deswegen umgebracht. Also musste Karin hier ohne Rückendeckung den gesamten Laden schmeißen und hatte nebenbei den Schnitt so organisiert, dass die Archivbilder der WM- Qualifikation bereits geschnitten bei Image Afrique

Zeit 2001-12-19T15:00:04.828+01:00
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lagen und ein Vertrag diese Leute verpflichtete, das aktuelle Material, das ich ihnen morgen bringen würde, innerhalb von zwei Stunden in den Beitrag einzuarbeiten, die Sache zu mischen und sendefähig zu einer improvisierten Abnahme in unser Hotel zu bringen. Falls die Ausstrahlung durch Verschulden der lokalen Produktionsfirma nicht zustande kam, war der Gerichtsstand für die Schadenersatzverhandlung das Handelsgericht Berlin, wo Kurts Anwalt saß. Vor so etwas habe ich Respekt. In erster Linie, weil ich es mir nicht erklären kann. Karin war genau wie ich das erste Mal in Dakar und während ich hier nicht einmal eine Busstation hätte finden können, fixierte sie heikle Verträge und zog Leute über den Tisch. Außerdem hatte sie, wie viele kleine Frauen, eine wirklich anregende Figur.
Aber das war nicht mein Thema. Kurt beschlief sie. Und ich, ich beschlief schließlich Susanne. Und zwar nach dreimonatiger Pause ab morgen wieder. Darauf freute ich mich.

Zeit 2001-12-19T16:00:38.640+01:00
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Susanne

Chis Zimmer im Teranga Hotel, Dakar – innen/ Abend

Susanne. Kurt mochte der Welt seinen Gewinn abjagen, indem er über Irrsinnsdrehs wie diesen seinen Ruf festigte, überall auf der Welt alles auf Sendung bringen zu können. Wahrscheinlich hatte er diesen Job fixiert, als er besoffen mit den Freunden seiner Frau in einem piekfeinen Investors' Club herumgehangen war und lauthals über die lächerlichsten Möglichkeiten, Fernsehen zu machen, sinniert hatte. Bis ihm jemand einen TV-Dreh in Dakar angeboten hatte, wo die Bimbos die Steckdosen verklebten, damit der Strom nicht auslaufen konnte - huahaha!
Und wahrscheinlich hatte Kurt dann hervorgerülpst, dass er auch dort mit jedem Mist tagesaktuell auf Sendung sein würde, sogar wenn jeder vollgeschissene Ü-Wagen Afrikas gerade die Rallye übertrug. Und dann hatte durch Zufall Henning von der Geschichte gehört und ich hatte einen Gratisflug nach Dakar in der Tasche. Plus Gage und Spesen. Vielleicht war das nicht die Herrenart, aber auf diese Weise bekam ich von der Welt, was ich brauchte.
Und den Flug nach Dakar brauchte ich, weil Susanne bereits seit drei Monaten in dieser Stadt

Zeit 2001-12-19T16:00:38.640+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
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war und keine Anstalten machte zurückzukommen. Also musste wohl was dran sein, an dieser Stadt. Nach zwei Tagen hier fragte ich mich allerdings noch immer, was das sein mochte.
Dieser Frage war ich in den letzten drei Stunden nachgegangen. Ich hatte die Optiken gereinigt und dem Sand bis in die hintersten Gewinde unserer Kamera nachgestöbert. Und mit jedem Gedanken an Susanne, die hier seit drei Monaten lebte, hatte dunkler Groll die automatisierten Handgriffe der Kamerapflege verlangsamt und ins Stocken gebracht. Als Kameraassi bin ich schon ein bisschen herumgekommen und ich habe einige Städte gesehen, in denen ich es mühelos drei Monate lang ausgehalten hätte. Dakar gehörte nicht dazu. Dakar war hässlich, laut und heiß und selbst Susanne konnte sich nicht ernsthaft in diese Stadt verliebt haben. Ich setzte das Objektiv wieder auf und dachte über all die Männer nach, die ich in den letzten zwei Tagen gesehen hatte. Kein Wunder, dass sogar die alte Nazizicke Riefenstahl nach Afrika gefahren war, um wirklich heroische Männer zu knipsen. Susanne war allerdings das exakte Gegenteil einer alten Nazizicke, nur hätte ich mich entschieden besser gefühlt, wäre sie gepanzert mit rassistischem

Zeit 2001-12-19T16:00:38.640+01:00
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Dünkel nach Afrika gereist. Aber sie war offen und locker und sexy und sie liebte große, schlanke Typen. Ich bin ein großer, schlanker Typ. Auf dem Foto, das sie mir ganz am Anfang unserer Beziehung mürrisch aus der Hand gerissen hatte, nachdem es mir aus einem ihrer Bücher entgegengetrudelt war, war ein großer, schlanker Typ zu sehen gewesen. Und wann immer sie jemanden so angesehen hatte, dass ich mich darüber hatte ärgern müssen, war es ein großer, schlanker Typ gewesen. Vielleicht war ja der ideale Mann im Senegal ein buckliger, linkischer Fettsack mit O-Beinen, der Durchschnittstyp auf der Straße jedenfalls war groß und schlank und sah verdammt geschmeidig aus in seiner schwarzen Haut.
Henning hatte mich einmal gefragt, ob ich nicht hin und wieder die Krise bekam, wenn meine Frau – Henning sagte das so – ständig unterwegs war. Und nicht vielleicht für ein Wochenende: Forschungsprojekt hier, Studienreise da, dazwischen mal ein Auslandssemester und jetzt eben Diplomarbeit in Afrika.
Wenn man Sorgen hatte, war es bestimmt blöd, Henning darüber zu informieren, aber es war nicht nur gelogen, als ich ihm sagte, dass ich es spannend

Zeit 2001-12-19T16:00:38.640+01:00
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fand, den Menschen, mit dem ich seit vier Jahren zusammen war, immer wieder neu kennenzulernen. Außerdem, was sollte ich sagen? Mein Job war auch nicht gerade nine-to-five.
Henning: „Ich meine, glaubst du, dass sie dir treu ist?“
Na ja. Die Treue.
„Wenn sie mir so treu ist wie ich ihr, gibt es genug zu streiten, aber keinen Grund, die Beziehung zu canceln.“ Soweit zumindest die Antwort für Henning. Als die Kamera fertig war, ich sprang unter die Dusche, schnappte mir ein Säckchen gesalzener Erdnüsse und spülte sie mit einem Bier aus der Minibar hinunter. Ich hatte keinen Grund mich aufzuregen. Susanne schrieb hier ihre Diplomarbeit über Agrotourismus in Entwicklungsländern oder was weiß ich und es war nicht das erste Mal in unserer Beziehung, dass sie ein paar Monate weg war.
Im letzten Jahr hatte sich einiges an Gewohnheit in unsere Beziehung geschlichen und vielleicht hatte diese Trennung mehr genutzt als geschadet.
Meine Arbeit war morgen Nachmittag erledigt und wenn mit dem administrativen Kram alles glatt lief, konnten wir Freitagnacht Wiedersehen feiern.

Zeit 2001-12-19T16:00:38.640+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
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Als kleine Überraschung hatte ich mit Karin ausverhandelt, dass unser Geländewagen nach dem Dreh auf meinen Namen umgeschrieben wurde; wegen der Firmenkonditionen. Susanne und ich konnten also in meinen zwei Urlaubswochen gepflegt durch den Senegal cruisen und weiße Flecken auf unserer Landkarte tilgen.
Für Susanne wäre unser Trip wohl so eine Art Feldforschungsreise, aber mir war das egal: Von mir aus konnte sie jeden Stammesältesten auf unserem Weg befragen, während ich im Schatten lümmelte und die Aussicht genoss.
Ich freute mich auf sie. Wirklich.
Also leerte ich mein Bier und rief sie an.

Zeit 2001-12-19T17:15:20.750+01:00
Ort 14.708146° N, -17.270851° O, Level 11

Rufisque

Chis Zimmer im Teranga Hotel, Dakar – innen/ Tag

Trotz meiner Freude und all der Vertrautheit dachte ich im ersten Moment, ich hätte Dr. Quintett, die Ärztin aus Leidenschaft, am Apparat. Es war nicht so leicht. Drei Monate lang hatten wir einander hauptsächlich in Gestalt kitschiger short messages und informeller Mails gehabt, da ist ein echtes Gespräch ein bisschen – echt. Trotzdem bemühte ich mich, ganz locker zu sein, plauderte los, schilderte – nicht ganz wahrheitsgemäß – meine Eindrücke und lauschte auf die Geräusche im Hintergrund. Susanne war im Auto unterwegs, wie es schien. Als mir nichts mehr einfiel, lud ich sie kurzerhand zum Essen in unser Teranga Hotel ein, was sie rundheraus ablehnte. Sie mochte Dakar Ville nicht so und wollte mir lieber zeigen, wie diese Stadt wirklich war. Ansonsten war sie gerade mit einem Freund unterwegs, um sich eine Frauenwerkstatt in der Nähe von Rufisque anzusehen. Der Freund ließ mich mit dunkler, rauer Stimme grüßen, als ich mich nach ihm erkundigte. Ich wurde ein bisschen störrisch, fand, dass es wesentlich einfacher war, wenn sie zu mir kam, immerhin kannte ich mich kaum aus in Dakar, und wenn die Nachbarschaft hier fein genug war für den Präsidenten, warum

Zeit 2001-12-19T17:15:20.750+01:00
Ort 14.708146° N, -17.270851° O, Level 11



sollte sie nicht auch uns konvenieren? Es sollte ein Witz sein, dennoch klang Susannes Antwort gereizt: Den Präsidenten der Republik Senegal als fein zu bezeichnen, könne nur jemandem einfallen, der keine Ahnung von den Verhältnissen hier hatte – sie könne mir das gerne mal in Ruhe erklären, überhaupt gäbe es einiges zu besprechen.
Offenbar hatte es wenig Sinn, mit ihr zu diskutieren. Sie war in kämpferischer Stimmung und so ließ ich mir die Adresse des Lokals geben, in dem sie gedachte, mich in die Geheimnisse Afrikas einzuweihen und überhaupt einiges mit mir zu besprechen. Es lag in einem Stadtteil, der Medina hieß und vor dem uns Karin vor Drehbeginn in einem Mail über die Dos and Don'ts im Senegal gewarnt hatte.

