Großer Gott, musste ich pissen. Mein Hals war ausgedörrt bis in die Bronchien, mein Kopf zu schwer, um ihn zu heben und in meinem Unterleib nagte der Harndrang. Abgesehen davon hatte ich keine Ahnung, wo ich war. Meine Augen waren verschwiemelt und verklebt und ich konnte sie kaum öffnen. Als es mir schließlich gelang, das Lid meines rechten Auges einen Millimeter weit hoch zu stemmen, hackte mir das Licht in den Schädel, dass mir das Auge tränte, und ich konnte erst recht nichts erkennen. Also tastete ich. Unter mir fühlte ich eine klumpige, borstige Masse, meine Beine waren in so etwas wie ein verschwitztes, zerdrücktes Laken verheddert. Ich selbst war bis auf die Unterhosen nackt und befand mich – soviel konnte ich inzwischen sehen – nicht im Freien. Trotzdem war es heiß. Ich tastete meinen Körper ab und stellte fest, dass ich keine Schmerzen hatte, die nicht von einem Kater herrühren konnten. Immerhin.
Immer noch einäugig gewann ich erste optische Eindrücke meiner Umgebung. Ich lag am Rücken und machte über mir verschwommen einen grün gestrichenen Plafond aus. Das war schlecht.
Grün ist zwar die Farbe der Hoffnung, aber auch die der Spitalswände.
In Afrika im Spital aufzuwachen,
war einer meiner am wenigsten dringenden Wünsche. Gleichzeitig hätte man mich, Visakarteninhaber und Tourist, bestimmt nicht in die Besenkammer des örtlichen Krankenhauses gesteckt. Und größer als eine Besenkammer war dieser Raum nicht. Vielleicht war das aber auch die Sonderklasse und das Besondere daran war, dass ich mein Zimmer nicht mit 40 infektiösen Siechen teilen musste. Der Raum selbst war zur Gänze in mattem Grün gestrichen und wurde von meinem Sonderklassebett beinahe vollständig ausgefüllt. Auf der einen Seite war das Bett ganz an die Wand gerückt, sodass zur anderen Wand etwa eine Armlänge Platz blieb. Als Matratze diente ein formloses Objekt, das mit etwas gefüllt war, über das ich nicht nachdenken wollte. Etwas Borstigem jedenfalls. Gegenüber der Stirnwand, die sich direkt hinter meinem Kopf erhob, befand sich eine einfache Tür, daneben ein Fenster ohne Glas nicht größer als eine Schießscharte. Es war mit einem grünen Fensterladen aus schmalen Holzbrettchen verschlossen. Unter der Tür und rund um den Fensterladen drang brutal das Licht herein. Das restliche Mobiliar bestand aus einem Nagel in der Wand, an dem säuberlich mein Hemd und meine
Hosen hingen. Darunter standen meine Schuhe. Von draußen war das Gackern von Hühnern zu hören, in einem metallenen Topf wurde brutzelnd irgendetwas zubereitet. Vermutlich war ich nicht in einem Spital.
Ich wälzte mich zum freien Bettrand und versuchte, so hinauszufallen, dass ich mich aus einer Art Abendgebetshaltung langsam auf die Beine hieven konnte. Dabei trat ich eine Flasche Wasser um, die jemand neben mein Bett gestellt hatte. Die Flasche war originalverschlossen, Kondenswasserperlen kullerten ihre kühle Plastikhaut hinunter. Ich riss den Verschluss auf und soff wie ein Rind. Anschließend kippte ich mir eine Handvoll Wasser ins Gesicht und noch eine über den Kopf und schon ging es mir nur noch erbärmlich. Das Gepolter und Geplätscher meiner Morgentoilette musste die Menschen auf der anderen Seite der Tür darüber in Kenntnis gesetzt haben, dass der Vollidiot, der gestern wie auch immer hier angekommen war, sein Bewusstsein wiedererlangt hatte.
Ich war ganz genau in der Verfassung, langwierige, diplomatisch äußerst heikle Erklärungen auf Französisch zum Besten zu geben, konnte allerdings auch nicht mehr lange in meiner Klause bleiben,
denn ohne Klo würde meine Lage in Kürze um einiges heikler sein. Also zog ich meine Hosen an, streifte mein Hemd über und fand in den Taschen mein Telefon, meine Brieftasche – komplett mit Geld, Visakarte und allem – und meinen Pass. Wer immer mich hierher gebracht hatte und wo immer ich war, die Menschen meinten es scheinbar gut mit mir.
Ich öffnete beherzt die Tür und taumelte im Moment zurück, als hätte ich einen Schmelzofen aufgerissen. Es war grell und heiß, ich war blind, schwitzte und mein Kreislauf brach in sich zusammen wie eine Illusion.
„Ça va, mon ami!“, sagte eine uralte, spöttische Stimme. Mit zusammengekniffenen Augen schälte ich eine unglaubliche Erscheinung aus dem gleißenden Licht: Vor mir saß eine alte schwarze Frau mit einer riesigen Brille und einem pinkfarbenen Kopftuch auf einem winzigen Schemel, fischte mit einer Kelle gebackene Mäuse aus einem Topf und füllte sie in kleine Säckchen. Das siedende Öl lief ihr über die Finger und sie grinste wie ein Kürbis zu Halloween. Ihr dürrer Körper war nachlässig in einen zinnoberroten Morgenrock gewickelt.
„Ça va, ça va“, krächzte ich zurück. „Haben Sie eine Toilette?“
„Oui, oui, mon chéri. Direkt da hinten.“
„Merci. Pardon. Ich ... Moment, bitte.“
Ich machte das ganz wundervoll.
Ich wankte durch einen Hof auf ein Holzgatter zu, das in der Richtung lag, in die die Alte gedeutet hatte. Mit zittrigen Fingern fisselte ich eine Schnur los, die das Gatter geschlossen hielt, dahinter kamen Hühner und Truthähne mit ruckelnden Köpfen auf mich zugestakt, ihre hässlichen Vogelaugen zu mir in die Höhe gewandt. Ein Hühnergehege. In einer Ecke befand sich ein gemauerter Verschlag mit einer Türe aus rostigem Blech, der wohl das Klo sein musste. Ich pflügte mich durch das störrische Federvieh, das sich offenbar sehr zurückhalten musste, um nicht in meine Waden zu picken, öffnete die Tür und bekam meine Vermutung bestätigt: Geruch und Beschaffenheit des Verschlages ließen keine Zweifel aufkommen – das war eine Toilette. Erleichtert ließ ich meinem Harn freien Lauf und mit dem damit verbundenen Wohlgefühl stellte sich ein aktiveres Interesse dafür ein, auf wessen Klo ich gerade losschiffte. Draußen kicherte die Alte und bellte irgendetwas auf Wolof.
Das Dach der Toilette bestand aus einem Stück Wellblech, das oben auf den gemauerten Verschlag gelegt worden war. Zwischen Mauerkante und Blechdach blieb genug Platz, um hinauszuspähen.
Und das tat ich; offenbar waren meine einzigen
Verbündeten in diesem Land seine Toiletten.
Diese hier lag an der hinteren Schmalseite eines länglichen Hofes, der links von einem niedrigen, ärmlichen Gebäude begrenzt wurde, in dem sich auch mein Sonderklasseraum befand, während rechts ein etwas verfallenes, aber schönes Wohnhaus stand. Zum Hof hin öffnete sich eine große, überdachte Terrasse mit gemauertem Geländer, die man über zwei kurze, geschwungen Vortreppen erreichen konnte. Von hier aus führten mehrere hohe Holztüren zu den Räumen des Wohnhauses. Entlang der Hauswände und Treppengeländer standen grobe Tontröge, aus denen üppige Pflanzen wucherten. Sie spendeten der Terrasse Schatten und sorgten für eine sehr freundliche Atmosphäre. Wenn die Hitze nachließ, spielte sich auf der Terrasse vermutlich das Leben der Bewohner ab.
Leider hinderte mich die florale Pracht, genauere Aufschlüsse darüber zu gewinnen, wer sich aktuell dort aufhielt. Das Gebell der Alten schien sich jedenfalls an jemanden zu richten, der im Schatten des Hauses auf der Terrasse saß.
An dem mir gegenüber liegenden Ende wurde der Hof von einer Mauer abgeschlossen, die von
enormen Hibiskussträuchern verdeckt wurde. In der Mitte dieses grün-violetten Blütenmeeres war eine kleine eiserne Tür zu erkennen, die wohl auf die Straße führte.
Mitten im Hof saß die seltsame Alte, tropfte Teig ins heiße Öl und fischte die fertigen Backstücke heraus, wobei sie sich ununterbrochen die Finger verbrennen musste. Aber das schien ihr nicht das Mindeste auszumachen. Nur einmal hielt sie kurz inne, schob sich die Brille ganz vor auf die Nasenspitze, um über deren Rand in Richtung des Hauses zu spähen und einen knatternden Wortschwall loszulassen. Mein morgendlicher Strahl war längst versiegt, aber ich blieb noch einen Augenblick stehen, um aus der Deckung heraus vielleicht doch noch Informationen über meine Gastgeber zu gewinnen.
Auf das Gebell der der Alten hin öffnete sich eine der Türen in jenem Teil des Hauses, der am Weitetesten von mir entfernt lag. Eine kichernde junge Frau hüpfte die Stiegen hinunter quer über den Hof und verschwand in einem der Zimmer, das auf derselben Seite lag wie meines. Vermutlich kam die Frau gerade aus dem Bad, sie hatte nur ein Handtuch umgeschlungen und ihre Haare standen wie ein
drahtiger Flaum von ihrem Kopf ab. Abgesehen von der merkwürdigen Frisur war die junge Frau sehr hübsch und mit einem Schlag waren die Erinnerungen an den gestrigen Abend wieder da: Susanne, meine scheußliche Einsamkeit, meine Depression angesichts dieser schönen und unnahbaren Menschen, der wahnsinnige Rausch und schließlich der Absturz am Klo des Alizé.
Dieser letzte Teil des Abends lag dunkel und unscharf am Rande meines Bewusstseins, einzig der fürchterliche Gestank, der mich auch hier wieder umgab, hauchte meinen letzten Erinnerungen daran Leben ein.
Ich schloss meine Hosen, stieß die Tür auf und holte tief Luft. Die Alte johlte mir etwas zu und fuchtelte kichernd mit ihrem knöchernen Zeigefinger durch die Luft, wie um mich zu tadeln. Offenbar hatte sie bemerkt, dass ich das Klo als Ausguck missbraucht und einen Blick auf ihre Urururenkelin geworfen hatte. Ich grinste zerknittert und tat kund, dass es mir schon viel besser ging. Ich stand in der prallen Sonne, der Hof begann sich augenblicklich um mich zu drehen und ich hatte Mühe, nicht rücklings in die Hühnerfarm zu stürzen.
„Das ist gut zu hören. Allerdings siehst du unglaublich beschissen aus.“
Assane! Sein singendes, süffisantes Englisch erschien mir wie ein Rettungsring.
„Um ehrlich zu sein: Es geht mir unglaublich beschissen.“
„Das hätte ich dir gestern schon sagen können.“
„Vielleicht hätte mich das gestern aber nicht so interessiert.“
Er lachte. „Es gibt Orangensaft und Kaffee und falls du dich danach fühlst, ich habe auch Croissants.“
„Was ist das hier? Ein Club Med?“
„Der Club Medina.“
Assane stand am hinteren Ende der Terrasse und ich
wankte tapfer die wenigen Stiegen zu ihm hinauf. Er hatte zwei gepolsterte Hocker und einen kleinen Tisch vorbereitet, auf dem ein europäisches Frühstück auf mich wartete. Als Tischdecke diente eine arabische Zeitung.
„Nimm Platz!“
Assane war ganz Maître in seinem Club Medina und mir konnte das nur recht sein. Ich schlürfte Kaffee, aß das Croissant, spülte es mit Orangensaft hinunter und frühstückte alles in allem wie eine Maschine. Langsam ging es mir besser.
„Assane?“
„Ja, bitte?“
„Danke, Alter.“
„Keine Ursache.“
„Nur eins: Warum hast du mir nicht einfach alles abgenommen, was ich hatte, und mich alten Deppen in diesem verpissten Abort liegen lassen?“
„Du hast nicht so besonders viel dabei gehabt.“
Ich lachte.
„Außerdem geht es mir eigentlich um deinen Wagen.“
Assane zog die Pajeroschlüssel aus seiner Tasche.
„Der ist nur gemietet ...“
Seine Miene verfinsterte sich. „Egal“, meinte er
hart. „Wir fahren nach Mauretanien und verkaufen den Wagen. Und wenn du mir blöd kommst, verscharr ich dich dort in der Wüste.“
Im nächsten Augenblick platzte Assane fast vor Lachen. Er bog sich wiehernd auf seinem Schemel und als er seine Sonnenbrille abnahm, konnte ich sehen, dass die gestrige Nacht auch ihm zugesetzt hatte. Langsam gewann ich die Fassung zurück und sank auf meinem Hocker zusammen. Ich starrte die Reste des Frühstücks an, die Zeitung, meine nackten Zehen. Zwischendurch dachte ich kurz an meine gestrigen Schaufelphantasien.