Zeit 2001-12-19T18:00:06.453+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18 panFirst
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Wonder Years

Chis Zimmer im Teranga Hotel, Dakar – innen/ Abend

Auch unmittelbar nachdem ich aufgelegt hatte, war ich mir nicht sicher, was Susanne eigentlich gesagt hatte. Ihre Stimme hatte fremd geklungen, als hätte sie einen leichten Akzent, im Hintergrund hatte ich Verkehrslärm und auch immer wieder die dunkle, tiefe Stimme ihres Freundes hören können. Sicher war ich mir nur, dass Susanne gesagt hatte, sie hätte „überhaupt einiges mit mir zu besprechen“. Susanne konnte sehr pragmatisch sein und wenn ihr etwas wichtig war, wenn sie zum Beispiel eine Frauenwerkstatt besichtigen wollte, sagte sich eher „Ich muss überhaupt einiges mit dir besprechen“ als zum Beispiel „Ich liebe dich“. Immerhin hatte ich auch nicht „Ich liebe dich“ gesagt. Aber auch nicht „Ich muss überhaupt einiges mit dir besprechen“. Und ich war auch nicht gerade mit einer Freundin unterwegs. Ich saß allein in meinen frischen Unterhosen am Bett, mein Telefon lag neben mir und aus der Klimaanlage sickerte kühle, feuchte Luft. Ich ging hinüber zum Kühlschrank und schnappte mir ein zweites Bier.
Ist ein „Ich-muss-überhaupt-einiges-mit-dir- besprechen“ nicht eigentlich ein „Ich-muss-mit- dir-reden“? Der Teppich unter meinen nackten

Zeit 2001-12-19T18:00:06.453+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 225° 14.667277° N, -17.430899° O,



Zehen fühlte sich nach Fußpilz an. Weit hinten in meinem Kopf sang Joe Cocker „What would you do if I sang out of tune ...“ und Kevin Arnold brachte mir mit seinem Fahrrad genau jenen Teil des Lebens vorbei, der nie besser wurde. Wie ein pickeliger Teenager analysierte ich jeden Atemzug unseres Gesprächs und war mir einfach nicht sicher: Wollte mich mein Susanne-Stern abservieren oder hatte ich ein Nachmittagsbier zu viel. Ich ging noch mal unter die Dusche, putzte mir die Zähne und versuchte, den Rest des Abends zu verbringen. Dazu klingelte ich zunächst bei Henning rein und der meinte, er hätte gerade den Blues, eine liebeskranke Flasche wie ich wäre also genau die richtige Gesellschaft für ihn.

Zeit 2001-12-19T18:30:01.703+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 315° 14.667489° N, -17.431092° O,

Henning

Hennings Zimmer im Teranga Hotel, Dakar – innen, Abend

Henning saß in seiner Unterhose auf dem Bett, als ich hereinkam. Das war an sich schon keine gute Sache. Henning war dicklich und käsig und seine Beine waren das Zuhause von wenigen borstigen Haaren und einer beträchtlichen Anzahl von Mitessern. Darüber hinaus war er deutlich betrunkener als ich. Er brauchte kein Wort zu sagen, ich sah es an seinen Augen. Seit ich ihn kannte, faszinierten mich Hennings Augen und wann immer ich mit ihm unterwegs war, begann ein kleiner, aber sehr aufmerksamer Teil von mir, diese Augen sorgenvoll zu mustern. Henning war blass, schwarzhaarig und hatte hellblaue, ungesund wässrige Augen, die in ihren Höhlen zu schwimmen schienen. Wenn Henning sich einem Menschen zuwandte, über den er etwas wissen oder den er einfach nur genau ansehen wollte, schwappten seine Augen ein winziges Stück aus seinem Kopf heraus und reckten sich diesem Menschen einen kurzen, äußerst verletzlichen Moment lang entgegen. Dann verhärtete sich Hennings Gesicht und er fraß mit seiner Kamera alles auf, was seine molluskenhaften Augen gesehen hatten. Ohne seine Kamera neigte Henning dazu, dümmlich zu glotzen, was ihm eher

Zeit 2001-12-19T18:30:01.703+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 315° 14.667489° N, -17.431092° O,



bescheidene Erfolge bei den Frauen eintrug. Die wenigen, die fanden, dass er mit seinen treuherzigen Kuhaugen sehr süß war, gefielen Henning in der Regel nicht und die anderen hielten lächelnd immer genug Abstand, dass er sie nicht berühren konnte. Also lebte Henning als unbegehrter Single und ich kannte mit großer Wahrscheinlichkeit niemanden, der soviel onanierte wie er. Ich war an seine sexuelle Unausgeglichenheit mehr als gewöhnt und hätte schon in meinem Zimmer wissen müssen, dass Henning an fieberhafter Geilheit litt, seit wir in Dakar angekommen waren. Und tatsächlich raunzte er mir vor, dass er den ganzen Tag einen Ständer hatte wegen der afrikanischen Frauen – eine glänzende Hilfe in meiner Lage. Henning war mein Partner, ein guter Kameramann und ein netter Kerl. Und ich war ein guter Kameraassistent, auch ein netter Kerl und ich war wirklich auch Hennings Freund. Aber seine Abhandlungen über seinen Stuhlgang, seine Erzählungen über die Trauer, die er empfand, wenn sein salziger Samen auf kahle Badezimmerkacheln klatschte, anstatt auf mächtige Brüste niederzuregnen und seine Art, einen zu zwicken und albern zu kichern, während er einem all das erzählte, machten Henning nicht

Zeit 2001-12-19T18:30:01.703+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 315° 14.667489° N, -17.431092° O,



gerade zu meinem liebsten Saufkumpan. Er zwitscherte Gin Tonics und machte keinerlei Anstalten, sich mehr anzuziehen, als seine labbrigen Unterhosen. Also schlug ich vor, in eine der Bars zu gehen, wo wir vielleicht eine dieser sagenhaften Frauen kennenlernen konnten. Obwohl Henning ganz bestimmt am glücklichsten war, wenn er einfach nur wichsen konnte, war das die verlässlichste Methode, ihn zum Aufbruch zu bewegen.

Zeit 2001-12-19T18:35:56.765+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 45° 14.667728° N, -17.431247° O,

Desaster

Lobby des Teranga Hotel, Dakar – innen, Abend

Als er den Gang entlang wankte, seine Adjustierung ein Desaster, ungeduscht und in einem fort von schwarzen, weiblichen Genitalien labernd, war er mir peinlich.
Dennoch zog ich seine Gesellschaft jederzeit der von Kurt vor. Und an Alleinsein war ohnehin nicht zu denken.
In der Lobby angekommen konnten wir uns für keine der drei Bars entscheiden und Henning latschte ein Weilchen ziellos in der Empfangshalle umher. Schließlich meinte er, er habe Hunger.

Zeit 2001-12-19T18:50:52.390+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 225° 14.666763° N, -17.430614° O,

Schönheitspflicht

Teranga Hotel/ Piscine – außen/ Abend

Also stapften wir über die Holzbrücke unter meinem Zimmerfenster und ich war überrascht, dass die Sonne im Winter auch in Afrika so früh unterging. Die felsige Küste war in abendlich weiches, goldenes Licht getaucht, am Ende der Brücke wand sich eine Treppe zum Pool hinunter, der etwa 10 Meter über dem Meer in ein künstliches Plateau eingelassen war; man musste hier ziemlich gut aussehen, um nicht gegen den Blick auf den Atlantik abzustinken, von den letzten Gästen an der Poolbar einmal ganz abgesehen. Trotz Schönheitspflicht herrschte eine durchaus entspannte Atmosphäre am piscine und Henning und ich wurden einfach ausgeblendet. Uns hafteten keinerlei Merkmale an, die uns von Steinen, Luft oder unvermeidlichen Begleit- erscheinungen unterschieden hätten. Ohne Blicke auf uns zu ziehen, wandelten wir am Pool entlang und da Henning der stärker Ignorierte von uns beiden war, drückte er sich seine Sonnenbrille auf die Nase. Schutzreflex.