Ich wusste nicht einmal, wo ich war. Ich hatte einfach nur Glück gehabt.
„Nang ma baal. Ich musste diesen Witz einfach machen.“
„Verstehe ich.“
Assane war wieder ernst geworden. „Ganz abgesehen von Mauretanien. Du könntest uns mit dem Wagen wirklich sehr helfen.“
„Ah ja?“
„Ja. Die Sache ist so. Mein Onkel ist gestorben und es gibt hier in Dakar nächste Woche eine Gedenkfeier. Leider wohnen einige meiner Verwandten über 100 Kilometer südlich von hier und wir haben nicht genug Autos, um alle herzubringen. Reisen ist teuer im Senegal. Aber schließlich“, verfiel Assane wieder in seinen spöttischen Geschichtenerzählertonfall, „hat der große Allah dich und deinen Geländewagen zu mir geschickt und dein Leben in meine Hände gelegt. In seiner Güte hat er dir auch gleich eine Möglichkeit gegeben, dich zu revanchieren. Also fahren wir nach Ndangane und holen meine Familie.“ Assane lächelte freundlich und meinte: „Im Ernst. Es würde dir gefallen.“
Mir war übel und das war gut so. Es hinderte mich daran nachzudenken. Ich saß einfach da und sagte: „Klar. Ich mag es, wenn ich in einem Land etwas zu tun habe.“
Assane sah mich an. „Du hilfst uns?“
„Ich habe den Wagen für zwei Wochen und ich fahre. Wohin ist mir egal.“
Damit war das geklärt. Assane erhob sich, ging zu der Alten im Hof hinüber und knurrte auf Wolof los. Zum ersten Mal, seit ich zu Bewusstsein gekommen war, hielt die Erscheinung bei ihrer märtyrerischen Backwarenerzeugung inne und sah mich über den Rand ihrer Brille hinweg an. Wegen der katerbedingten Trübung meiner Sicht und der fettverschmierten Riesenbrille auf ihrer Nase hatte ich ihre Augen bisher nicht erkennen können, aber jetzt sah ich, dass sie freundlich und intelligent waren. Sie hatten eine starke Ähnlichkeit mit Assanes Augen.
Die alte Frau erhob sich, wischte sich die Hände in ihrem Morgenmantel ab, zupfte ihn zurecht und kam lächelnd auf mich zu.
„Merci, mon chéri“, meinte sie und kam die Treppe herauf. Dabei stützte sie ihre rechte Hand in die Hüfte, sie hinkte leicht. Ich konnte gar nicht anders, als mich zu erheben, ihr einige Schritte entgegen zu gehen und ihr in stümperhaftestem Französisch meinen Platz anzubieten. Ich muss lächerlich ausgesehen haben: Stammelnd, schwankend –
funkelnde Sterne tanzten in meinem verschleierten Blickfeld – die gestrige Schnapskur hatte mich zu einem gebrechlichen Trauerspiel gemacht.
Die alte Frau bellte in einer Mischung aus Wolof und Französisch los und wenn ich alles richtig zusammensetzte, war sie Assanes Großmutter und darüber hinaus sehr erfreut. Ich lächelte und nickte und sah ein bisschen betreten drein – immerhin, ich verstand kaum etwas von dem, was sie zu mir sagte, und war gestern sternhagelvoll in ihr Haus getragen worden, worunter ich in jeder Hinsicht litt. Assane assistierte mit einer Simultanübersetzung und nach und nach begriff auch ich, dass meine wirre Entscheidung, mit Assane irgendwelche Leute abzuholen, für eine große Sache gehalten wurde. Assanes Großmutter hieß Yadikon und lud mich ein, Gast in ihrem Haus zu sein, solange die Sache eben dauerte. Ich lächelte und nickte und bedankte mich artig und versuchte nebenbei, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. „Gast?“, fragte ich Assane verstohlen. „Ich dachte, wir fahren diese Leute holen.“
„Was, jetzt?“
„Na ja, ich meine 100 Kilometer, da sind wir am Abend wieder hier.“
Assane lachte laut auf und Yadikon stupfte ihm den Finger in die Seite, so wie Großmütter überall auf der Welt ihre Enkel stupfen, wenn sie wollen, dass sie sich benehmen. Assane fauchte ihr eine Übersetzung meiner Ansichten ins Gesicht und Yadikon begann, ebenfalls zu kichern.
„Mon Dieu, mon chéri“, sagte sie zu mir und „Bienvenue au Senegal“.
Ich hatte mal gehört, dass Lügen in Afrika als eine Form der Höflichkeit gepflegt wurde. Vielleicht sagte man im Senegal also zu weiten Strecken aus Rücksicht auf den Fahrer grundsätzlich „gute 100 Kilometer“ und Assanes Verwandte wohnten in Wahrheit in der Kalahari. Ich fühlte mich eher paranoid als scharfsinnig und kam nicht dahinter, wo das Problem liegen sollte.
„In Afrika ist eine Reise eine große Sache“, klärte Assane mich auf. „Man besucht einander, man muss Geschenke machen, allen muss Respekt erwiesen werden, alle haben immer etwas, um das sie einen bitten wollen, wenn man schon unterwegs ist, manche Leute wollen einander nicht begegnen und niemand hat ein Telefon. Man kann nicht einfach sagen, ‚So hier sind wir, setzt euch hinten rein, wir fahren nach Dakar.’“
„Warum?“
„Es würde nicht klappen.“
„Aber das wäre doch das Einfachste.“
„Wahrscheinlich würde es deshalb nicht klappen.“ Assane lachte wieder.
„Sehr mystisch“, schmollte ich. „Und wann geht es dann los?“
„In zwei oder drei Tagen. Ich habe in Dakar noch einiges zu erledigen, schließlich kann ich meine Großmutter mit den Vorbereitungen für das Begräbnis nicht ganz alleine lassen.“
„Kümmert sich denn niemand um sie.“ Yadikon war gute achtzig.
„Kümmern? Um Yadikon?“ Die Idee schien ihm schwachsinnig. „Sie kümmert sich um die Leute hier! Du wirst sehen, Yadikon ist eine ganz besondere Frau. Früher hat sie sehr viel getan, jetzt eben nur noch soviel sie kann. Sie ist sehr wichtig für die Nachbarschaft.“
„Sie sieht sehr freundlich aus.“
„Das ist sie. Und ich schwöre, das ist nicht leicht in diesem Land.“
Yadikon war zu ihren gebackenen Mäusen zurückgekehrt, Assane und ich setzten uns wieder. Die Terrasse gefiel mir. Der Boden war aus rohem Beton gegossen, die Wände waren spröde und dick mit grüner Farbe gestrichen. Man konnte sehen, dass hier seit Langem gelebt wurde. Überall gab es Risse und Unvollkommenheiten, wo man in Europa pedantisch eine Sesselleiste über die bröselige Kante zwischen Wand und Boden genagelt hätte, verlief hier einfach die natürliche Grenze zwischen zwei Materialien. Die Türen hatten keine Schwellen, das Dunkel im Inneren des Hauses und die schattige Veranda waren eins. Hier ein paar Tage zu bleiben, schien mir nicht absurder, als irgendwo anders zu sein. Ich fühlte mich ein wenig besser.
„Was werden wir heute machen?“
„Ich muss zum Hafen. Wenn du möchtest, kannst du mitkommen. Aber es wird nicht sehr interessant für dich sein.“
Das war mir egal. Alles war interessanter, als verkatert herumzusitzen und über gestern nachzudenken. Über meinen Job, über Susanne, über das Alizé ...
„Ach ja, und wir müssen auch noch mal ins Alizé, deinen Wagen holen.“
Da freute ich mich wirklich drauf. Es ist eine Sache, ohne Bewusstsein aus einem Lokal getragen zu werden. Aber am nächsten Tag zum Kneipenwirt gehen zu müssen, um sich eine vollgekotzte Jacke oder eine Brieftasche oder eben ein Auto wiedergeben zu lassen, ist ein hartes Programm. Und es ist nicht besonders gut fürs Vergessen.
Assane hatte mir ein Bad gezeigt – angeblich hatte ich es nötig – und mir mitgeteilt, dass ich ein größeres Zimmer beziehen konnte, sobald wir mit meinem Gepäck zurück waren. Gestern hatte er mich einfach in das nächste freie Bett fallen lassen, schließlich war ich nicht ganz leicht.
Ich versuchte, die Vorstellung aus meinem Kopf zu verjagen, wie Assane mich vor dem Alizé unter den grimmigen Blicken der Türsteher in ein Taxi verfrachtet, genauso wie ich es immer mit Henning getan hatte, mich hier durch den Hof schleppt, mich entkleidet und hinlegt und sich ununterbrochen denkt: Dieser dämliche, weiße Arsch. Hoffentlich kriege ich wenigstens sein Auto.
Das Bad war schlicht und schön. Nach westlichen Begriffen war es schäbig – alle Rohre waren offen verlegt, im Kondenswasser an den Schweißnähten hatten sich Algenbärte gebildet, die grüne Dispersion blätterte von den Wänden und der Boden war roh und ungekachelt. Aber es gab ein Klo mit Muschel, ein altertümliches aber sauberes Waschbecken und ein großes Fenster mit französischen Läden, durch deren hochgeklappte untere Hälften die Pflanzen des Hofes hereinwucherten.
Das Licht war mild und der Spiegel gnädig blind, einzig die Dusche funktionierte nicht. Ich schraubte an der Armatur, der riesige, fix montierte Brausekopf röchelte. Seine Löcher waren verklebt von eingetrockneten Algen und Kalk, Wasser war hier lange nicht mehr geflossen. Etwas unter Hüfthöhe war jedoch ein weiterer simpler Auslass in das Rohr eingesetzt worden, aus dem nach einigem Gurgeln Wasser zu fließen begann. Ich ging in die Hocke, ließ mir das Wasser auf die Schultern tröpfeln und begann gemächlich, alle meine Körperteile nacheinander abzuduschen. Das Wasser war überraschend kühl und allmählich klärte sich mein Kopf.
Man musste sich nur an die einfachen Dinge halten und alles kam wieder in Ordnung: Essen, duschen, scheißen und schon ist man wieder bereit für die Welt.
„Ah, der neue Chi!“, begrüßte mich Assane und seine Großmutter assistierte mit einem frivolen „So ein Hübscher!“. Sie lachte, trug Assane einige Besorgungen auf und drückte mir ein Säckchen voll gebackener Mäuse in die Hand. Sie war eine sehr sympathische Frau und auf ihrem zerfurchten Gesicht war immer irgendwo ein Lächeln versteckt.
Assane öffnete das kleine Eisentor, das auf die Straße führte, und ich betrat Afrika. Vor vielen Jahren war ich mit einer Schauspielerin zusammen gewesen und sie hatte mich einmal mit zu einer Probe genommen. Es war lustig gewesen zu sehen, wie die Schauspieler einen Schritt neben der Bühne sofort ihr Stück vergaßen und nur noch sich selbst spielten. Ein ähnliches Gefühl hatte ich auch hier. Die Straße glich der, durch die ich gestern gefahren war; dieselben Gehsteige aus geborstenen Betonplatten, derselbe Sand, dieselben Müllhaufen, dieselben Ziegen, dieselben Bäume und Kabel und Wäschestücke und Grillöfchen. Aber die Gesichter waren anders. Jeder sah erst mich an, erkannte dann Assane und warf mir einen Blick zu, der „Ach, du bist's nur“ zu sagen schien. Ich war kein Tourist, ich war Gast und jeder schien froh zu sein, mich nicht wirklich bedrängen, beklauen oder mir etwas
verkaufen zu müssen. Die meisten Leute kamen zu uns rüber, ohne Eile, sozusagen privat, begrüßten Assane, lächelten mir zu und bekamen erklärt, dass ich meinen Wagen für die Familie zur Verfügung stellte. Jeder schien von dem Begräbnis zu wissen und alle teilten mir in verschiedenen Sprachen, die sie von einem ihrer Verwandten in Europa gelernt hatten, mit, dass das eine große Sache war. Nicht nur für Assane und die Familie. Auch für mich.
Wir standen im Schatten der Bäume zusammen und mit etwas weniger Restschnaps hätte ich wahrscheinlich rausbekommen, wer der Onkel war, dessen Begräbnis hier das Thema Nummer 1 abgab. Aber so trabte ich leicht benommen neben Assane her und freute mich über die unerklärliche Freundlichkeit, die mir nach der gestrigen Katastrophe entgegenschlug.
Nur einmal lief ich Gefahr, wieder zum exponierten, rotohrigen Außenseiter degradiert zu werden, als wir eine Horde Fußball spielender Kinder passierten und ein vielleicht achtjähriger Rotzlöffel seinen dürren Fuß auf einen selbst gemachten Fetzenball stellte und „Toubab, Toubab“ zu schreien begann. Ich dachte an meinen Kreuzweg durch die schwarze Prozession am Place de l'Independance und an
meinen Auftritt als Aussätziger im Alizé und rund um den kleinen Kicker baute sich das Gefühl, Fremder zu sein, auf wie ein Schlägertrupp. Aber gerade mit den Provokationen unter Burschen am Sportplatz hatte ich schulbedingt meine Erfahrungen und bellte frech zurück: „Ça va, El Diouf?“ Assane grinste und der Kleine rannte kreischend vor Vergnügen zu seiner Bande zurück. Ich fühlte mich erstmals ein bisschen wohl an diesem Tag.
Der Hafen von Dakar war ein Albtraum. Ihn betreten zu dürfen, hatte ein Schmiergeld von 1000 CFA gekostet, da der Pförtner spontan ein Gesetz erfunden hatte, das Weißen den Zutritt zur Hafenanlage grundsätzlich untersagte. Assane hatte sich in eine lange und elende Diskussion verwickelt, an deren Ende die unverrückbare Meinung des Diensthabenden stand, dass er, wenn ich hier schon Geschäfte machte, wenigstens auch etwas davon haben wollte.
Assane war wütend und meinte, das wäre ein Prachtbeispiel für senegalesische Dummheit gewesen. Natürlich machten nach wie vor nur die Weißen wirklich gute Geschäfte im Senegal, aber alles, was seinen Landsleuten dazu einfiel, war, ihnen dafür bockig ein paar Zerquetschte abzupressen.
Wir hetzten über eine gewaltige Ladezone, die Sonne brannte gnadenlos auf uns herunter und wir hatten einiges Glück, nicht von einem der umherrasenden Ladetrucks platt gefahren worden zu sein. In Mole 1, wo wir umringt von Krüppeln, Zollbeamten und Arbeitertrupps auf einen von Assanes Bekannten warteten, wurden hauptsächlich Gebrauchtwagen aus Rotterdam verschoben. Assane stritt mit einem fetten Zöllner und ich lehnte mich an einen rostigen Zaun, der wenigstens zum Teil im Schatten lag. Von der anderen Seite streckte ein Mann ohne Beine seinen Arm durch den Zaun und bat um Almosen. Ich sagte ihm, dass ich nichts bei mir hatte und auch kein reicher Geschäftsmann war, aber der Alte ließ sich nicht beirren und forderte mich mit brüchiger Stimme auf, ihm wenigstens 10.000 CFA zu geben, da er seine Einnahmen mit dem Hafenaufseher teilen musste. Ich wiederholte wahrheitsgemäß, dass ich kein Geld bei mir trug, und der Alte starrte mir mit gelb unterlaufenen Augen direkt in mein schlechtes Reiche-Leute- Gewissen. Ich hätte sein Schicksal auch mit 100.000 CFA nicht wirklich geändert, trotzdem fühlte ich mich reflexartig verpflichtet, ihm wenigstens irgendetwas zu geben.
Also überreichte ich dem Mann das Einzige, was ich bei mir hatte, und der Bettler glotzte überrascht auf das Säckchen voll gebackener Mäuse in seiner Hand.
„Wenn du mir schon nichts geben willst, dann nimm mich wenigstens mit nach Europa!“, zischte der Alte. Er wackelte auf seinen Händen davon, den in Lumpen gehüllten Stumpf seines Leibes schleifte er nach. Das Säckchen hielt er mit den Zähnen fest. Aus einiger Entfernung hörte ich ihn „Moussa Diop“, knurren, „eine Invitation für Moussa Diop!“ Dann war er hinter einem Haufen Müll verschwunden. Die Hitze blieb.
Assane hatte seinen Zöllner ebenfalls abgefertigt und kam zu mir in den Schatten.
„Gebackene Mäuse stehen als Währung im Almosengeschäft nicht gerade hoch im Kurs, was?“
Assane grinste. „Wie kommst du darauf?“
„Ich habe einem von den Bettlern hier Yadikons gebackene Mäuse geschenkt. Er war nicht gerade begeistert.“
„Und du?“
„Was, und ich?“
„Hast du dich gut dabei gefühlt?“
„Nein, nicht so besonders.“
„Dann solltest du deine gebackenen Mäuse zurückverlangen.“
„Eine sehr charmante Idee.“
„Aber es stimmt. Mit dem Almosen tut man in erster Linie sich selbst etwas Gutes. Wer viel Almosen gibt, darf sich bei uns sogar etwas von seinem Marabout wünschen. ‚Marabout’, sagt man dann, ‚ich bin ein guter Mann. Bete, damit ich Geld bekomme.’“
„Das sollte ich mal mit den Leuten von VISA diskutieren.“
Assane lachte. Wir standen nebeneinander im Schatten und warteten. Es roch nach fauligem Hafenwasser, irgendwo hier in der Nähe waren vermutlich Hehlerei und Bestechung erfunden worden und die Türen der Autos, die in Mole 1 verladen wurden, waren zugeschweißt, weil sie den Hafen von Dakar anderenfalls nur als geplünderte Gerippe verlassen hätten.
Das war kein Ort des Vertrauens und der Verbrüderung, aber trotzdem wurde mir Assane mit jeder Stunde, die ich mit ihm verbrachte, sympathischer und ich war froh über seine Gesellschaft. Vielleicht hatte ich ja mitten in dem Chaos, in das sich mein Urlaub, oder besser noch, mein ganzes Leben verwandelt hatte, eine ganz rare Form von Glück gehabt, das sich in Assanes hagerer Gestalt materialisiert hatte.
Schließlich tauchte Assanes Bekannter auf. Ein Franzose mit schaufelgroßem Kinn, dessen feister Wanst die Knöpfe eines lächerlichen 70er-Jahre Hawaii-Hemdes zu sprengen drohte. Aus den klaffenden Lücken in der Knopfleiste quoll schwarz und borstig seine Körperbehaarung, die wenigen Haare, die auf seinem Kopf verblieben waren, hatte er zu einem schütteren Rossschwanz gebündelt. Ich hätte dem Kerl nicht einmal die Hand gegeben, aus Angst, sie nicht zurückzubekommen. Ohne Zeit für Begrüßungsreden zu verschwenden, machten wir uns auf den Weg in das miefige Büro eines Frächters, der seine gesamte Logistik mit einem vollgeschmierten Wandkalender und einer Bargeldkassa organisierte. Der Franzose schnaufte Assane von oben herab seine Sicht der Dinge ins Gesicht und der Frächter ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass er von Assane höchste Dankbarkeit erwartete, allein dafür, dass er mit ihm sprach. Geldverdienen war ihm Senegal scheinbar auch keine sehr erhebende Sache. Im Laufe einer zähen Diskussion kam zutage, dass das Auto, das Assane von einer Bekannten geschickt bekommen hatte, um es in Dakar zu verkaufen, noch nicht durch den Zoll war. Irgendjemand hatte vergessen, irgendjemanden zu schmieren.
Vor dem Haupteingang winkte uns Assane ein Taxi heran. Er sah finster und frustriert aus, aber wir mussten noch ins Zentrum, um anderen Problemen auf den Grund zu gehen: Omar, ein Bekannter von Assane, hatte mit Assanes Tante Colette ein Geschäft gemacht und behauptete nun, Colette hätte ihn hereingelegt.
Also zog Assane los, um sich neben seinem eigenen auch noch den Ärger von Colette und Omar aufzuhalsen. Wir fuhren an einem Markt vorbei, kreuzten den Place de l'Independance und querten das Viertel, in dem ich mich auch mit dem Team zumeist aufgehalten hatte. Die Gegend wirkte feindlicher, jetzt, da ich in einem klapprigen Taxi saß, und Assane starrte mürrisch zum Fenster hinaus auf die Schnorrer und Taschendiebe, die aggressiven Verkäufer und Touristengruppen. In den Gassen um den Sandaga Market kam der Verkehr zum Erliegen, also stiegen wir aus und drängten zu Fuß durch die Menge.
Assane hielt sich schräg hinter mir und tat sein Bestes, uns all die Händler und Bettler vom Leib zu halten, die ihn mit ihrem penetranten „Ey, Grand, pst pst“ dazu bewegen wollten, mich in ihre Fänge zu lotsen. Ich war benommen und müde und der Sandaga Market traf mich wie einen Keulenschlag. Eine Unzahl von Geschäften klebte an der eigentlichen, riesigen Markthalle wie Waben und die auch Gassen rund um dieses Hornissennest des Einzelhandels waren verstopft von Marktständen, die unter der Last der enormen Haufen von kopierten westlichen Markenkleidern, Kassetten, CDs und Ramsch für Touristen beinahe zusammenbrachen. Dazwischen rannten Jugendliche auf und ab, mit zehn Baseballmützen auf dem Kopf und je einem Armvoll Hosen und einem voll Hemden und brüllten allem, was weiß war und sich bewegte „Bon marché, bon marché!“ ins Gesicht. Die öffentlichen Schrottbusse pflügten sich mit nasal schnarrenden Hupen durch das Chaos und über allem prangte ein handgemaltes Maggi- Logo, das die Front der Markthalle zierte. Vor einem Supermarkt waren einige Ziegen angebunden, ein Schild wies sie als „offre spéciale“ aus. Assane steuerte mich im Windschatten größerer
Touristengruppen, die die marktschreierischen Angriffe der Händler praktisch vollständig absorbierten, durch die Gassen des Marktgebiets und wir kamen gut voran. Nur ein hünenhafter Schwarzer mit Rastas und Augen wie taubes Gestein war nicht von unserer Seite zu bringen. Er war bekifft wie ein Emir, laberte wirres Zeug und versuchte zwischendurch, mich mit dem stereotypen Satz: „Come, see me shop in Village Artisanal. Buy me masque très antique“ in sein Geschäft zu locken. Assane flüsterte mit ins Ohr, ich solle „Bëgguma dara“ – „Ich brauche nichts“ – sagen und ich sagte „Bëgguma dara.“
Wenn das eine Wirkung hätte haben sollen, verfehlte ich sie vollkommen und der Rastahüne wiederholte verständnislos: „Come, see me shop in Village Artisanal. Buy me masque très antique.“
So ging das einige Male hin und her:
„Come, see me shop in Village Artisanal. Buy me masque très antique.“
„Bëgguma dara.“
„Come, see me shop in Village Artisanal. Buy me masque très antique.“
„Bëgguma dara!“
„Come, see me shop in Village Artisanal. Buy me masque très antique.“
„Bëgguma dara!“
Bis unser Begleiter offenbar den Spaß verlor und versuchte, seinen Tag mit einem letzten Mega-Offert zu retten: „Ok, come see me factory, where we make masque très antique.“
Assane und ich prusteten gleichzeitig los und auch der Rasta hustete so etwas wie ein Lachen heraus. Damit war die Sache erledigt und Assane zog mich rasch durch eine winzige Türe in den Hinterhof eines schönen, einstöckigen Wohnhauses, das wir offenbar seit geraumer Zeit umkreisten.
„Ich wollte nicht, dass er uns hier hineingehen sieht,“ meinte Assane, während er mich über den Hof in das Wohngebäude führte. „Der wäre glatt mitgekommen und hätte von meiner Tante eine Provision dafür verlangt, dass er dich hierher gebracht hat. Sie ist Schneiderin.“
Schneider sind als märchenhaft dünne Menschen bekannt und das schloss offenbar auch Schneiderinnen mit ein. Assanes Tante war dünn wie schwarzes Papier und kam uns in leuchtend bunte Tücher gehüllt entgegen. In ihrem knochigen Gesicht wirkten die Augen, als hätten sie die Größe von Tennisbällen, ihre Hand zu drücken, erschreckte mich. Vermutlich war sie krank.
Sie bot uns mit großer Freundlichkeit Ataya an und wir nahmen in einem Raum Platz, der jeder Hippie-Kommune zur Ehre gereicht hätte. Überall hingen gebatikte Tücher, grob bedruckte Stoffe zierten die Sitzgelegenheiten und in allen Ecken des Raumes qualmten Räucherstäbchen. Die Tante lächelte und ich machte mir Sorgen, ihr Kopf könnte entlang dieses Lächelns auseinanderbrechen.
Ich begrüßte sie freundlich und sie erkundigte sich nach meinem Wohlbefinden, indem sie mir die ersten paar Litaneien jener traditionellen
senegalesischen Begrüßung beibrachte, die die Menschen hier jedem noch so unerfreulichen Gespräch voranstellten wie einen Puffer.