Zeit 2001-12-19T19:10:47.656+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 135° 14.666794° N, -17.430298° O,

Le Niane

Teranga Hotel/ Restaurant Le Niane, Dakar – innen/ Abend

Leider konnte ich deshalb nicht sehen, wie sich seine Augen dem Restaurant selbst entgegenstülpten. Eine Natursteintreppe verband den coolen Kosmos um den blauen Pool mit der fernen gastronomischen Galaxie im Schatten umsichtig arrangierter, tropischer Pflanzen. Le Niane, so der Name dieser ans Meer geschmiegten Verschwendung, war sehr darauf bedacht, seine Gäste wissen zu lassen, dass sie sich nun in den Schoß des unbezahlbaren Luxus begaben. Die Preise waren hoch, das dornige Wuchern der Sahelvegetation war in strenge Beete gebannt und jede Fläche ein gekacheltes Bollwerk gegen das Chaos von Dakar. Dennoch knirschte Sand unter meinen Schuhsohlen, als ich mit meinem Zimmerschlüssel vor der steinernen Miene des französischen Restaurantmanagers klimperte, der daraufhin aus dem Mundwinkel einen schwarzen Kellner herbeizischte, uns an einen Tisch zu führen.
Das war der Moment, in dem Kurt bewies, dass eine hermetisch noble Attitüde niemals ausreicht, um wirklich selbstherrliche Arschlöcher in Schach zu halten.
„Das Geschmeiß und sein Assistent naht sich!“,

Zeit 2001-12-19T19:10:47.656+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
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grölte er und um Karins demonstrativer Ungerührtheit doch noch einen Stich zu versetzen, fügte er auf Französisch hinzu: „Henning, du alter Wichser! Ist es dir schon langweilig, dass dir immer nur dein hübscher Assi die Schärfe zieht!“
Henning tat das, was er abgesehen von Kadrieren und Wichsen am besten konnte und rülpste. Wir waren offenbar vom Film.
„Setzt euch doch“, meinte Karin. Ich glaube nicht, dass sie Empfindungen hat.
„Ihr Orschlöcher fressts doch sicher einen Hummer auf meine Kosten“, leitete Kurt unser freundliches Geplauder ein.
„Hummer derscheiß ich net.“
Das hatte ich Henning beigebracht.
„Und ich hätt lieber eine Flugente.“
In der ersten Runde waren wir gar nicht so schlecht und Karin lachte. Ihr Versuch, die Konversation in geordnetere Bahnen zu lenken, indem sie mir etwas über ihre letzte, sensationelle Erfahrung mit Flugente in der Südsteiermark erzählte, versiegte allerdings unter Kurts Rüpeleien. „Ok, ihr Trottln,“ schnaufte er, „hauts euch sonst was eine.“
Ich ließ mir Cigale de Mer angelegen sein, Henning geruhte, gegrillten Thioff zu speisen, und Kurt machte Konversation.

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Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 135° 14.666794° N, -17.430298° O,



„Horch Henning, du kennst dich doch mit diesem Handheld-Schaß aus.“
Männer in der Medienbranche lieben technischen Klimbim, mit dem sie sich für gewöhnlich nicht auskennen, und halten es für total kollegial, andere damit zu behelligen, indem sie sie um Rat fragten. In Wahrheit liegt dieser geheuchelten Naivität der Technik gegenüber eine zwingende hierarchische Logik zugrunde: Kurt ist Produzent, also der Knabe, der am besten Bescheid weiß, sich aber auch nicht mit jedem fieseligen Detail auskennen kann. Henning ist Kameramann, also Künstler, und keinesfalls erdig genug, um die technischen Details eines End-User-Geräts behalten zu können. Dafür gab es mich. Und natürlich: „Ich eigentlich nicht. Aber der Chi ist da ordentlich fit.“
Danke Henning.
„Ah so? Na, wennst eh was weißt, wieso bist dann Assi?“
„Ich leg mir was auf die Seite, bis ich groß bin und beim Mediamarkt arbeiten kann.“
Zum zweiten Mal Karin: Sie lachte und rettete mich. Kurt lachte auch ein bisschen und Henning kicherte albern.
„Solangst noch Zeit hast vor der großen Karriere,

Zeit 2001-12-19T19:10:47.656+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 135° 14.666794° N, -17.430298° O,



kannst mir vielleicht eins erklären: Ich hab so einen Portabel-Computer und der ist mit meiner Organizer-Software kompatibel. Das heißt, wenn ich unterwegs bin und mir vom Portable aus einen Termin heimschick, trägt sich der automatisch in meine Agenda ein und ich kenn mich aus. Nur, wie schick ich des?“
„Wahrscheinlich hat dein Portable einen PCMCIA-Slot. Da steckst ein Card Phone oder eine PC-Steckkarte rein, die du mit dem Mobiltelefon verbinden kannst. Dann wählst dich für ein Schweinegeld ins Internet und schickst dir den Termin als .vcal-Datei.“ „Super, beim Einestecken bin i guat.“ Niemand sagte etwas, Karin schaut kurz ihre Fingernägel an. Ich konnte ihr auch nicht helfen. „Und wenn ich keine solche geschissene Karte hab?“
„Dann geht nix.“
„Das ist ein Orschklumpert! Wenn ich einen Film verkauf, den man sich selber kolorieren muss, tragen's mich auch scheißen. Ich würd gern einmal etwas kaufen, das ich nur aus der Schachtel nehmen muss und es spielt, was draufsteht.“
„Ja, dann rufst du eben deine Sektretöse im Büro an und sagst ihr, sie soll dir was in den Kalender schreiben.“

Zeit 2001-12-19T19:10:47.656+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 135° 14.666794° N, -17.430298° O,



„Super Henning, und für das brauch ich einen Personal Organizer. Sauf an Schnaps mit mir, du Bauernschädel.“
Das Vorspiel war beendet. Kurt orderte eine Flasche Wild Turkey – in den 70er Jahren war das komplett hip, hatte mir Henning einmal erklärt – und Karin erwies sich mit dem Vorschlag, die Drinks an der Bar zu nehmen, während wir auf das Essen warteten, als glänzende Strategin.

Zeit 2001-12-19T20:00:29.578+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 225° 14.666825° N, -17.430448° O,

Wild Turkey

Teranga Hotel/ Bar des Le Niane, Dakar – innen/ Abend

Der Whiskey veränderte die Stimmung. Bisher hatte jeder von uns ohne Ehrgeiz oder nennenswerte Absichten seinen verspäteten Nachmittagsdusel ergänzt, aber der Schnaps machte unser Unterfangen zu einer ernsten Angelegenheit. Laden war laut Dispo um 07:30, trotzdem schenkte Kurt ein als hätten wir es schon hinter uns. Ich war auf der Hut.
Im Hintergrund servierte ein junger Kellner mit unnahbarer Geste eine Speise in einer Art Pokal an unseren Tisch und fand ihn leer. Diese kleine Überraschung blies die gastgewerbliche Haltung von seinen Schultern und ließ einen ratlosen Burschen mit einem lächerlichen Gericht vor einem unnatürlich weißen Tisch zurück. Selbst an das Elend der Dienstleisterei gewöhnt gab ich ihm ein Zeichen und er schleppte den Teranga Shrimp- Cocktail mit breitem Grinsen zu uns an die Bar. Karin hatte ihn bestellt. Kurt berichtete ausschweifend von diversen Afrika-Drehs, Henning assistierte mit Phantastereien über eine Teilnahme an der Rallye Paris-Dakar und Karin pickte in ihrem Salat. Das Thema Autorennsport hielt ein Weilchen und ich gab meine Geschichte vom Kart Racing zum

Zeit 2001-12-19T20:00:29.578+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 225° 14.666825° N, -17.430448° O,



Besten. Im Groben ging es in der Geschichte darum, dass ich vor Jahren in der Haarnadel auf der Wurz-Bahn ungebremst geradeaus gefahren und aus dem Kart geflogen bin. Eine gute Geschichte: Viel Fachsimpelei, viele Witze über Wurz und jeder konnte ein bisschen locker plaudern. Dann war die Strategin Karin mit ihrem Salat fertig, flüsterte Kurt eine Kleinigkeit und musste mal eben auf ihr Zimmer. Die Dispo ließ sie uns da; und die Flasche; und den Ständer in Hennings Hose; und natürlich Kurt. Keine gute Geschichte. Was vor uns lag, waren die Ingredienzien einer Geschichte, die erst eine werden musste. Etwas, das wir nun schmerzlich durchleben würden, bevor es eine Geschichte wurde, die man vielleicht das nächste Mal erzählen konnte, in der Hoffnung, damit eine Katastrophe abzuwenden.

Zeit 2001-12-19T20:25:23.437+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 225° 14.666825° N, -17.430448° O,

Schoko-Erdbeer-Tascherl

Teranga Hotel/ Bar des Le Niane, Dakar – innen/ Abend

Karin war noch nicht am Fuß der schmucken Natursteintreppe angelangt, die zum Pool hinauf führte, als Henning losschnaufte als hätte er die letzte halbe Stunde den Atem angehalten: „Ich muss unbedingt ficken.“
Kurt johlte los. Den Mund voll Nüsschen brabbelte er heraus, wie sehr er Henning verstehen konnte – abschmieren wäre wichtig – in Afrika allerdings galt es auf diesem Gebiet vorsichtig zu sein. Denn: „In so ein Schoko-Erdbeer-Tascherl abdrücken ist immer ein bisserl ein Gesundheitsrisiko.“
Henning war der Appetit nicht zu verderben.
„Ich scheiß da jetzt drauf. Ich möchte eine pechschwarze Frau mit Riesentitten, die mir lang und breit einen von der Palme schüttelt.“

Zeit 2001-12-19T21:00:28.406+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 135° 14.666799° N, -17.430303° O,

Gute Ratschläge

Teranga Hotel/ Restaurant Le Niane, Dakar – innen/ Abend

Kurt griff sich die Whiskey-Flasche und trampelte zurück zu unserem Tisch. In weiter Ferne hatte er einen Kellner mit Brochette de Lotte, gegrilltem Thioff und Cigale de Mer erspäht.
„Hör zu, du Trottel,“ meinte er etwas gereizt, „Thailand zum Beispiel ist sexmäßig sehr gut erschlossen. Wenn man nicht deppert ist, fängt man sich dort nicht einmal einen Tripper. Die haben inzwischen Qualitätsgummis und wissen auch, wie man die verwendet. Aber hier ist das alles eher halb privat. Und hochriskant.“
Ich hoffte, dass die Ankunft der Speisen und Kurts kleiner moralischer Exkurs Hennings Befindlichkeit dahin gehend stabilisiert hatten, dass er sich im Stillen dachte, „Selber machen ist auch was Feines“, und die Sache auf sich beruhen ließ. Aber Henning war in Fahrt.
„Ich halt das einfach nicht mehr aus. Seit ich hier angekommen bin, sehe ich nichts als feste Brüste und schwarze Haut und lange Beine und ... Scheiße, ich muss jetzt einfach ficken.“
Kurt wurde langsam böse. Er konnte es nicht leiden, wenn man seine Ratschläge ignorierte und ganz besonders wenig konnte er es leiden, wenn man ihm

Zeit 2001-12-19T21:00:28.406+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 135° 14.666799° N, -17.430303° O,



sein Essen versaute, indem man ausgerechnet solche Ratschläge ignorierte, die er sich in erster Linie selbst gegeben hatte. Auch ihm standen die Eier in der Birne – genauer: Sie schwammen dort in Whiskey – und das war ein Zustand, in dem man sich nicht zu viele Gedanken an die afrikanischen Frauen erlauben sollte. Besonders, wenn man sie für ungesund hielt. Die Frauen in Dakar hatten auch mich überrascht. Jede Zweite hier sah aus wie eine etwas handfeste, jedenfalls aber greifbare Version von Tyra Banks und es gab, so kam mir vor, enorm viele Frauen hier. Sie waren groß und schlank und selbstbewusst und musterten mich mit provokanten, lebenshungrigen Blicken. Ob sie Henning und Kurt auch so ansahen, wusste ich nicht, auf jeden Fall hatte die selbstsichere, attraktive Art, die viele von ihnen zur Schau stellten, Hennings sexuelle Schaltkreise völlig überhitzt und ihn in ein schweißhändiges Samenpaket verwandelt. Er jeierte vor sich hin, was er nicht alles wohin kleckern wollte, und sogar Kurts solarienverbrannter Lederschädel wurde langsam rot.
Mein Cigale de Mer war ausgezeichnet. Allerdings bestand das Tier zu knapp 1000 Prozent aus Eiweiß

Zeit 2001-12-19T21:00:28.406+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 135° 14.666799° N, -17.430303° O,



und so ließ ich mich vom Thema mitreißen und teilte den anderen meine Meinung über die Frauen in Dakar mit. Meinen Satz von den greifbaren Tyra Banks-Versionen hatte ich noch nicht einmal zu Ende gebracht, als Kurt explodierte.
„Ok, ihr ranzgeilen Affenpimmel, dann werden wir hier Nutten ranschaffen!“
Hennings Augen hatten einen fiebrigen Glanz und Kurts Drohung war für ihn die größte aller Verheißungen.
„Danke bestens, ich seh morgen meine Susanne wieder.“
Es war mir peinlich, mein Privatleben in diese Geschichte reinzuschmuddeln, aber Kurt war Kurt und wenn ich hier rauskommen wollte, ohne in einen syphilitischen Harem geschubst zu werden, durfte ich nicht zimperlich sein. Kurt schnaubte verächtlich.
„Was ist mit dir Henning? Auch wichsen?“
Henning ignorierte alles: „Kennst du was hier? Ich meine, irgendein Puff?“

Zeit 2001-12-19T21:19:10:28.406+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 135° 14.666799° N, -17.430303° O,

Unsexy

Teranga Hotel/ Restaurant Le Niane, Dakar – innen/ Abend

Hennings Verhältnis zu den Frauen war traurig. Im Grunde war er ein recht netter Kerl, aber die meisten Frauen finden eben einen netten Kerl ganz einfach unsexy. Und während alle anderen Kerls ihre Freundinnen hatten und ganz normale Perverse wurden, war der nette Kerl Henning auf die Nutten gekommen. Inzwischen war er pornosüchtig und nicht in der Lage, Sex als etwas anderes als eine an ihm vollzogene Dienstleistung zu verstehen. Trotzdem, am heutigen Abend war er sogar für seine Verhältnisse obsessiv und die krankhafte Leidenschaft, in die ihn sein einziger und reiner Wunsch trieb, hatte auch Kurt angesteckt. Also machten sie sich auf den Weg ins Puff. Zumindest dachten sie das. Kurt wankte auf die Bar zu wie eine böse Vorahnung und zog erste Erkundigungen ein. Der Barkeeper reagierte äußerst unwirsch und ich vermute, wir wären des Restaurants verwiesen worden, gäbe es nicht in Afrika eine ziemlich starke Tradition, die es schwarzen Menschen untersagte, weiße Menschen einfach hinauszuwerfen. Kurt kehrte an unseren Tisch zurück und grunzte verächtlich, dass der gelackte Neger den feinen Pinkel hatte raushängen

Zeit 2001-12-19T21:19:10:28.406+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 135° 14.666799° N, -17.430303° O,



lassen und sich für derartige Auskünfte nicht zuständig fühlte. Wir ließen die Rechnung auf Kurts Zimmer schreiben und machten uns aus dem Staub. Das Ganze war gewissermaßen peinlich und obwohl es dunkel war und sich der größte Teil unserer Konversation auf Deutsch abgespielt hatte, nahm ich an, dass jetzt jeder im Restaurant über unser Ansinnen und unsere ganz spezielle Art von Stil im Bilde war.

Zeit 2001-12-19T22:00:03.328+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 225° 14.666742° N, -17.430673° O,

Geschäftsfranzösisch

Teranga Hotel/ Piscine, Dakar – außen/ Abend

Vielleicht hatte ich mit meiner Theorie über das Hinauswerfen von Weißen in Afrika auch unrecht, denn kaum hatten wir den inzwischen menschenleeren Pool erreicht, holte uns einer der Schwarzen aus dem Restaurant ein. Als ich sein respektloses „Pst! Pst!“ hörte, dachte ich, der Kerl wäre so etwas wie ein Restaurantdetektiv, der weißen Abschaum wie uns diskret darauf hinzuweisen hatte, dass wir uns künftiger Restaurantbesuche zu enthalten hätten. Unglücklicherweise lag die Sache anders. Das Vorhandensein von weißem Abschaum war weltweit eine der ganz wenigen verlässlichen Größen, weshalb man aller Orten dazu übergegangen war, das Unvermeidliche zur Umsatzsteigerung zu nutzen. Kurzum, der Schwarze erklärte uns ohne lange Umschweife, dass er uns verschaffen könnte, wonach wir suchten. Er wies allerdings darauf hin, dass im Falle einer Einigung eine Provision in der Höhe von 50.000 CFA zahlbar an ihn fällig wäre und dass die Mädchen, die er vertrat, Arrangements von der Dauer einer Woche bevorzugten. Bei adäquater Unterbringung selbstverständlich. Kurt setzte ihm in seiner Version

Zeit 2001-12-19T22:00:03.328+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 225° 14.666742° N, -17.430673° O,



des Geschäftsfranzösischen auseinander, dass alles über 20.000 CFA Wucher wäre und wir lediglich eine Plombierung pro Person vorzunehmen gedachten, weshalb nicht einmal die Kosten für eine einzige Nächtigung anfallen würden.
Die Verhandlung wogte leise hin und her, keiner gab auch nur einen Zollbreit nach und schließlich wurde folgende Einigung erzielt: Der Hotelangestellte, er hatte sich als Omar vorgestellt, würde einen Bruder anrufen, der uns mit einem Taxi zu einem anderen Hotel bringen sollte, in dem zwei Zimmer für eine Nacht gebucht werden mussten – ich hatte Omar von Anfang an klar gemacht, dass er seine Bemühungen auf die Beschaffung zweier zu Plombierender beschränken konnte. Die Hotelzimmer lägen bei je 30.000 CFA, für die Mädchen wären weitere 30.000 zu bezahlen. Das wäre dann ein Arrangement für nur eine Nacht, die Buchung eines Hotelzimmers war in einem islamischen Land, in dem Gunstgewerblerinnen unter schwierigen Bedingungen arbeiten mussten, absolut unumgänglich. Henning war beinahe ohnmächtig vor Geilheit und ich war froh, dass ich nichts von Wert bei mir trug.