„Na nga def?“ fragte man, worauf die Antwort „Maa ngi fi“ und die Gegenfrage „Na nga def?“ zu folgen hatte. Dann erkundigte man sich mit „Naka wa keur gi?“ nach dem Wohl der Familie, um die entsprechende Gegenfrage prompt mit „Si jam“ – „Sie lebt in Frieden“ – zu beantworten. Dieses Spielchen konnte minutenlang hin und her gehen, bis alle Umstände vom Stand der Ernte über die Qualität getaner Reisen bis zum Verlauf der Geschäfte und der Gesundheit gemeinsamer Bekannter abgefragt waren. Neben dieser kleinen Unterrichtseinheit hauchte sie Assane bisweilen einzelne Sätze in einem so weichen und verletzlichen Wolof hin, wie ich es noch nie gehört hatte. Vermutlich konnte man als Senegalese nur so sprechen, wenn man bereits an der Schwelle zum Tod stand. Assane blaffte im üblichen rauen Tonfall zurück und seine Miene verdüsterte sich weiter.
Obwohl Colette mit dem Atayageschirr klapperte, richtete er unvermittelt die Frage an mich, ob ich etwas trinken wolle. Ich lehnte mit dem Hinweis auf den Ataya ab, Assane schickte dennoch einen von
drei kleinen Buben, die während der ganzen Szene still auf einem Sessel gekauert waren, mit einem 1000-CFA-Schein los, Cola zu kaufen. Colette stellte das Atayageschirr ab und setzte sich. Ihre Stimme war jetzt etwas fester. Sie sah mich an und richtete einen langen, eindringlichen Redeschwall an mich. Ich verstand natürlich kein Wort und wusste nicht, was ich tun sollte. Also wetzte ich nervös auf meinem Hocker herum und grinste blöd. Assane gab mir mit der Hand ein sachtes Zeichen, locker zu bleiben, und ließ ebenfalls eine Rede vom Stapel, deren Adressat wiederum das kleine Tischchen in unserer Mitte zu sein schien. Offenbar sprechen Senegalesen die Person, mit der sie gerade Ärger haben, nicht gerne direkt an.
Der kleine Bub huschte mit zwei 0,33er-Flaschen Cola herein und stellt sie vor uns hin. Assane öffnete sie, reichte mir die eine, nahm selbst einen Schluck aus der anderen und stellte sie zurück auf den Tisch.
„Ñu ngi dem“, meinte er.
Beim Hinausgehen streichelte er dem Kleinen den Kopf, Colette stand auf, aber wir verabschiedeten uns nicht. Die drei Buben stürzten sich auf das Cola, die Türe schloss sich hinter uns.
„Was war das denn?“
„Colette ist eine dumme Frau. Mein Freund Omar ist Händler. Er hat bei ihr Kleider für seinen Bruder in Italien bestellt und ihr Geld für Stoffe und Farben gegeben. Das Geld ist jetzt weg, aber Farben und Stoffe gibt es auch nicht.“
„Und was passiert jetzt?“
„Nichts. Es war ein schlechtes Geschäft.“
Ich ging neben Assane her. Ich hätte gerne etwas gesagt, um ihn aufzumuntern, aber mir fiel nichts ein. Schlechte Tage gab es überall.
Assane hatte mich schweigend aus dem Dschungel von Centre Ville an die Küste zur Route de la Corniche geführt. Der südliche Zipfel des Cap Vert war der höchste Punkt der Halbinsel und nach Norden, gegen die Medina hin, ging es stetig bergab. In der Ferne konnten wir die Minarette der Grande Mosquée sehen, vor uns in der Senke lag das Armenviertel Rebeus mit dem Gefängnis. Assane fragte mich, ob es mir etwas ausmachte, zu Fuß zu gehen. Ich verneinte und wir schritten nebeneinander die Corniche entlang. Das Bankett der Straße ging in einen breiten Streifen von Sand und Geröll über, der zur Küste hin abrupt im steilen Abbruch der Klippen endete. Wer hier zu schnell aus der Kurve kam, konnte sich eines spektakulären Abgangs sicher sein. Unter den wenigen Bäumen saßen Händler inmitten kleiner Haufen von Obst und Kolanüssen, weit draußen vor der Bucht ragten die schwarzen Silhouetten der zerklüfteten Madeleines-Inseln aus der kahlen Platte des Atlantik.
„Siehst du das?“, fragte mich Assane und deutete auf einen belebten Küstenabschnitt zwischen dem Häusergewühl der Medina und dem Meer. „Das ist Soumbedioune. Da bin ich groß geworden.“
Soumbedioune war eine weite Bucht, in der das Leben pulsierte wie auf einer Agarplatte. Einem Herzen gleich lag ein Fischmarkt in der Mitte, im Vordergrund konnte ich das Durcheinander eines Village Artisanal erkennen. Dazwischen probten Percussion- und Tanzgruppen ihre Shows am Strand. Am Ende der Bucht thronte ein riesiger Bau in kolonialem Stil, der früher einmal ein Museum beherbergt hatte; bis Bauspekulationen um einen Hotelkomplex die Mieten in die Höhe getrieben hatten, wie Assane mir erklärte. Die Corniche sank dem quirligen Soumbedioune gemächlich entgegen und je näher wir kamen, desto mehr entspannte sich Assane. „Wir machen heute ein kleines Fest“, meinte er schließlich. „Wir kaufen Fisch, holen deinen Wagen und laden ein paar Freunde ein. Party à la sénégalaise. Es wird dir gefallen.“
Der Fischmarkt war jenseits meiner Erwartungen. Bei jedem Schritt sog ein Chaos aus Schlamm, Müll und Fischkadavern an meinen Schuhen, auf wackeligen Tischen und rohen Holzblöcken lagen Tonnen von Barschen, Muränen, Barrakudas, Brassen, Tintenfischen, Bärenkrebsen, Langusten, Aalen, Haien, Rochen, Thunfischen, Heringen, Sardinen und Tieren, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Manche waren kaum so groß wie ein Handteller, andere so wuchtig wie ein fetter Mann. Um uns toste unübertreffliches Geschrei, Fische wurden uns ins Gesicht gestreckt, die Kiemen aufgebogen, damit das saftige Rot uns von der Meeresfrische der Ware überzeugen konnte. Assane watete durch das Getümmel wie ein Reiher und richtete hin und wieder leise Fragen an einen der Händler. Hinter mir hatte sich ein Rudel von Kindern gebildet, die große Mengen von Plastiksäckchen trugen und mit „Mistah, Monsieur, pst, pst!“ meine Aufmerksamkeit zu erregen versuchten. Ich hatte allerdings nicht die Absicht, einen schleimigen Plastiksack zu erwerben und Assane hatte seinen Kauf abgewickelt, ohne dass ich es bemerkt hatte. Unvermittelt drückte er einer dicken Frau 1300 CFA in die Hand und ging weiter.
„Und der Fisch?“
„Den bringen sie schon.“ – Fantastischer Service, wenn man das Vertrauen aufbringen konnte. Assane schlenderte zu einem ruhigeren Teil des Marktes. Wir waren näher am Wasser, die Dämmerung hatte bereits eingesetzt und es war kühler hier. Zwischen den hochgezogenen Booten – Pirogen heißen die, erklärte mir Assane – hatten Frauen kleine Tischchen aufgebaut, wo sie Fische ausnahmen und Gewürze verkauften. Einer der kleinen Jungen, die hinter mir hergelaufen waren, brachte in einem Plastiksack unseren Kauf und reichte ihn einer der Frauen, die mechanisch mit dem Putzen begann. Sie entfernte die Schuppen, dann öffnete sie mit einem kleinen Schnitt unterhalb der Kiemen die glitschigen Körper und riss die Innereien mit einer geschickten Drehung der Finger heraus. Sie hatte Glück gehabt mit unseren handlichen Brassen. Im Hintergrund sah ich drei Frauen mit einem kalbsgroßen Barsch ringen. Assane kaufte Senf, Salz und Pfeffer in winzigen Säckchen, ließ sich einige Zwiebel geben und bezahlte am Ende 400 CFA. Die Frau verpackte unsere Fische, der kleine Junge schnappte sich das Paket, steckte es in seinen Plastiksack und trug es hinter uns her. In Assanes Haus kassierte der Kleine eine Handvoll Münzen und rannte zurück zum Markt. Das war Arbeitsteiligkeit.
Yadikon empfing uns freundlich und vollführte angesichts der Fische kichernd einige schlurfende Tanzschritte – trotz ihrer 80 schien sie sich über die angekündigten Gäste zu freuen. Assane brachte den Fisch ins Wohnzimmer, wo es einen Kühlschrank gab und Yadikon wies mir ein schön hergerichtetes Zimmer zu, das vom hinteren Ende der Terrasse aus zu erreichen war. Im Halbdunkel des Raumes fegte eine kleine Frau den Boden. Sie war vielleicht sechzehn Jahre alt, hatte schiefe Zähne, unordentliches Kraushaar und beäugte mich argwöhnisch. Wenn man sie in ihrem schmutzigen Wickelrock und dem ausgeleierten T-Shirt dastehen sah, kam man nicht auf die Idee, dass die afrikanischen Frauen einen ordentlich nervös machen konnten. Ihr Besen war nichts weiter als ein struppiges Büschel Reisig und ihre Miene erinnerte mich an die Blicke, die Kurts entblößter Hintern geerntet hatte: Neugier ohne Freundlichkeit.
Wir standen einander einen Augenblick gegenüber und als Yadikon hinter mir ins Zimmer geschlurft kam, wurde die kleine Frau unverzüglich in den Hof hinaus gescheucht.
Der Raum selbst war mit einem Schrank, einer Kredenz und einem altertümlichen Doppelbett
reich möbliert, eine kleine Türe führte in das Bad, in dem ich mir heute Morgen kniend den Dreck der vergangenen Nacht abgewaschen hatte. Wenn ich Yadikon richtig verstand, hatte ich es zu meiner alleinigen Verfügung.
„Ein tolles Zimmer, danke sehr. Wer lebt sonst hier?“ fragte ich Assane, als wir wieder auf den Hof hinaus traten.
„Niemand im Speziellen. Es ist ein Gästezimmer. Yadikon nimmt gerne Menschen bei sich auf.“
Der Anblick des Alizé versetzte meiner Laune einen gehörigen Dämpfer.
Wir waren noch eine Weile im Hof gestanden, Yadikon und Assane hatten der kleinen Frau Instruktionen betreffend die Zubereitung des Fisches erteilt und dann hatten wir uns auf den Weg gemacht, mein Auto und meine Sachen zu holen.
Die Sonne war beinahe ganz im Meer versunken, die Lichter des Alizé waren noch nicht an und die Stimmung war trist, als Assane und ich aus dem Taxi stiegen. Der Parkplatz war fast völlig leer, nur mein Pajero stand verwaist in der Mitte und wir mussten jemanden finden, der uns den Schranken öffnete.
„Ey, Papillon!“ rief Assane und der Koloss von gestern Abend kam vom Hintereingang des Alizé her auf uns zu.
„Ah, Assane“, grüßte er.
Sein Gesicht verwarf sich zu einer Art Lächeln, als er mich sah, aber er reckte auch mir seine Hand entgegen. Jeder seiner Finger war so groß wie eine Augsburger Wurst, aber im Vergleich zu seinem Körper wirkten sie ganz normal proportioniert.
Ich fragte mich, wer auf die Idee gekommen war, ein solches Monster Papillon zu nennen. Assane machte
ein wenig Konversation, Papillon lachte laut und ausführlich und schließlich öffnete er uns den Schranken.
Langsam, langsam brachte ich auch diesen Teil des Tages hinter mich.
Am Weg zurück erklärte mir Assane, dass Papillon Ringer war und aus der Gegend stammte, die wir bereisen würden. Dort wurde noch die Tradition des Laamb, der senegalesischen Ringkämpfe, gepflegt und einige von Papillons Brüdern waren ebenfalls lokale Ringerchampions. Aber nur Papillon hatte es geschafft, sich in Dakar zu behaupten und Profikämpfer zu werden. Das war weniger traditionell, brachte aber einiges ein. Trotzdem musste er auch im Alizé jobben, da er praktisch seine ganze Verwandtschaft am Land ernährte. Die Ernten der letzten Jahre waren nicht besonders gewesen.
„Das ist sehr großzügig von ihm.“
„Das ist normal. Im Senegal hat bestenfalls einer von zehn Männern Arbeit. Der versorgt dann die ganze Sippe. So kann zwar jeder überleben, aber zusammensparen kann sich hier keiner was. Wenn einer Geld hat, hat er auch Ärger.“
„Apropos Geld. Ich muss unterwegs etwas abheben. Ich möchte hier nicht auf eure Kosten leben.“
„Das ist nett, aber bei Yadikon bist du Gast. Wenn wir im Sine Saloum bei meinen anderen Verwandten sind, werden wir der Familie eine Partizipation von 5000 CFA pro Tag geben.
Dafür schlafen und essen wir. Einverstanden?“
„Baax na“, sagte ich.
„Ah, du sprichst Wolof“, lachte Assane.
„Habe ich aufgeschnappt.“
Den Rest der Fahrt beschäftigte sich Assane damit, mir einfache Redewendungen in seiner Sprache beizubringen. Wolof war eine verrückte Sprache, deren Grammatik ich nicht verstand und deren Silben für den Laien kaum zu unterscheiden waren. Ich konnte mir nur wenig merken.