Zeit 2001-12-19T22:01:56.031+01:00
Ort 14.666981° N, -17.430925° O, Level 18
Pfeil 225° 14.666903° N, -17.430813° O,

Hafenbecken

Teranga Hotel/ Ausgang des Piscine, Dakar – außen/ Abend

Wir schlenderten über die Holzbrücke davon und ich war mir sicher, dass Omar jedem von uns zum Abschied ein riesiges Schild mit der Aufschrift „Diese Penner wollen ins Puff!“ auf den Rücken geklebt hatte.
Ich fühlte mich nicht sehr wohl, wollte Henning aber nicht alleine lassen. Er war mein Freund, mein Kameramann, mein Partner und ich hätte es ungern gesehen, wenn man ihn morgen tot aus dem Hafenbecken von Dakar gefischt hätte. Wie es dazu kommen sollte und wie ich es – wenn – verhindert hätte, war mir allerdings unklar. Klar war mir nur, dass ich dabei sein würde.

Zeit 2001-12-19T22:02:28.421+01:00
Fahrt 14.66739,-17.43067;14.66793,-17.43072;14.66861,-17.43076;14.66823,-17.4373;14.66925,-17.43739;14.67112,-17.43974;14.67584,-17.44005;14.67581,-17.43988;14.67592,-17.43984;14.6771,-17.44092;14.67952,-17.44302;14.67979,-17.44315;14.68033,-17.44358;14.6831,-17.44452;14.6835,-17.44445;14.6838,-17.44479;14.68684,-17.44581;14.68726,-17.44571;14.68759,-17.44606;14.69253,-17.44774;14.69803,-17.44736;14.69819,-17.44724;14.69841,-17.44737;14.70458,-17.44694;14.70579,-17.44826;14.70684,-17.44906;14.70809,-17.4496;14.7075,-17.4515 Level 17
Pfeil 135°

Der Magen von Dakar

Straßen in Dakar – außen/ Nacht

Draußen ergab sich eine kurze Diskussion, da das Taxi doppelt so teuer war wie in Omars Darstellung. Wir einigten uns mit dem Fahrer auf einen Mittelwert von 7000 CFA und da es nicht mein Geld war, sondern Kurts, war es mir egal.
Wir verließen das Zentrum von Dakar und die Scheinwerfer unseres Taxis wirbelten vor uns eine Art Straße auf, an deren unscharfen Rändern das reine Leben pulsierte. Gruppen von bunt und prächtig gekleideten Menschen standen unter den Bäumen zusammen, auf kleinen transportablen Öfen wurde gegrillt, hier und da stand eine Imbissbude, an der Café ausgeschenkt wurde und im höhlenartigen, neonerleuchteten Inneren der Geschäfte spielten Menschen Karten, beschimpften einander oder lauschten dem Radio. Wohin man auch sah, gingen Händler, Kinder, Frauen, Radfahrer, Ziegen und Esel mitten im strömenden Verkehr irgendwelchen Beschäftigungen nach; es war, als rumpelten wir mit unserem Taxi mitten durch die Küche, das Wohnzimmer und den Magen von Dakar. Als Soundtrack unserer Fahrt knatterte jene unerträgliche Musik aus dem Radio, die Susanne mir als Mbalax angekündigt hatte.

Zeit 2001-12-19T23:30:18.531+01:00
Ort 14.707425° N, -17.45153° O, Level 18

Moulin Rouge

Schäbiges Privathaus in Niari Tali, Dakar – innen/ Nacht

Nach einer gut halbstündigen Fahrt hielt der Fahrer in einer dunklen Gasse irgendwo in Dakar und meinte, wir wären da. Das Haus, vor dem wir standen, war einstöckig, kein Schild wies darauf hin, dass es sich um ein Hotel handelte. Eine bröselige Holztür wurde geöffnet und ein Schwarzer namens Keba bat uns in einen kahlen Raum, der von einer nackten Neonröhre grell erleuchtet war. Die Wände waren mit gelblicher Dispersion gestrichen, auf braunen wackligen Stühlen saßen drei weitere Männer. In einer Ecke wurde über einen aus Kisten und Brettern gezimmerten Tresen Bier und Tetrapak-Wein ausgeschenkt. Auf einem Regalbrett stand eine Flache Gin ‚bottled for the use in Senegal’. Von hier aus war es bestimmt kein langer Weg ins Hafenbecken. Diesmal war es Henning, der die Initiative ergriff.
„Wir haben eine Vereinbarung mit einem Ihrer Bekannten getroffen. Sind sie informiert?“
Sein Französisch klang lächerlich und mir schien, als wäre ich in eine Szene geraten, die bei der Produktion von Casablanca völlig zurecht am Boden des Schneideraumes gelandet war.
„Omar hat mir erzählt, dass Sie ein Arrangement für

Zeit 2001-12-19T23:30:18.531+01:00
Ort 14.707425° N, -17.45153° O, Level 18



zwei Personen und je eine Nacht treffen wollen.“
„Wir haben bereits ein Arrangement für eine Nacht getroffen!“ Hennings Nerven lagen blank. „Wo sind die Mädchen, wo sind die Zimmer? Was soll das Ganze hier?“
„Pardon, wir sind nicht das Moulin Rouge. Das hier ist ein islamisches Land. Was Sie wünschen, ist illegal.“
„Aber Sie werden ganz fein daran verdienen, wenn alles klappt. Also, was wird jetzt?“ Kurt hatte vier ordentliche Gläser Gin besorgt und gab den unumschränkten Herrn der Lage.
„Geben Sie mir ein Akonto von 120.000 CFA und ich werde Ihnen sehr reizende junge Damen bekannt machen.“
„Ein Akonto von 120.000? Das ist der ganze Preis!“
„Für eine Person.“
„Scheißdreck, eine Person! 30.000 für das Zimmer, 30.000 für die Frau. Das ist für eine Person!“ Der Herr der Lage war ziemlich laut geworden, Keba und seine Freunde sahen betreten zu Boden. „Was ist jetzt?“
„Geben Sie mir 90.000 für eine Person. Ich möchte hier keine Probleme haben.“
„Was ist Henning? Lässt du dir das gefallen? Alles kostet doppelt so viel wie ausgemacht und ich habe

Zeit 2001-12-19T23:30:18.531+01:00
Ort 14.707425° N, -17.45153° O, Level 18



hier noch nicht einmal eine Fotze gesehen.“
„Wir geben ihm 10.000 und sehen uns mal die Mädels an.“ Langsam hatte ich den Eindruck, dass Henning der wahre Experte für Bordellbesuche in Ländern der Dritten Welt war. Keba nahm schließlich 20.000 und wir setzten uns, tranken ein Bier und warteten auf die Mädels. Das Hafenbecken hatte ich längst vergessen, dafür pochte Kurts Satz „Halb privat und hochriskant“ an mein inneres Ohr. Wir hatten uns in einem verschwörerischen Dreierkreis hingesetzt und ignorierten alles um uns. Jetzt, da es keinen Handlungsbedarf gab, wurde die Stimmung tatsächlich schlecht. Henning versank in präkoitalen Phantasien, Kurt mühte sich redlich, souverän zu wirken und die Situation mit gelassener Heiterkeit zu genießen und ich dachte an morgen. An das Aufstehen, den Brand, die Hitze, die Arbeit. Und an Susanne. Ich war nicht prüde und hätte kein lügendetektorsicheres Treuegelöbnis ablegen können, aber hier zu sein, erschien mir gerade im Hinblick auf unsere angeschlagene Beziehung falsch. Susanne war bestimmt keine spät geborene Schwanz-ab-Feministin, aber sie hielt Männer wie Kurt und Henning für Abschaum. Jetzt an Susanne zu denken, warf bei dieser Sache hier überhaupt

Zeit 2001-12-19T23:30:18.531+01:00
Ort 14.707425° N, -17.45153° O, Level 18



einen Haufen problematischer Seiten auf. Es war moralisch und politisch unkorrekt, wir trampelten auf den Rechten uns unbekannter Frauen herum und die globale Unterwerfung unter die Macht des Kapitals wurde von Typen wie uns bis in den privatesten Bereich geschleppt. So würde Susanne das sehen. Und sie hatte sogar recht. Wir saßen hier im Vorzimmer irgendwelcher Leute und warteten – wie es aussah – auf deren Schwestern, die bereitwillig am schmierigsten aller Altäre geopfert werden sollten. Das war übel, nur hatte ich nicht Susannes Talent, mich über diese Dinge aufzuregen. Für mich war das kein System, sondern eine private Tragödie, die ich nicht auslöste, sondern die ich mit durchlitt. Ich war mit Henning auch schon in Wien, Prag, Szombathely, Dortmund und sonst wo durch die Puffs gezogen auf der Suche nach Nutten mit großen Titten. Henning hatte immer versucht, das Ganze wie einen Riesenspaß aussehen zu lassen, aber es war immer ein Drama gewesen. Zu den Nutten zu gehen, war für ihn die einzige Möglichkeit, so etwas wie Befriedigung zu erleben. Ich fand es erbärmlich, aber es war mir egal. Nur eins: Wo wir auch gewesen waren, wir waren immer an Profis geraten. Wir waren in Bordelle spaziert, die ganz genau für