Zu Hause bei Yadikon erwarteten uns bereits die ersten Gäste. Omar, der Händler, stand im Halbdunkel an das Geländer der Terrasse gelehnt, ein trauriger, stiller Mann, der – wie ich bald feststellen sollte – völlig betrunken war; er hatte schon erfahren, dass ihm Assanes Besuch bei Colette sein Geld auch nicht hatte wiederbeschaffen können. Neben ihm stand ein großer, sehr hellhäutiger Schwarzer namens Sidibe und sprach ruhig und freundlich auf ihn ein. Omar schien große Hoffnungen in das Geschäft mit seinem Bruder in Italien gesetzt zu haben. Auf der Terrasse saß Yadikon im Schein einer Lampe und döste. Die kleine Frau hatte mitten im Hof einen dieser kleinen Grillöfen aufgestellt und bereitete unsere Fische zu. Neben ihr stand ein wenig sympathischer Typ, der Mustaffa hieß. Ich bildete mir ein, ihn aus dem Medinoise zu kennen, aber selbst heute, an meinem fünften Tag in Afrika, fiel es mir schwer, die Schwarzen verlässlich von einander zu unterscheiden. Assane machte mich mit allen bekannt und es entwickelte sich ein stockendes, oberflächliches Gespräch über Afrika und darüber, dass es schön war hier. Meist standen wir nur da und lächelten.
Schließlich schlüpfte Assane zur Tür hinaus und ich blieb mit meinen neuen Bekannten im Hof stehen.
„Vielleicht sollen wir nehmen ein Tisch?“, versuchte ich, die Festvorbereitungen anzukurbeln.
„Einen Tisch?“, fragte Sidibe.
„Ja, für Essen“. Es lief nicht so mit der Konversation.
„Ah! Moment!“ Sidibe verschwand und ich stand ein bisschen dumm da: Der große Massa hatte seinen Boy um einen Tisch geschickt. Nach einiger Zeit kam Sidibe mit einem schemelartigen Tischchen zurück, das nicht größer war, als eine ordentliche Schuhschachtel.
„Kleiner Tisch“, sagte ich – „Ah, gut“, meinte Sidibe.
Ich ließ es bleiben und sah der kleinen Frau beim Grillen zu. Schmerzempfindlichkeit schien es bei senegalesischen Frauen nicht zu geben. Sie drehte die Fische mit der bloßen Hand um, die Gluthitze machte ihr dabei offenbar nichts aus. Einer der Räume in dem niedrigen Gebäude, in dem ich heute Morgen erwacht war, diente als Küche, ein Topf mit Sauce dampfte auf einer elektrischen Kochplatte. Abgesehen von der Kochplatte gab es einen Hackstock, eine Kalebasse mit Wasser und ein Regal mit Töpfen und Messern. Das war die gesamte Ausstattung. Auch kein Thema für lockeres Geplauder.
Dann begann Omar zu weinen und fiel um; ein guter Start für eine Party. Sidibe ging zu ihm hinüber und die kleine Frau kicherte. Ich war froh, als Assane zurückkam, und ganz besonders froh war ich, als ich sah, was er mitgebracht hatte. In einem schwarzen Sack klimperten etliche Flaschen Flag Bier, aus einem zweiten, kleineren Säckchen fischte er zwei Tetrapackungen Wein. Don Garcia. Der Don hatte es mir weniger angetan, aber ein Bier konnte nicht schaden, um die Reste meines Katers wegzufegen.
Mit der Rückkehr des Hausherren kam auch die Gestaltung der Tischordnung in Schwung. Assane schaffte einige Sessel und Polster heran und wir setzten uns zwischen Küche und Hibiskusstrauch im Kreis, der kleine Tisch wurde in die Mitte gestellt. Omar lag über zwei Polster gestreckt und schlief; für ihn war der Tag gelaufen. Inzwischen war es ganz dunkel geworden und nur das Quietschen der Tür kündigte die Ankunft neuer Gäste an. Ein sehr hübscher Daffar und seine schwangere Frau Aminata nahmen bei uns Platz und zuletzt kam ein kleiner Kerl namens Mamadou. Damit waren wir offenbar komplett. Aminata war praktisch sofort zur
kleinen Frau gegangen und beaufsichtigte die
Fertigstellung des Abendessens. Die Männer unter- hielten sich mit gedämpften Stimmen, manchmal sagte jemand etwas auf Französisch und ich lächelte und nickte. Assane wirkte müde und sprach wenig, der Tag hatte ihm zugesetzt. Nach einer kleinen Weile brachte Aminata einen Korb mit Weißbrot, die kleine Frau trottete mit einer riesigen Platte voll Sauce und Fisch hinter ihr her, stellte sie auf den schemelartigen Tisch und verschwand. Wer auch immer sie war, der gegrillte Fisch und die Senfzwiebelsauce, die sie zubereitet hatte, dufteten herrlich. Nur Besteck gab es keines. Assane murmelte: „Bismillah!“, alle hauten rein, nur ich verbrannte mir die Finger.
Ich esse nicht gerne Fisch. Ich habe kein Problem mit dem Geschmack oder damit, dass der Kopf noch dran ist, aber ich hasse Gräten. Und wann immer ich in den dunklen Haufen Fisch vor mir griff, war das Erste, was ich spürte, ein Gestrüpp aus spitzen, bösartigen Gräten. Während die anderen unentwegt appetitliche Stücke aus dem Fisch brachen, sie ohne hinzuschauen mit den Fingern entgräteten und mit einem Tupfer Sauce verspeisten, gelang es mir nicht, ein einziges essbares Stück Fisch in die Finger zu bekommen.
Nach dem Tag in Dakar hätte ich
einen Büffel verspeisen können, aber ich musste mich mit wenigen Scheiben Brot begnügen, trank Bier und versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Niemand in der schmatzenden Runde sprach und auch ich schwieg, um nicht den Eindruck zu erwecken, ich wäre zu blöd zum Essen. Hätten wir alle munter drauflos geplaudert, hätte ich das Quietschen der Tür vermutlich gar nicht gehört. So aber hob ich meinen Blick und sah eine junge Frau hereinhuschen. Assane sah ebenfalls auf und sagt freundlich:
„Ah, Maymouna! Toogal!“
Und so setzte sich Maymouna neben mich, wo noch ein Hocker frei war. Sie sah schüchtern zu Boden, aber als ich sie begrüßte, erkannte ich die hübsche junge Frau von heute Morgen. Nur, dass sie jetzt lange Haare hatte. Maymouna wechselte schnippisch zwei, drei Sätze mit Assane, ich grinste dümmlich und aß weiter mein Brot. Bisweilen tauchte ich ein Stück davon in die Sauce, um wenigstens diesen Genuss nicht zu versäumen. Als ich missmutig eines meiner letzten Brotstückchen in die Sauce stupfte, ertastete ich überrascht ein absolut grätenfreies Stück Fisch, das direkt vor mir am Teller lag. Das konnte nicht sein.
In meiner
Verzweiflung hatte ich praktisch jedes Stück Fisch, das ich irgendwie erwischen konnte, auf seine Grätendichte hin abgetastet. Dabei konnte mir nicht gut ein glattes Filet direkt vor meiner Nase entgangen sein. Egal. Ich aß und es schmeckte so fremdartig und wunderbar, wie ein glotzäugiger Fisch nur schmecken konnte. Die kleine Frau hatte die Haut mit vielen Schnitten perforiert und eine scharfe Paste tief ins Fleisch gestrichen, die einem die Tränen in die Augen trieb und den Gaumen zum Jubilieren brachte. Gerade wollte ich eine Lobrede vorbringen, als ein weiteres prächtiges Stück Fisch vor mir auf den Tellerrand plumpste. Es kam von Maymouna. Sie sprach mit Daffar und schien mich nicht einmal wahrzunehmen, aber sie hatte meine Not erkannt und schnipste mir kleine Häppchen Fisch herüber. Sie brach ein Stück aus einem der Tiere, drückte die Gräten geschickt heraus und entfernte sie mit einem Wischer ihres Daumennagels. Dann ließ sie es vor mir auf den Teller kullern. Ihre Konturen zerflossen fast vollständig in der Dunkelheit und ich hätte nicht sagen können, wie sie eigentlich aussah, aber trotzdem war ich in diesem Augenblick in sie verliebt. Es war nur Fisch, aber es war auch ein Wunder und ich war glücklich.
Maymouna war längst schlafen gegangen, auch Daffar und Aminata hatten sich verabschiedet und schließlich hatten Sidibe und Mustaffa den unglücklichen Omar nach Hause gebracht, der mitten am Abend kurz das Bewusstsein wiedererlangt und Assanes Tante Colette verflucht hatte.
Nur Assane, Mamadou und ich saßen noch auf der Terrasse und genossen den lauen Abend. Mamadou war ein sehr freundlicher, traurig wirkender Mann, der besser Englisch sprach, als ich Französisch, weshalb wir uns auf Englisch als Basissprache unseres Kauderwelsch geeinigt hatten.
Für mich hing der Himmel voller Geigen, die Nacht duftete und ihre Geräusche drangen direkt in mein Herz.
Ich hatte bisher nur wenig von den Gesprächen mitbekommen, aber allmählich verdichteten sich in Mamadous sentimentalem Sermon die Hinweise darauf, dass ich ein blindes Huhn und ein Hornochse reinsten Wassers war. Er beklagte den Verlust, den der Tod des großen Senghor für das Land bedeutete, und er beklagte ebenfalls das Unglück, uns nicht auf unserer Reise begleiten zu können. Er nannte den Tod des Präsidenten und unsere Mission so
beharrlich und selbstverständlich in einem Atemzug, dass auch ich es schließlich kapierte: Assanes toter Onkel war Léopold Sédar Senghor.
„Heilige Scheiße ...!“
„Wir gehören zur mütterlichen Linie, ja.“
Am nächsten Morgen frühstückten wir wieder auf der Terrasse vor meinem Zimmer. Assane hatte Croissants gekauft, die kleine Frau hatte uns Kaffee gekocht und mir war meine Ignoranz peinlich. Ich sagte freundlich „Jërajëf“ zur kleinen Frau und sie sah mich an, als wäre ich verrückt. Ein etwa dreijähriger Bub riss an ihrem T-Shirt und sie ging den Abwasch machen. Assane lächelte: „Ihr Sohn.“
Vielleicht war sie ja doch schon zwanzig.
„Wer ist die kleine Frau eigentlich?“
„Yadikon hat sie vor zwei Jahren bei sich aufgenommen. Sie stammt aus der Gegend von Thiès, aber sie hat mit ihrem Buben hier auf der Straße gelebt.“
„Und jetzt arbeitet sie hier?“
„Meine Großmutter lässt sie hier wohnen und bezahlt ihr eine Ausbildung. Dafür hilft sie aus.“
„Wie alt ist sie denn?“
„Noch nicht einmal siebzehn. Keiner weiß, von wem sie das Kind hat.“
„Kein leichtes Leben.“
„Für sie ist es jetzt ok. Jedes Jahr kommen Tausende wie sie vom Land nach Dakar. Du kannst dir
vorstellen, dass die meisten nicht für eine nette, alte Frau arbeiten.“
„Kinderprostitution?“
Im Flugzeug der Air France hatte ich einen Spot gesehen, in dem die Urlauber, die Afrika bereisten, aufgefordert wurden, der Kinderprostitution durch bewusstes und kritisches Verhalten entgegenzutreten.
„Das ist nur ein Wort. Die meisten arbeiten nicht für Weiße, sondern für Familien hier. Der Mann im Haus sieht die Kindermagd oft als zweite Ehefrau. Nur dass er sie nicht heiraten muss.“
„Du bist sehr streng mit deinen Landsleuten.“
„Das muss ich sein. Es läuft nicht gut bei uns.“
Ich brach mein Croissant in zwei Hälften und bestrich das flaumige Innere mit einer Marmelade, die aus etwas Feigenartigem gemacht worden sein musste.
„Ich bin mir gestern ganz schön blöd vorgekommen. Du hättest mir etwas sagen können.“
„Ich dachte, Susanne hätte es dir erzählt.“
Mitten in Dakar, weit genug von zu Hause weg, um für immer verloren zu gehen, saß ich mit dem Enkel des legendären Präsidenten Senghor beim Frühstück und plötzlich wurde ganz selbstverständlich von Susanne geplaudert. Gerade so, als hockten wir im Irish Pub schräg gegenüber meiner Wohnung in
Wien Neubau, wo jeder Susanne und mich und alle unsere Probleme kannte. Das fand ich nicht gut.
„Nein, Susanne hat es vorgezogen, mich mit Bier zu überschütten.“
„Ach ja“, schmunzelte Assane. „Es tut mir leid. This is a world of come and go.“
„Woher kennst du sie überhaupt?!“ Ich war ein wenig laut geworden. Senghor und Susanne ließen meinen Film ein wenig unrund laufen.
„My Brother“, sagte Assane sanft zu dem Tischchen zwischen uns, „ich müsste dir das alles nicht erzählen, aber wir werden einige Zeit miteinander verbringen und ich möchte nicht lügen.“
Also erzählte er es mir. Susanne lebte zwei Gassen weiter, jeder kannte sie, jeder mochte sie und weil Assane zu ihrem Vertrauten geworden war, hatte sie ihn gebeten, nach unserem unvermeidlichen Gespräch ein Auge auf mich zu haben. Schließlich war ich ein impulsiver Schwachkopf, der dazu neigte, Mist zu bauen. Und Assane hatte ihr versprochen, das nötigenfalls zu verhindern. Von meinem Auto hatte er da allerdings noch nichts gewusst.
„Hast du mit ihr geschlafen?“ Ich sprach nicht zu dem Tisch, ich knurrte Assane mitten ins Gesicht.
„Eine fantastische Frage“, sagte Assane ein wenig reserviert zum Croissant auf meinem Teller, „selbstverständlich würde ich dich anlügen, wenn es anders wäre, aber ich habe nicht mit ihr geschlafen.“
Es war gerade erst neun Uhr dreißig und ich hatte mich schon wieder komplett lächerlich gemacht.
Assane war losgezogen, um in der Stadt die Verwandten der väterlichen Senghor-Linie zu treffen, allen voran Adrienne, den Präsidenten der gesamten Familie. Keiner von uns war in der Stimmung für einen gemeinsamen Ausflug gewesen und so hatte er mich im Haus seiner Großmutter zurückgelassen, wo ich unter die Dusche ging.
Ich konnte verstehen, weshalb Susanne gerade Assane so viel Vertrauen entgegenbrachte. Ich tat das schließlich auch. Aber es war zu typisch für sie, einen Babysitter für mich abzustellen, weil sie mit mir Schluss machen wollte. Beziehungstechnisch hatte ich mich als Fehlentwicklung in ihrem Leben entpuppt und Chi, das Resozialisierungsprojekt, hatte sie ordnungsgemäß an Assane übergeben. Ganz objektiv betrachtet waren das zwei richtige Entscheidungen. Unsere Liebe war erledigt gewesen, lang bevor Susanne hierher gefahren war, und ohne Assane wäre ich im günstigsten Fall in einem Spital wieder zu Bewusstsein gekommen. Susanne traf immer richtige Entscheidungen. Und ich bekam Kopfschmerzen, wenn ich nur an sie dachte.
Das Wasser rieselte kühl auf meine Schultern und meinen Kopf und ich wusch mich, so gut es ging.
Als ich mich aufrichtete, um mein Handtuch zu
nehmen, sah ich vor dem Fenster die kleine Frau stehen. Sie hatte bestimmt nicht ihr Leben lang darauf gewartet, einen nackten weißen Mann zu sehen, aber jetzt, da sich die Gelegenheit bot, musterte sie meinen weißen Körper aufmerksam und ohne Scham. Unter ihrem T-Shirt zeichneten sich deutlich ihre kleinen, spitzen Brüste ab. Wir standen einander eine Weile gegenüber, ich im Bad und sie im Gebüsch vor dem Fenster. Schließlich begann sie zu kichern und trollte sich. Ich merkte, dass ich eine Erektion bekam.
Im Film besteht die Schwierigkeit, die Anschlüsse nicht zu versauen. Lichtstimmung, optische Achsen, der ganze erzählerische Fluss, all das soll erhalten bleiben, auch wenn man einen harten Schnitt setzt, um in der Geschichte weiterzukommen. Hier und jetzt war mein Problem, dass ich meinen Schnitt setzen wollte und dennoch alles gleich blieb. Ich vermisste Susanne, war eifersüchtig auf jeden, der sie auch nur angesehen hatte, verliebte mich gleichzeitig in Frauen, die ich nicht sehen konnte, und war sexuell so aus dem Lot, dass ich vor einer hässlichen Halbwüchsigen einen Ständer aufriss. Es gab keinen Schnitt, kein Abtauchen in der Fremde. Es ging ganz einfach weiter. Das allerdings ohne Verzögerungen. Assane krachte herein, als ich mir gerade die Hosen anzog.
„Rasch“, sagte er ohne Einleitung, „ich habe Wasser gekauft, wir müssen nach Touba.“
Touba. Das stand auf all den bunt bemalten Schrott- bussen, die kreuz und quer durch Dakar rasten, und ohne mir viele Gedanken zu machen, war ich davon ausgegangen, dass das den Bestimmungsort der Busse bezeichnete. In Wahrheit war es aber eine dringend nötige Beschwörung des Glücks, das man sich allein von der Magie des Wortes erhoffte: Touba, die heilige Stadt der Muriden.
Ich steuerte den Wagen über löchrige Pisten und trockene Ebenen immer weiter ins Landesinnere. Wie verbrannte Wurzelstöcke ragten die Kronen der schwarzen Baobabs über den flirrenden Horizont und Assane brachte eine Zusammenfassung der muridischen Geschichte.
Cheikh Ahmadou Bamba, der allerorts verehrte Gründer der Bruderschaft, hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen unbeugsamen Islam gepredigt und während sich andere Marabouts mit den Besatzern arrangierten, den Islam schwach und stumpf werden ließen und von ihrer kooperativen Haltung profitierten, trat Mame Bamba offen gegen die Franzosen auf; was ihm zahlreiche Anschläge auf sein Leben sowie mehrere Verbannungen einbrachte. Einmal versuchte man es sogar mit
einer Kombination aus beidem und ließ ihn auf offener See über Bord des Schiffes werfen, das ihn ins Exil bringen sollte. Aber der Glaube Mame Bambas war so stark, dass er ihn alle Anschläge der Franzosen überleben ließ. Aus der misslichen Lage im Ozean hatte sich Bamba angeblich befreit, indem er auf den Wellen seinen Teppich ausgebreitet und seine Rak'at verrichtet hatte. In jedem guten Taxi konnte man neben Portraits von Madonna und Mike Tyson auch eine bildliche Darstellung dieses Vorfalls bewundern. Jedenfalls war Bamba nicht umzubringen und die Kraft seines Glaubens bald über alle Grenzen hinweg bekannt. Dafür war nicht zuletzt Bambas erster Jünger, Cheikh Ibra Fall, verantwortlich, den man sich offenbar nicht eifrig und verrückt genug vorstellen konnte. Immerhin wurde er von seinem Meister von der Pflicht befreit, den Ramadhan zu halten, da er der Sache Bambas vermutlich ernsthaft geschadet hätte, wäre sein Fanatismus auch noch durch Hunger verstärkt worden. Aber immerhin lebten in der Nachfolge dieses Ibra Fall bis heute Bettelmönche, die ich in Dakar als Baye Fall kennengelernt hatte. Die meisten dieser Baye Fall waren allerdings einfach faul, kifften gern und ließen sich pittoreske Rastas
wachsen, was ihnen beim Anschnorren von Touristen klare Vorteile brachte. Mit der Tradition, nach der ein Baye Fall nichts besitzt, weil er sein ganzes Sein der Gemeinschaft opfert, hatten diese Jungs nicht viel am Hut. In Touba, meinte Assane, war das anders. Touba war die spirituelle Hauptstadt des Senegal. Die Gläubigen, die dort lebten, konnte man durchwegs als besessen beschreiben und die Marabouts, für die dort gebettelt wurde, stellten realpolitisch eine mächtige Lobby dar. Wie so oft war die Sache auch hier in den letzten Jahrzehnten gekippt und die Mächtigen der muridischen Gemeinschaft, die ursprünglich aus dem Widerstand gegen das Unrecht der Kolonialherren entstanden war, besaßen heute riesige Ländereien, auf denen Kleinbauern schufteten, und konnten für ihre Gläubigen gegen gutes Bares Wunder wie zum Beispiel Straffreiheit bei Eigentumsdelikten wirken. Das war der weniger mystische Teil. Unser Besuch hingegen galt einem der wahrhaft Gläubigen, den wir finden und rasch nach Dakar bringen mussten, weil Colette über Nacht sehr krank geworden war.
„Du verstehst schon“, schloss Assane seine Darstellung ab.
Wir rumpelten über eine rote Sandpiste, die der zahlreichen Schlaglöcher wegen zumeist nur am Bankett befahren werden konnte, und ich verstand natürlich nicht.
„Wir sollten sie ins Krankenhaus bringen, wenn es ihr so schlecht geht“, sagte ich. „Sie ist magersüchtig oder so.“
„Und sie ist nicht versichert und sie hat mächtig abergläubische Verwandte.“
Ich verstand noch immer nicht.
„Omar hat Colette verflucht. Deshalb hat die Familie beschlossen, ihren Bruder Lamine aus Touba zu holen, damit er den Fluch bekämpft.“
Assane schien das peinlich zu sein, also ging ich davon aus, dass er sich nicht über mich lustig machte.
„Was?!“
„Voodoo. Wir haben viele schöne und erhaltenswerte Traditionen im Senegal, aber das sind natürlich auch diejenigen, die zügig in Vergessenheit geraten. Der Aberglaube hingegen hält sich prächtig.“
„Und deswegen fahren wir jetzt 200 Kilometer hin und wieder zurück? Wegen Voodoo?“
Ich war sauer. Alles hier lief beschissen, ich wurde verarscht und bevormundet und als Chauffeur
durch die Gegend gehetzt und jetzt hatte ich genug.
„Man sollte Colette zu einem Arzt bringen. Dafür fahre ich gerne doppelt so weit in jede Richtung. Aber um jetzt einen Medizinmann zu holen, der sie mit Hühnerblut vollkleckert ...“
„Du verstehst das nicht und du solltest nicht respektlos von Dingen sprechen, die du nicht verstehst!“
Assane hatte eine Eigenschaft, die ich bisher nur bei Filmproduzenten beobachtet hatte. Ähnlich einer dieser Echsen, die ihre Halskrausen aufstellen, um bedrohlich zu wirken, konnten sie eine Art Aura um sich aufplustern, die sie streng und autoritär erscheinen ließ. Ich kannte den Trick, aber er verfehlte seine Wirkung trotzdem nicht.
„Entschuldige. Ich wollte nicht eure Tradition verspotten. Es kommt mir nur sehr unvernünftig vor.“
„Akzeptiert“, sagte Assane. Die Aura schwoll wieder ab. „Es ist auch sehr unvernünftig. Und es kostet viel. Aber die Familie hat so entschieden.“
„Meinst du, dass es helfen wird?“
„Kann schon sein. Im Grunde ist es wohl eher ein psychisches Problem.“
Langsam verrauchte mein Ärger und ich versuchte,
die Sache interessant zu finden: Die spindeldürre Colette verjuxt Omars Geld, bekommt dafür von Senghors Enkel saftig den Kopf gewaschen und kriegt die Krise. Und schon holpere ich durch die Savanne und hole einen Zauberer aus der heiligen Stadt. Abgesehen davon, dass das langwierig, mühsam und krachheiß war, war es auch eine gute Geschichte.
„Tut mir leid“, sagte ich. „Auch wegen heute Morgen.“
„Amul solo.“
An die Hitze in Dakar hatte ich mich inzwischen gewöhnt. Abgesehen vom frühen Nachmittag war es meist erträglich, der Wind wehte häufig vom Meer herein und gerade in der Medina gab es viele Bäume, die reichlich Schatten spendeten. Die Hitze der heiligen Stadt hingegen war etwas für Selbstgeißler.
Assane und ich hatten den Wagen im Schatten einer Mauer abgestellt, über uns hing ein verdorrter Flughund an einer der Stromleitungen.
Die ganze heilige Stadt wirkte sehr prosaisch und für einen Ort, den zu bereisen einem Muslim die Pilgerfahrt nach Mekka ersparen konnte, war es erstaunlich ruhig hier. Alle Gebäude waren nach außen hin fensterlos und wirkten wie gepanzert gegen die Prügel der Hitze. Dazwischen dehnten sich endlose, sandige, absolut schattenfreie Plätze, die zu überqueren einem Spaziergang durch das Fegefeuer gleichkam. Aus Respekt vor den Gläubigen trug ich lange Hosen und einen langärmligen Pullover, den Assane mir geliehen hatte. Mir war wirklich heiß.
„An den Feiertagen ist hier alles voller Menschen. Hunderttausende kommen her, um in der größten Moschee Schwarzafrikas zu beten und Mame Bambas Grabschrein zu besuchen.“
Die Sonne brannte auf den hellen Sand und ich konnte kaum die Augen öffnen. Mir war jeder Vorwand recht, um ins Innere eines Hauses zu kommen.