Zeit 2001-12-19T23:30:18.531+01:00
Ort 14.707425° N, -17.45153° O, Level 18



Jungs wie uns gebaut worden waren, und es hatte immer nach Parfum, Rauch, Desinfektionsmittel, Alkohol und Testosteron gerochen – einer unvergleichlichen, über alle Grenzen hinweg gleichartigen Mischung. Und die Frauen, die Henning und mich gemustert, uns ihre Künstlernamen genannt und sich erkundigt hatten, ob wir nicht „was Schönes machen“ wollten, waren immer hartgesottene Berufsabreiberinnen gewesen. Aber hier – das war sogar mir klar – war das anders. Keine professionelle Verruchtheit, kein klar definiertes Spielfeld der schlechten Manieren täuschte über die Würdelosigkeit unseres Unterfangens hinweg. Hier waren ganz normale Männer zusammengekommen, um uns mit ganz normalen Frauen schlafen zu lassen. Frauen, die niemals auf die Idee gekommen wären, einen Kurt oder den kuhäugigen Henning auf sich herumturnen zu lassen. Wir nahmen hier kein Angebot in Anspruch. Wir zwangen den Leuten unsere Nachfrage auf. Gerade als ich mich erheben und unter dem Vorwand, mich zu langweilen, meine Rückkehr ins Hotel ankündigen wollte, kamen die Frauen. Ich weiß nicht, ob man es erkennen kann, vielleicht wollte ich es einfach

Zeit 2001-12-19T23:30:18.531+01:00
Ort 14.707425° N, -17.45153° O, Level 18



erkennen, aber sie waren Nutten. Abgefeimt, gelangweilt, lächelnd und behaftet mit dem Duft der gewerblichen Gunst. Wir waren keine Sendboten des Teufels. Die Verderbtheit und der Tripper waren schon lange vor uns da gewesen. Wir waren ganz einfach jämmerliche weiße Stecher und man bereicherte sich an uns. Ich fragte Henning, ob er Geld für das Taxi hatte, aber er meinte nur, er wäre ohnehin gleich wieder da. Ich sollte warten. Warum auch nicht? Ich hatte immer gewartet, es hatte mir nie etwas ausgemacht. Warum sollte das heute anders sein? Man konnte das nicht zwischen Tür und Angel eines Puffs in Dakar diskutieren. Man konnte das gar nicht diskutieren. Am besten war, man ging nirgends hin, wo man nichts zu tun hatte. Also schwieg ich und ging hinüber zum Behelfstresen. Dort bestellte ich noch ein Bier. La Gazelle. Hergestellt von derselben Firma, die auch als local bottler für Coca-Cola auftrat und unser Ansprechpartner hier war. Henning würde nicht lange brauchen und Kurt war mir egal. Wenn er den Dreh morgen schmiss, war das sein Problem. Das würde nicht mich die Gage kosten. Wenn Henning etwas verbockte, traf es auch mich. Wir waren als Team gebucht. Eigentlich war das der Grund, warum ich hier war.

Zeit 2001-12-20T2:00:05.421+01:00
Ort 14.666898° N, -17.430872° O, Level 18
Pfeil 315° 14.667448° N, -17.431108° O,

Zivildienst

Teranga Hotel/ Hennings Zimmer, Dakar – innen/ Nacht

Den Weg ins Teranga hatten wir schweigend zurückgelegt mit nur einer Unterbrechung, als Henning sich hatte übergeben müssen.
Vor vielen Jahren habe ich meinen Zivildienst in einem Geriatriezentrum geleistet, wo ich mit der Betreuung alter, kranker Menschen beschäftigt gewesen war. Handwerklich war es also kein Problem, Henning zu versorgen und ins Bett zu bringen. Aber es hatte mir schon mit echten alten Kranken nicht sehr gefallen.
In Hennings Zimmer stand ich noch einen Augenblick neben seinem Bett und sah ihn mir an, meinen Partner. Sein Mund stand offen, das schwarze Haar klebte auf seiner verschwitzten Stirn. Er schnarchte ohne Bewusstsein.

Zeit 2001-12-20T2:30:59.234+01:00
Ort 14.666898° N, -17.430872° O, Level 18
Pfeil 315° 14.667448° N, -17.431108° O,

Ein cooles Leben

Teranga Hotel/ Hennings Zimmer, Dakar – innen/ Nacht

„Das muss ein cooles Leben sein.“
Das hörte ich oft, wenn ich über meinen Beruf sprach. Und klar: Ich kam viel herum, hatte meine eigene Firma und die Medienbranche – da kann man was erleben. Trotzdem war es nicht so, dass ich mich nie nach einem geregelten Leben gesehnt hätte. Nach einem Beruf, den man nach 18 Uhr vergessen konnte. Wo man seine Kollegen nur nach der Weihnachtsfeier nach Hause tragen musste. Oder sie einfach liegen ließ. Die Trennung des Beruflichen und des Privaten deprimierte die meisten Menschen und trieb sie in die Tabletten- sucht oder machte sie zu notorischen Witzeerzählern. Aber von der Ferne, von Hennings Bett im Teranga Hotel Dakar aus gesehen, sah es aus wie Luxus. Ich griff mir Hennings Magnetstreifenschlüssel und ging schlafen. Es würde genug Kraft kosten, morgen selbst aus den Federn zu kommen, da wollte ich nicht auch noch Zeit damit verlieren, Henning durch die geschlossene Tür wecken zu müssen. „Henning!“ – klopf, klopf – „Henning, es ist gleich sieben, wir müssen los ... verdammt, HENNING!“ Darauf hatte ich keinen Bock.

Zeit 2001-12-20T6:00:54.703+01:00
Ort 14.666898° N, -17.430872° O, Level 18
Pfeil 225° 14.667266° N, -17.430915° O,

Wecker

Teranga Hotel/ Chis Zimmer, Dakar – innen/ Morgen

Nach fünf Minuten bleiernen Schlafes tutete mein Wecker. Das zweitunangenehmste Geräusch direkt nach dem Bohrer beim Zahnarzt. Ich stieß meine Beine aus dem Bett und setzte mich auf. Kein Zweifel: Mir ging es scheiße und die Arbeit wieder los. Ich wusch mein Gesicht, ohne es im Spiegel anzusehen, putzte meine Zähne, kramte die Dose mit Reinigungstüchern aus meiner Tasche und ging hinüber zu Henning, um ihn zu wecken.

Zeit 2001-12-20T6:10:42.343+01:00
Ort 14.666898° N, -17.430872° O, Level 18
Pfeil 315° 14.667448° N, -17.431113° O,

Notfallmedizin

Teranga Hotel/ Hennings Zimmer, Dakar – innen/ Morgen

Ich hatte mein Gesicht nicht gesehen und den Anblick, den Henning bot, hätte ich mir auch gerne erspart. Seine Augen waren starr und sahen aus, als hätte man sie hart gekocht. Der Rest seines Gesichtes war formlos und verschwollen, das ganze Zimmer roch nach Alkohol und Sperma. Ich schickte Henning unter die Dusche, öffnete die Dose mit Reinigungstüchern und nahm die Patronenhülse heraus, die in dem dick gewickelten Nest aus Seifentüchern lag. Es war eine dieser albernen Messinghülsen, die anstelle einer Geschossspitze einen Schraubverschluss hatten.
Als ich ein pickeliger Schuljunge war, waren die Dinger in Wien der letzte Schrei gewesen und ich hatte mein Dope darin aufbewahrt.
Heute war ich Kameraassistent und aus der Patronenhülse rieselte Koks – die Medienbranche. Niemand sollte glauben, dass das etwas mit glamourösen Exzessen zu tun hatte. Das war hochriskante Notfallmedizin und wir brauchten sie.
Henning und ich hooverten die Patrone leer, ich schniefte wiederholt und drückte mir mit zurückgelegtem Kopf Daumen und Zeigefinger gegen die Nasenlöcher. Die wertvollen Krümel, die

Zeit 2001-12-20T6:10:42.343+01:00
Ort 14.666898° N, -17.430872° O, Level 18
Pfeil 315° 14.667448° N, -17.431113° O,



ich so auffing, verrieb ich auf meinem Zahnfleisch und öffnete die Augen.
Scharfkantige Lichtflächen, daneben sattes Dunkel, Henning unsichtbar neben dem Fenster: Optisch war alles ziemlich am Limit, aber die Energie begann zu knistern. Sie bewegte meine Hände, sie sprach für mich, hielt meinen Kopf oben und ließ mich in die Welt starren, als wäre sie ein Gurkenglas. Ich würde durchhalten.

Zeit 2001-12-20T7:20:27.218+01:00
Fahrt 14.66732,-17.43096;14.66739,-17.4311;14.66758,-17.431;14.66773,-17.43136;14.66795,-17.43131;14.66794,-17.43165;14.66858,-17.43171;14.66942,-17.43171;14.66953,-17.43172;14.66968,-17.43175;14.67049,-17.43182;14.67051,-17.43193 Level 18

Außer Kontrolle

Vor dem Teranga Hotel, Dakar – außen/ Morgen

Um 07:29 waren wir beim Wagen. Karin sagte nichts. Kurt war auch da – durchgemacht. Wo wir gewesen wären?
„Henning ist abgestürzt.“
„Scheißdreck. Eine Scheißidee.“
„Los jetzt.“ Karin war stinksauer.
Die SOBOA-Jungs, der Tonmann, der Fahrer und Monsieur Dubos saßen bereits im Wagen, Mireille sah fertig aus. Wir trugen Sonnenbrillen, alles war ok. Nur Dakar war völlig außer Kontrolle: Farben, Lärm, Licht, Dreck – ich schloss die Augen. Die Fahrt vom Hotel zum Place de l'Independance dauerte keine fünf Minuten, die Sonne war noch nicht lange am Himmel und im Wagen war es kühl.