„Können wir uns das ansehen?“
„Den Grabschrein?“
„Ja.“
„Wir werden daran vorbei kommen. Er ist sehr eindrucksvoll.“
Allah war mir gnädig. Man gedachte seines großen Sohnes Mame Bamba, Gründer der muridischen Bruderschaft, Khadimu r-Rasul, Diener des Propheten und Stern des Glaubens, im Inneren eines geräumigen und sogar verhältnismäßig kühlen Hauses. Es lag am Weg zum Friedhof, wo Assane Colettes Bruder Lamine vermutete. Das Grab selbst war ein riesiger Block aus dunklem Stein und erinnerte mich entfernt an einen Teil des Raumschiffs aus „2001 – A Space Odyssey“. Vielleicht hatte ich aber auch einen Sonnenstich. Jedenfalls war es hier in bester Gesellschaft. Der Weg durch das Gebäude zum offenen Teil des Friedhofs schlängelte sich durch wahre Ratsversammlungen von Gräbern höchst lobenswerter Vertreter des schwarzen Islam, deren Gebeine man zur höheren Ehre hierher gebracht hatte. Ich konnte mir ihre Namen und Geschichten nicht merken, vielleicht ging es Japanern in der Kapuzinergruft so ähnlich.
Der Friedhof im Freien war etwas anderes. Hier lagen jene, die sich von der Nachbarschaft der berühmten Gebeine einiges für die Zeit im Jenseits versprachen und in der Nähe des heiligen Ortes bestattet hatten werden wollen. Von der Nützlichkeit einer Investition in ein Grab in Touba waren offenbar viele überzeugt, der Friedhof hingegen war ziemlich klein. Das hatte dazu geführt, dass in jedem ebenen Fleckchen Erde gleich mehrere schlichte Metallschildchen steckten, die Aufschluss darüber gaben, wer hier auf wem ruhte.
Als Wiener war ich in der Gewissheit aufgewachsen, dass es auch für mich noch ein Plätzchen am Zentralfriedhof geben würde, selbst wenn sich ab sofort jeder ein Monument in der Größe der hölzelschen Absurdität aufstellen ließe. Schließlich war „der Zentral“ für eine Metropole von vier Millionen konzipiert worden, die Wien nie geworden ist. Dieser Überfluss an Verwesungsraum und der allgemeine Totenkult in meiner Heimat hatten in mir die stille Überzeugung wachsen lassen, dass einem wenigstens im Tod ein bisschen Platz und ein Wegerl rundherum zustanden. Hier allerdings konnte man praktisch keinen Schritt setzen, ohne auf zumindest zwei Gräber gleichzeitig zu treten.
Aber das war offenbar kein Problem, denn der Tod wurde in Touba als Teil des Lebens zelebriert. Da war es auch nicht weiter schlimm, wenn man beim Besuch eines Grabes auf drei anderen saß. Die zahlreichen Familien, die hier einem ihrer Lieben die Ehre erwiesen, waren nicht direkt laut, hielten aber auch nicht diese ängstliche Stille, die ich üblicherweise mit Grabbesuchern verband. Am besten gefielen mir zwei etwa zehnjährige Nachwuchsbettelmönche, die in ihrer Tracht aus bunten Flicken zwischen den Gräbern Fangen spielten und unvermittelt eine spendenorientierte Ernsthaftigkeit an den Tag legten, als sie mich und Assane über die Gräber balancieren sahen. Tatsächlich reckten sie uns ihre Bettelschalen entgegen und Assane ließ bereitwillig einige Münzen klingeln. In Dakar hielt er sich mit dem Almosen deutlich zurück, hier wie da folgte ich seinem Beispiel.
„Ah, Lamine“, sagte Assane und wies mit einem leisen Ruck seines Kopfes in Richtung eines riesigen, hageren Mannes, der auf einer kleinen Erhebung am Friedhofsgelände reglos in der prallen Sonne stand. Er trug einen gewaltigen, dicken Boubou, der aus einer unglaublichen Menge winziger Stoffflicken bestand, um seinen Kopf hatte er ein Tuch gewunden, das steif vor Dreck wie ein kleiner Turm in die Höhe stand. Über den Rand des Tuches ragten einzelne, dicke Haarwürstel. Er wäre ein Foto wert gewesen.
„Sëriñ Lamine Fall“, sprach Assane den Riesen höflich an, der darauf folgende Begrüßungssermon entwickelte sich etwas einseitig, da Lamines einziger Beitrag dazu ein regelmäßig und barsch vorgebrachtes „H!“ war. Assane ließ sich davon nicht beirren und trug in aller Ruhe unser Anliegen vor, während ich mich verstohlen nach Schatten umsah. Auch ohne Lamines fester Jacke war ich einem Kollaps nahe. Lamine selbst schien die Hitze auch nicht bekommen zu haben. Er glotzte einfach starr über Assanes Kopf hinweg und macht gelegentlich „H!“
Assane deutete das ganz in meinem Sinne als Zusage, mit uns kommen zu wollen, steckte Lamine ein beachtlich dickes Bündel Geldscheine zu, nahm ihn an der Hand und los ging es.
Aus europäischer Sicht war Lamine verhaltensgestört. Er war absolut unzugänglich und ich war mir nicht einmal sicher, ob er uns wahrnehmen konnte. Er ging völlig apathisch neben Assane her, Arroganz und Irrsinn beherrschten abwechselnd seine Gesichtszüge. Alle paar Schritte blieb er stehen, um sein richtungsloses „H!“ hervorzustoßen. Dabei war es ganz egal, ob wir gerade neben dem Grab des heiligen Mame Bamba oder in der knallenden Sonne vor der großen Moschee standen. Er machte einfach „H!“.
Als wir ihn schließlich beim Wagen hatten, bugsierte ich ihn auf die Hinterbank, drehte die Klimaanlage auf und hoffte, er würde sich nicht verkühlen. Der Wagen rollte die ersten Meter staubiger Piste auf, als Lamine zu sprechen begann. Abrupt und mit klarer, feuriger Rednerstimme legte er los. Ich wollte anhalten, aber Assane bedeutete mir weiterzufahren. Er drehte sich zu Lamine um und ich beobachtete die Szene so gut es ging über den Rückspiegel.
Es fand keinerlei Interaktion
zwischen dem Redner und seinem Publikum statt, scheinbar hatte Lamine jetzt eben einen Sprechanfall. Assane ließ ihn nicht aus den Augen und Lamine kam immer mehr in Fahrt. Er schrie und gestikulierte, schroffe Wortsalven knatterten mir um die Ohren, die Hand des Predigers schlug nachdrücklich gegen das Wagenfenster. Dann war Ruhe. Lamine saß mit weit aufgerissenen Augen und wütendem Blick hinter uns, er hatte sich in einen grimmigen Götzen verwandelt und rührte sich absolut nicht. Keine einfache Übung, wenn man den Zustand der Straße berücksichtigte. Wir schlingerten durch tiefen Sand und harte Schlaglöcher und wurden gründlich durchgeschüttelt. Nur Lamine saß stocksteif und kerzengerade auf der Hinterbank. Er musste sich auf krampffördernde Art mit den Beinen verspreizt haben. Nach einer Weile fragte ich Assane, was Lamine gesagt hatte und Assane meinte: „Nichts. Er spricht nicht Wolof. Keiner weiß, was er redet, er hat eine eigene Sprache erfunden.“
Arme Colette.
Als wir Dakar knapp vor Einbruch der Dunkelheit erreichten, setzte ich Lamine und Assane in der Nähe von Colettes Haus ab. Als überzeugter Ungläubiger hätte ich alles Weitere wohl nur gestört. Mit einem Anflug von Kopfschmerzen pflügte ich zurück zur Corniche, von da aus den Weg zu meinem Zimmer zu finden, war leicht.
Auf der Terrasse traf ich Mamadou, der einfach da saß und auf nichts Bestimmtes zu warten schien.
„Ah Mamadou“, sagte ich, „Na nga def?“
„Maa ngi fi rekk, na nga def?“
„Maa ngi fi. Danke schön.“
Mamadou lächelte. „Du bist ein Peulh blanc. Fast schon ein echter Senegalese.“
Ich lachte und erzählte ihm die ganze Touba- Geschichte. Vom Grab Mame Bambas, von Lamine und von Colette, die kraft seiner Zauberkünste gerettet werden sollte. Mamadou tat sehr beeindruckt, weil ich bereits in Touba gewesen war, der Voodoo-Aspekt schien aber auch ihm ein bisschen peinlich zu sein. Trotzdem fragte ich ihn nach der ungewöhnlichen Dreifaltigkeit von Islam, Voodoo und Wunderheilern in seinem Land.
„Der schwarze Islam ist ein sehr spezieller Islam“, meinte Mamadou bedrückt. "Der arabische Islam
sieht den schwarzen Islam nicht gerne, deshalb machen wir den Hadsch auch nach Touba.“
Ich hatte das schon öfter erlebt. Wenn man hier nach etwas fragte, das den Leuten unangenehm war, erhielt man als Antwort eine Information, nach der man nicht gefragt hatte. Trotzdem wollte ich gerne wissen, wie Assane oder auch Mamadou, die die Werte ihrer Religion ernst zu nehmen schienen, über Hexerei dachten.
„Das, was du Voodoo nennst, ist nicht Teil des Islam“, antwortete Mamadou seufzend. „Wir praktizieren die Religion sehr tolerant. Islam ist die größte Religion, aber fünf Prozent sind Christen. Es gibt viele Mischfamilien, wie Assanes Familie zum Beispiel, und Senghor selbst war auch Christ. Es gibt nie Probleme“
Schon wieder. „Aber das Voodoo kommt ja wohl nicht von den Christen ...“
„Nein.“ Mamadou klang noch trauriger als sonst. „Nach den Prozenten gibt es kaum mehr Animisten im Senegal. Aber jeder Senegalese ist ein bisschen Animist. Wenn man das zusammenzählt, sind die Animisten die zweitgrößte Religion im Land.“
„Findest du das schlimm?“
„Nein, der Animismus ist nicht schlimm. Aber er ist
zum reinen Aberglauben geworden. Und der kann sehr stark sein. Er macht die Menschen verrückt und einsam.“
Offenbar hatte ich ein Thema angesprochen, das Mamadou sehr zu schaffen machte.
„Weißt du, ich kenne mich nicht aus mit Glaubens- fragen, aber es wundert mich, dass Assane diesen Muriden Bewunderung entgegenbringt, wenn sie den Menschen mit ihren Praktiken schaden.“
„Assane wünscht sich einen starken Islam. Einen toleranten Islam, der den Menschen wieder eine Identität gibt. Er bewundert die Muriden nicht. Nicht wie sie heute sind. Heute sind sie eine Sekte.“
Die Sache wurde langsam kompliziert. „Die meisten Menschen sind nicht wie Assane“, fuhr Mamadou fort. „Sie denken nicht über den Glauben nach, sie denken nicht über ihre Identität nach. Sie wissen nur noch wenig über die Tradition, aus der sie kommen. Sie wollen Europäer sein oder sie benutzen unsere Kultur als Folklore, als Trallala für die Touristen. Aber wenn das Unglück sie trifft, dann sind sie auch keine Europäer mehr. Dann rennen sie zum Marabout und geben ihm Geld – ‚Bete für mich, bete für mich!’ Aber sie denken nicht nach. Das ist das Schlechteste am Voodoo.“
Mamadou saß auf der Terrasse und sah aus wie ein Teil einer malerischen Motivtapete aus den 70er Jahren. Sein freundliches, schwarzes Gesicht vor der kräftig grünen Wand umrahmt von exotischen Pflanzen – „So ist das Leben in Afrika“, hätte man sagen können. Aber so war es nicht. Mamadou schien sich zwischen seinen Leuten fast genauso fremd zu fühlen wie ich. Und um dieses Gefühl zu vergessen, begann er zu erzählen. Er erzählte mir mit zunehmender Begeisterung von Mame Bamba, den Magals, den großen Versammlungen in Touba, wo es mehr Leute gab wie Assane, die versuchten, dem Glauben seine Lebendigkeit zurückzugeben, und davon, wie harmonisch die Religionen im Senegal nebeneinander bestanden.
Ich hatte ihn mit meinen Fragen in eine Krise gequatscht und er quatschte sich wieder heraus. In Österreich hätten wir vielleicht die Play Station angestöpselt und eine Pizza bestellt, um uns zu vergewissern, dass die elementaren Dinge im Lot waren. Hier brachte Mamadou seine Welt mit einem bewusst kantenfreien Monolog über den Wert gemeinsamer Werte in Ordnung. Ihm schien das schiere Sprechen zu helfen und mir war mit einer wertvollen Information gedient:
Yadikon war Christin und zurzeit mit Maymouna und der kleinen Frau in der Kirche, wo sie mit dem Chor für das morgige Weih- nachtsfest probten. Der Gedanke an Weihnachten war einfach lächerlich mitten in Dakar, aber zu wissen, wo Maymouna war, bedeutet mir etwas, und ich überlegte, wie ich es anstellen konnte, auch den heutigen Abend in ihrer Gesellschaft zu verbringen. Also bot ich Assane, als er vom Exorzismus heimkam, an, die Familie und natürlich Mamadou zu einem Abendessen einzuladen. Assane sah müde aus, aber die Geste freute ihn. Wir berieten, was passend wäre und er schlug das La Soumbe in der Nähe von Soumbedioune vor. Dort gab es Live-Musik, eine Tanzfläche und das Essen kam aus einer typisch senegalesischen Dibiterie. Für mich klang das ausgezeichnet.
„Ok“, meinte Assane. „Ñu ngi dem!“
„Wohin?“
„Die drei aus der Kirche holen natürlich!“
„Langsam, langsam, ich dachte wir warten einfach, bis sie zurück sind, gehen dann gemütlich dort rüber, essen in aller Ruhe ...“ Ein kleines, ungezwungenes Beisammensein eben.
„Ah“, machte Assane, „so eine Einladung ist eine große Sache im Senegal. Los jetzt.“
Wir nahmen ein Taxi und fuhren zu einer Kirche in einem Stadtteil von Dakar, den ich noch nie gesehen hatte.
Assane hoffte, Yadikon im Hauptgebäude zu finden, einer großen Halle, die von Neonlichtern ausgeleuchtet wurde wie ein Operationssaal. Die Ausstattung erinnerte an amerikanische Televangelisten-Shows, es war heiß, die Reihen locker besetzt, Yadikon und Maymouna waren nirgends zu sehen. Assane trat höflich an eine ältere Dame heran, um nach ihnen zu fragen. Die Frau war in ein knallrotes Kleid mit einer leuchtend grünen Schärpe gehüllt, am Kopf trug sie einen ausladenden Aufbau aus bunten, gewickelten Stoffbahnen. Damit war sie bei Weitem nicht die schrillste Erscheinung hier. Abgesehen von der Tracht allerdings ähneln moderne Christen einander überall. Sie sehen alle aus wie Leute, die es wirklich, wirklich gut meinen. Und auch Assanes Informantin meinte es wirklich gut. Wie selbstver- ständlich kannte und begrüßte sie ihn und beantwortete ausführlich und in zunehmender Lautstärke seine Frage. Die Umsitzenden ließen sich gerne aus ihrer Andacht reißen und nahmen regen Anteil an der Lösung unseres Problems.
In allen vierzig Sitzreihen stießen einander die Gläubigen an, drehten sich nach uns um, tuschelten, kicherten und deuteten auf mich. Aus der schwächlichen Anlage säuselten französische Weihnachtslieder.
„Sie sind bei der Chorprobe“, sagte Assane, als wir die Kirche endlich wieder verlassen hatten.
„Na ja, da kann man dann wohl nichts machen. Vielleicht gehen wir ein anderes Mal.“
„Aber nein, das macht gar nichts! Es ist hier ganz in der Nähe, sie werden sich riesig freuen.“
Wir stolperten über den stockdunklen Kirchenhof, in einer Ecke sah ich eine Gruppe Jugendlicher im schwachen Schein ihrer Zigaretten zusammenstehen, in der Ferne absolvierten wackelige Stimmen mäandernd Übungstonleitern. Meine Mission wuchs mir allmählich über den Kopf.
Schließlich hielt Assane vor einem etwas windschiefen Holzschuppen an, der genauso aussah wie all die kleinen Dorfschulen im Fernsehen, die gezeigt wurden, um das karitative Wirken irgendeiner wohltätigen Organisation zu illustrieren, die im Dschungel von Sonst-wo ein Bildungsprojekt finanziert hatte. Drinnen saßen allerdings keine kleinen Kinder mit großen Augen, sondern lauter hübsche Mädchen, die augenblicklich zu kichern begannen, als ich eintrat. In der ersten Reihe schlug Maymouna die Augen nieder, etwas weiter hinten erkannte ich im Kreise einiger älterer Frauen Yadikon; offenbar waren doch nicht nur hübsche junge Mädchen hier. Yadikon winkte mir zu, ich winkte hölzern zurück. Neben ihr saß die kleine Frau, einige Plätze weiter gab es eine eigene Bank für die wenigen Burschen, die dem Chor angehörten. Ganz vorne an einer kleinen Orgel saß der Chorleiter. Er war kugelrund, trug riesige
Brillen und sprach sehr freundlich mit Assane.
„Julien lädt uns ein, ein bisschen zuzuhören, bevor wir gehen“, übersetzte Assane für mich. Ich hatte keine Wahl.
„Ok, gerne.“
Ich bekam einen Platz auf der Männerbank zugewiesen, wo ich neben einem Jungen sitzen musste, der so fromm aussah, dass er es vielleicht bis zum Bischof von Dakar bringen konnte. Einige Reihen vor mir sah ich Maymounas Hinterkopf. Sie war vollauf damit beschäftigt, keine Erklärungen an ihre erwartungsvollen Nachbarinnen abzugeben. Es war ein absurdes Theaterstück bei großer Hitze und Yadikon brachte mich ins Spiel: Lächelnd neigte sie sich vor und ließ mir ein Notenblatt reichen. Julien war ganz angetan und sah mich als willkommene Verstärkung in den tieferen Lagen. Er forderte die Männerbank auf, sich zu erheben und zur Erbauung der jungen Frauen zu singen. Neben mir schrie der hoffnungsvolle Bischof „À l'ombre du matin de la Vierge Marie ...“ als gäbe es keine Harmonien und der Rest von uns ließ ihn machen. Leider kränkten wir damit den kugeligen Chorleiter Julien und er ließ uns einzeln unser Können unter Beweis stellen.
Ich stand in einem afrikanischen Klassenzimmer, unter dessen Wellblechdach sich Spinnweben in der Abendluft bogen, und sang im Kreis eines kollektiven Lächelns voll christlicher Nächstenliebe Maymounas Hinterkopf an. Der besorgte Rest meines vernünftigen Bewusstseins veranlasste die Ausschüttung körpereigenen Valiums, das mich durch den Rest dieser Chorprobe tauchen ließ wie in Trance. Yadikon lachte viel, Assane musste auch singen, einmal drehte sich Maymouna nach mir um und ohne zu wissen, wer damit angefangen hatte, lächelten wir einander an.
So richtig zu mir kam ich erst wieder, als wir die Kirche längst verlassen hatten und in einem der öffentlichen Schrottbusse saßen, wo sich aus purem Platzmangel Maymounas Schenkel gegen meinen drückte. Hätte sich nicht auf der anderen Seite Yadikons spitzer Ellbogen in meine Niere gebohrt, ich wäre glatt bis Touba gefahren oder noch weiter.
Zu Hause gab es eine kleine Szene, weil Yadikon der kleinen Frau nicht erlauben wollte mitzukommen. Ansonsten hatte mein Vorschlag, gemeinsam Essen zu gehen, gerade bei Yadikon große Begeisterung ausgelöst. Sie hatte sich augenblicklich bei mir eingehängt wie eine Debütantin beim Elmayer- Kränzchen, „Sehr galant, mein Herr“ gesagt und sich halb schiefgelacht. Offenbar galt Essen gehen á la européenne in der wohlhabenderen, aber traditionsbewussten Schicht, der Assanes Familie angehörte, als schnöselig. Mit einem Toubab als Entschuldigung konnte man sich den Spaß jedoch gerne erlauben.
Als unsere verbliebenen Begleiterinnen verschwunden waren, um sich ausgehfertig zu machen, blieb ich mit Assane im Hof zurück und fühlte mich ertappt. Kein Mensch tut sich so etwas wie diese Chorgesangsnummer an, es sei denn, die Liebe hatte ihn verrückt gemacht.
Rund um uns legten sich die Zikaden mächtig ins Zeug, die Nacht war warm und ihre Gerüche hatten mich schon einmal im Haar einer fremden Frau Zuflucht suchen lassen. Ich vermied Assanes Blicke, unsere Sicht auf die augenblickliche Lage war vermutlich noch unharmonischer, als unser Gesang
es gewesen war: Assane war Susannes Vertrauter, er hatte vor mir gewusst, dass sie mich verlassen wollte, kannte mich aus ihren Erzählungen wahrscheinlich als rüpelhaften Schürzenjäger und sah mich jetzt meine hässlichen Klauen wetzen, um eine Schutzbefohlene seiner Großmutter zu reißen. Ich hingegen fühlte mich auf wunderbare Weise schutzlos. Ich war meiner Welt entglitten, allein in der Fremde; ohne Ahnung, ohne Verständnis, blind und unfähig, Bedrohung und Alltag zu unterscheiden. Aber Maymouna hatte mich in einen Schoß gebettet, in dem ich willkommen war; mit einer Geste von intimer Freundlichkeit, die in der westlichen Welt unbekannt war, zu der dort niemand imstande gewesen wäre. Es war nicht das gierige Verlangen, das mich ihre Nähe suchen ließ. Ich war neugierig wie der erste junge Mann, der sich je einer jungen Frau genähert hat. So sah ich das. Dummerweise ließ die absurde Farce, zu der sich meine Einladung entwickelt hatte, meine Absichten linkisch und dreist erscheinen. Ich bewegte mich sehr ungelenk in dieser Welt, in deren Mitte ich hier gestolpert war.
Assane stand schweigend neben mir, aus dem Haus drangen die Geräusche fröhlicher Betriebsamkeit. Was immer ich da in Gang gebracht hatte, es war keine Kleinigkeit. Schließlich erlöste mich Mamadou, der begleitet vom Quietschen der Tür auf den Hof schlich. Es drang nur wenig Licht von der Hauslaterne über der Terrasse zu uns herüber, aber ohne Zweifel hatte er sich fein gemacht: Seine Schuhe schimmerten und er trug einen leichten, eleganten Anzug.
„Wow, Mamadou! Très schick!“
„Danke, Chi. Man muss nett aussehen, wenn man ausgeht.“
„Sollen wir auch den Smoking anlegen?“, fragte ich Assane.
„Wie es dir passend erscheint.“
Das war mir eine große Hilfe. Assane wirkte nicht sauer – damit hätte ich umgehen können –, er zeigte lediglich keine deutbare Gemütsregung. Das verunsicherte mich weit mehr, als eine scharfe Zurechtweisung oder ein Wutausbruch. Ich entzog mich der drückenden Stimmung im Hof und ging mich umziehen. Leider hatte ich nichts in meinem Gepäck, das mit der luftigen Lässigkeit hätte mithalten können, die den kleinen Mamadou
schmückte. Also entschied ich mich für schwarze lange Hosen und eine enge schwarze Zippjacke. Eine Kombination, die wenigstens im Dunklen halbwegs feierlich aussah. Assane blieb, wie er war. Ein Bruder in Italien versorgte ihn mit westlichen Outfits, die ihm stets einen gepflegten, urbanen Look gaben.
Als ich auf den Hof zurückkehrte, beschämte mich Mamadou, indem er meine Komplimente vielfach zurückgab und die Ärmlichkeit meines Aufzugs damit noch unterstrich. Als Weißer in Touristenkluft konnte man in der Gesellschaft aufgedonnerter Senegalesen generell nur abstinken – Kleidung spielte hier unübersehbar eine wichtige Rolle. Für eine Stadt im Sahel war Dakar bestimmt nicht arm und auch wenn es in den Straßen viel Elend gab, viel prägender für das Bild der Stadt war die enorme Anzahl prachtvoll gekleideter Menschen. Das Erstaunlichste war dabei die makellose Sauberkeit all dieser Gewänder. Ob westlich oder traditionell, jedes Kleidungsstück schien resistent zu sein gegen die allgegenwärtige Flut von Schmutz und Sand und selbst bodenlange Wickelkleider waren bis zum Saum von fleckenloser Pracht. Ich hingegen brauchte nur einmal um den Block zu gehen und sah aus wie ein verwahrloster Herumtreiber.
Mir blieb allerdings nicht viel Zeit, meinen müßigen Betrachtungen über die unterschiedlichen Begabungen, schmutzig zu werden, nachzuhängen, denn die mittlere Tür der Terrasse schwang auf und Maymouna trat Seite an Seite mit Yadikon ins Licht der Hauslaterne.
Yadikon war ein Schauspiel. Sie trug einen Boubou aus dunkelblauem Stoff mit fließenden, grün schillernden Ornamenten, deren Ränder hellblau abgesetzt waren. Um ihre Schultern lag ein hüftlanges, durchscheinendes Tuch aus blauem, weichem Tüll, ihren Kopf zierte ein gewundener Turban, dessen kunstvoller Knoten sie 20 Zentimeter größer machte. In Europas Modesalons wäre man auf der Suche nach derartigen Textilien vermutlich an den Fachhandel für Dekorstoffe verwiesen worden, aber hier in Dakar ergaben sie eine königliche Robe. Yadikons Boubou bestand aus vielen Lagen Stoff und diese übertriebene Fülle verlieh der dürren alten Frau Volumen und Vitalität und unterstrich ihre große Würde.
Daneben stand Maymouna. Sie trug blaue Jeans und ein weißes Leibchen, ihr Haar hatte sie zurückgebunden. Sie hätte nicht schöner sein können.