Zeit 2001-12-20T7:40:17.500+01:00
Ort 14.670463° N, -17.43195° O, Level 18

Supertypen

Place de l'Independance, Dakar – außen/ Morgen

Draußen stand mir nach wenigen Schritten der Schweiß auf der Stirn. Mein Kreislauf war nicht ganz auf der Höhe, aber ich war die perfekte Assistentenmaschine.
„Totale auf die letzten Vorbereitungen. Kriegst du das, Henning?“
„Ich nehm das vom Wagendach.“
„Na fein. Speib dich nicht an da oben.“
„Konzentration, bitte!“ giekste Karin. Sie setzte uns ganz schön zu. Sie wusste, wie man Druck macht und ohne meinen strahlenden Panzer aus Schnee hätte sie mich zerquetscht.
Ich maß gerade das Stativ am Dach unseres Wagens ein, als ich Kurt grinsen sah. Eine Reihe Zähne im Gesicht eines Riesenarschlochs, dem man gestern die Eier gemolken hatte wie selten zuvor. Daneben stand Karin, seine Setschlampe, wusste alles und kochte vor Wut. Henning und ich brüllten gleichzeitig los und Kurt schrie sein Gelächter hinaus wie die reinste Hyäne. Wir waren die Helden und Karin die Lusche! Wir waren im Puff gewesen – mitten in Afrika – und jetzt drehten wir einen Film! So ist das Leben, wenn man ein Kerl ist! Scheiße, das würde ein Wahnsinnstag werden!

Zeit 2001-12-20T7:40:17.500+01:00
Ort 14.670463° N, -17.43195° O, Level 18



Wir filmten den Cola-Truck, wie er in Stellung ging, wir filmten die Fußballer und die CSA-Repräsentanten, wir filmten die Trommler, das Volk, die Promotoren – alles war nur für uns da und wir filmten alles nieder.
Monsieur Dubos brachte seine Moderation fehlerfrei durch und lud am Ende mit großer Geste alle Menschen in der großen Welt von Coca-Cola ein, diesen großen Tag mit dem Senegal zu teilen.
Der Platz de l'Independance war auch groß und als die Lastwagen der Cola-Prozession ihre Dieselwolken ausbliesen, war er restlos voll von Menschen. Henning und ich preschten los wie die Kampfhunde und holten Close-ups und Actionbilder aus der Menge, wühlten uns vor bis zum Truck mit der Bühne und fingen den Pokal selbst ein. Hennings Finger rutschte auf den Shutter, als die feiste Fußballlegende Jules François Bocande den Coupe über der Menge schwenkte. Mit seiner angewachsenen Sonnenbrille sah er aus wie ein Rieseninsekt. Die Leute vor dem Truck lachten und schrien, „Die Lions werden alles gewinnen!“ und Henning hielt drauf; im Hintergrund immer das riesige Cola-Logo am Truck.

Zeit 2001-12-20T8:10:30.890+01:00
Ort 14.669612° N, -17.433452° O, Level 18

Techno

Avenue G. Pompidou, Dakar - außen, Tag

Ich schirmte Henning ab und wir brachen durch die schwarze Masse, bis wir an der Spitze der Parade waren. Bisher hatten wir nicht viel von den Trommlern gehört, nur vereinzelt waren Breaks wie Salven durch die Luft geknattert, aber plötzlich waren wir mitten drin. Ein wilder Haufen irrer, hässlicher Gestalten, baumlang, pechschwarz und mit Rastazöpfen, die ihre Köpfe wie Skulpturen aussehen ließen. Es war – so schien es – nicht ganz ihre Uhrzeit und wäre nicht Coca-Cola gewesen, mit all dem Geld, sie hätten bestenfalls über die Idee gelacht, um 09:00 zu spielen. Aber sie waren da. Einer hämmerte mit himmelwärts gerichtetem Gesicht los und die anderen antworteten. Rund um mich bullerten und krachten die unterschiedlichsten Trommeln und als Europäer hörte ich eher eine Abfolge spastischer Tuschs als einen Rhythmus. Aber die Musiker posierten für Henning, fletschten ihre Zähne und waren wahnsinnig fotogen. Immer, wenn sich einer besonders ins Zeug legte oder es sonst ein ansprechendes Motiv gab, stieß ich Henning an und er filmte.
Die Percussionisten waren alle Medienprofis und

Zeit 2001-12-20T8:10:30.890+01:00
Ort 14.669612° N, -17.433452° O, Level 18



hatten unser kleines redaktionelles Vorauswahlsystem schnell durchschaut. Sie funkten mich mit breitem Grinsen an, ich stieß Henning und dann warfen sie sich in Pose.
Nach einer Weile ließ ihr Interesse an uns nach und ich bekam allmählich mit, dass sie jetzt ernst machten. Unsere Karawane zog durch das völlig verstopfte Dakar und um mich knatterte der härteste Techno, den ich je gehört hatte.

Zeit 2001-12-20T08:30:24.750+01:00
Ort 14.669347° N, -17.435072° O, Level 18

Spektakel

Rue G. Pompidou, Dakar – außen/ Tag

Henning und ich waren zu einem eher uninteressanten Teil des riesigen, lauten Umzugs geworden waren und bekamen einige wirklich gute Bilder auf Band. Weniger Show, mehr Energie. Die Trommler waren voll bei der Sache und bearbeiteten ihre Sabars wie die Berserker. In meinem Kopf begann das Pochen einer Kopfschmerzattacke ihrem krachenden Gemetzel zu antworten, die übrigen Zuschauer jedoch schienen das Spektakel entspannt zu genießen. Am Straßenrand wiegten sich beleibte Frauen zum Stakkato der Trommeln, lachten über die obszönen Gesten der Musiker und verspotteten die älteren Männer, die eitel bruchstückhafte Tänze aufführten. Da und dort sah ich auch die riesigen Kalender wieder und mitten im Getümmel ließen kleine Mädchen probeweise ihre Hüften kreisen. Der infernalische Lärm der Trommeln und die entspannte Stimmung der Leute standen in einem eigenartigen Widerspruch, aber Dakar wurde langsam warm mit diesem Tag und seinen Attraktionen.

Zeit 2001-12-20T08:45:34.281+01:00
Ort 14.669301° N, -17.435887° O, Level 18

Baye Fall

Rue G. Pompidou x Rue Raffenell, Dakar – außen/ Tag

Ich war dazu übergegangen, nur sacht Hennings Arm zu drücken, sobald ich ein Motiv ausgemacht hatte und mit dieser Methode kamen wir gut voran. Nur einmal brachte ich uns wieder in das geltungsbedürftige Bewusstsein der Trommler zurück, als ein dreckiges Bündel von Mann direkt vor die Trommler sprang und eine Art Anfall erlitt. Ich stieß Henning fast um und Henning stülpte überrascht seine Augen vor. Der schmutzige Kerl trug hüftlange Rastas, war zerlumpt und sehnig und hielt mit ausgebreiteten Armen den ganzen Umzug auf. Er schrie und gestikulierte und was auch immer er wollte, spielerische Lässigkeit war nicht sein Thema. Im Gegenteil. Er provozierte die Musiker, bog seine Hüften und forderte gierig mehr Kraft an den Sabars. Henning zielte und einer der Trommler zog sofort wieder eine Show ab. „Baye Fall!“, brüllte er und spielte für den Bettler ein ohrenzerfetzendes Solo, von dessen Wucht mir schlecht wurde. Der zerlumpte Körper hingegen nahm das harte Geknatter auf wie ein Hund einen Knochen und um den Bettler und seinen Trommler bildete sich ein Kreis beifällig und provokant klatschender Menschen. Die ganze Darbietung

Zeit 2001-12-20T08:45:34.281+01:00
Ort 14.669301° N, -17.435887° O, Level 18



nahm sich aus wie ein Kampf, unverständlich und rau. Es war jedenfalls keine folkloristische Darbietung für einen fröhlichen Tag, der Bettler richtete seine Ekstase an niemanden hier.
Henning störte mit seiner Kamera die eigenartige Szene und traf uns ein Blick, war er nicht freundlich.
Zuvor hatte sich jeder vor unser Objektiv gedrängt, jetzt verstellte man uns bewusst die Sicht. Aber wir waren vom Fernsehen. Unsere Aufgabe war, authentische Bilder vom Geschehen um uns zu zeigen. Egal, ob das Geschehen das wollte oder nicht. Ich rempelte Henning unbarmherzig seinen Weg in den magischen Kreis um den Bettler und Henning spielte mit ihm wie ein störrisches Kind, das nach Kräften die Tatsache ignoriert, dass keiner es leiden kann. Fette, alte Weiber keiften in unsere Richtung, die Gebärden der Trommler waren bedrohlich und die Kinder ließen spottende „Toubab-Toubab“-Chöre gegen uns los. Frei übersetzt schien das „Aussatz – Aussatz“ zu heißen. Nur der Bettler war ungerührt und völlig weggetreten. Energisch und mit grotesken Verrenkungen forderte er noch mehr Einsatz vom Percussionisten und der ließ sich nicht bitten: Beat für Beat, Break für Break hämmerte er

Zeit 2001-12-20T08:45:34.281+01:00
Ort 14.669301° N, -17.435887° O, Level 18



dem Bettler eine ganz persönliche Party hin und der Bettler tanzte, als bekäme er jeden Schlag auf die Fußsohlen. So etwas Ähnliches hatte ich auch bei illegalen Raves gesehen. Morgens, wenn die Sonne aufging und nur noch eine Handvoll Leute in Bewegung war, gab es diese Battles zwischen dem DJ und den Tänzern. Er mixte immer unmenschlichere Tracks, aber sie sahen jedes Break kommen. Die Beats rasten auf die Tänzer zu wie Slalomstangen und sie bewegten sich durch das Gehämmer wie Alberto Tomba durch einen Übungshang. Jeder wusste, was als Nächstes kam, alle Schädel waren mit Speed vernetzt. Hier war es etwas anderes, das jeder verstand.

Zeit 2001-12-20T9:30:13.859+01:00
Ort 14.669669° N, -17.434584° O, Level 18

Solidarität

Rue Sandinièri, Dakar – außen/ Tag

„Die sind ganz schön abgefahren“, holte mich Henning zurück.
„Ja“, röhrte ich. Der Lärm war gewaltig.
„Wo ist Karin?“
„Nicht gesehen.“
„Scheiße.“
Es war kurz vor zehn, um elf hatte ich meinen Termin. Wir pflügten uns durch die Menschen zum Straßenrand und stellten fest, dass dort genauso viele Menschen waren. Die Kinder hatten ihre Idioten gefunden und zwängten sich immerfort „Toubab-Toubab“ kreischend hinter uns her durch das Gewühl der Beine. Es würde dauern, bis wir uns zum Team zurückgekämpft hatten. Außerdem war mir nicht ganz klar, wo wir uns eigentlich befanden.
Ich rief Karin an.
„Wo seid ihr Wahnsinnigen? Wir müssen ...“
„Ich kann fast nichts verstehen“, log ich, „wo treffen wir uns? Wir haben sensationelle Bilder.“
„Scheiß auf die Bilder, du Arschloch!!“, das war nicht mehr Karin, „Kommt sofort zurück zum Wagen! Wenn ich diese Scheiße nicht bis Punkt elf Uhr bei diesen Franzackenwichsern habe, wird der Beitrag nicht gesendet! Und dann zahlst du die

Zeit 2001-12-20T9:30:13.859+01:00
Ort 14.669669° N, -17.434584° O, Level 18



geschissene Pönale an Cola, ist das klar?!“
So viel zur Solidarität unter uns richtigen Supertypen.
„Stress“, schnaufte ich zu Henning hinüber, schnappte die Kamera und bahnte mir einen Weg durch die Menge.
„Wohin sollen wir jetzt?“
„Zurück zum Wagen.“
„Wo ist der, Scheiße?“
„Da lang.“

Zeit 2001-12-20T09:35:07.812+01:00
Ort 14.670012° N, -17.433398° O, Level 18

Ausländer

Rue Sandinièri, Dakar – außen/ Tag

Ich hatte allerdings auch keine Ahnung, aber es war besser, ich hatte allein keine Ahnung und Henning zockelte einfach hinter mir her. Dakar ist tatsächlich eine ziemlich unübersichtliche Stadt. Und sie wurde nicht übersichtlicher dadurch, dass eine knappe Milliarde Menschen den verdammten Weltmeisterschaftspokal sehen wollte. Mein Herzschlag, die Trommeln und mein Kopfschmerz hämmerten in meinem Schädel und ich hatte einen Tunnelblick, als hätte ich zehn große Biere intus. Afrika kann einem schnell zu viel werden.
Wir gruben uns durch die Menschenmenge und so wie wir zuerst von einer Attraktion zu lästigen Touristen geworden waren, setzte sich nun der Kursverfall unseres Ansehens fort und wir wurden zu Ausländern. Wir waren weiß, wir wollten in die andere Richtung und wir waren jedem hier im Weg. Also drängten wir und stießen, wurden selbst gestoßen und beschimpft und ich fühlte mich einigermaßen ausgesetzt. Henning war hinter mir und unter den tausenden Gesichter, die uns anstarrten, war kein einziges weiß.

Zeit 2001-12-20T10:05:02.453+01:00
Ort 14.670318° N, -17.432529° O, Level 18

Vorahnung

Place de l'Independance, Dakar – außen/ Tag

Glücklicherweise waren wir mit unserer Karawane nicht sehr weit gekommen und nach zehn Minuten des Stoßens und Gestoßenwerdens waren wir wieder auf dem Place de l'Independance. Ich konnte unseren Wagen vor der Préfecture stehen sehen. Genauer: Ich sah Karin am Dach des Wagens stehen und nach uns Ausschau halten. Sie sah hübsch aus da oben. Und sehr wütend. Aus ihrer Sicht war das auch ganz verständlich, schließlich waren wir ohne Drehplan und ohne ihr OK losgerast und für eine gute Stunde spurlos verschwunden. Wahrscheinlich hatte ich knapp 1000 gleichlautende Nachrichten auf meiner Sprachbox, Text in etwa: „KOMMT SOFORT ZURÜCK, IHR GEISTESKRANKEN!“ Der Platz war noch immer voll Menschen, aber ich konnte Kurt von Weitem schreien hören: Vielleicht war es aber auch nur eine böse Vorahnung.

Zeit 2001-12-20T10:10:31.437+01:00
Ort 14.670463° N, -17.43195° O, Level 18

Troubleshooter

Place de l'Independance, Dakar – außen/ Tag

Der Original-Kurt schrie jedenfalls nicht nur meine Vorahnung in Grund und Boden, sondern auch mich selbst.
„Was ist los mit dir, du vollgedröhnter Oberarsch! Hast du verdammte Drecksau überhaupt eine Ahnung, was mich das kostet, wenn diese verfickten Scheißnigger diesen Beitrag nicht spielen? Ich habe mit Cola einen Vertrag – verstehst du dieses Wort, du verschissener Drogenhippie? – ich bin verpflichtet, für eine landesweite Ausstrahlung zu sorgen ...“
„Dann sollten wir hier nicht rumschreien, sondern Gas geben. Wir haben übrigens wirklich Superbilder gekriegt. Das wird ein Spitzenbeitrag.“
Es kam nicht gerade zu früh, aber Henning warf sich sauber für mich in die Bresche und Kurt war ganz offensichtlich überrascht. Er sagte nichts. Was Henning geschickt nutzte.
„Karin, wir brauchen einen von diesen SOBOA-Schnarchern, damit er Chi zum Schnittplatz bei diesen Image-irgendwie Leuten bringt. Mit dem Taxi wird das heute nichts werden.“
Henning flatterte locker vor sich hin und machte einen auf routinierter Troubleshooter.

Zeit 2001-12-20T10:10:31.437+01:00
Ort 14.670463° N, -17.43195° O, Level 18



Aus irgendeinem Grund schonte ihn die Dampframme Kurt. Wahrscheinlich, weil er gestern auch brav gefickt hatte.
„Ok, vergessen wir's.“ Karin war ganz sachlich und würde es vielleicht in 100 Jahren vergessen haben. „Abdou, bringen Sie Herrn Tschirner in die Rue Félix Faure zu Image Afrique. Sie müssen vor 11:00 dort sein. Und du lass dir einen Lieferschein mit Datum und Uhrzeit geben.“
„Falls du unterwegs irgendetwas siehst, das dir gefällt: Nicht rauchen, nicht schnupfen, du Mongo-Arsch.“
Kurt hatte zu seinem unvergleichlichen Humor zurückgefunden und Henning begleitete mich einige Schritte weit.
„Mach dir nichts draus“, murmelte er, „Kurt ist ein Psychopath. Ich krieg das schon wieder hin.“
„Danke Henning.“
In Krisensituation mussten wir uns einfach benehmen wie in einer Sitcom. Schließlich waren wir vom Fernsehen.

Zeit 2001-12-20T10:15:03.687+01:00
Fahrt 14.67046,-17.43195;14.67034,-17.43227;14.66807,-17.43213;14.66788,-17.43252;14.66662,-17.43293;14.6664,-17.43584;14.66628,-17.43708;14.6669,-17.43728 Level 17
Pfeil 135°

Geruhsame Stimmung

Rue Félix Faure, Dakar – außen Tag

Mein Begleiter war der sympathischere der beiden SOBOA-Knaben. Er war dünn und kleiner als ich und wenn er den Mund aufmachte, konnte man sehen, dass seine Zähne faulig waren und fast waagrecht nach vor standen. Wahrscheinlich schwieg er deshalb die meiste Zeit. Ich sah ihn freundlich an und er lächelte mit geschlossenem Mund zurück. Er war der ideale Begleiter für diese Situation. Wenn ich auch ein Schwarzer gewesen wäre, hätte er wahrscheinlich zu mir gesagt, was für ein verrückter