Christoph Benda
Senghor on the Rocks

3. Teil
L'Homme Tranquille

Programmierung: Flo Ledermann
Gestaltung: Johannes Krtek

Ein Zufall hat mir diese Geschichte geschenkt, ich schenke sie hiermit weiter. Auch wenn man ihre Wege auf der Karte nachvollziehen kann, sind alle Figuren dieses Romans frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind, wenn schon nicht unerwünscht, dann doch zufällig. Mein Dank gilt Alou Kane und seiner Familie.
Zeit 2001-12-28T09:00:23.031+01:00
Ort 14.439512° N, -17.010934° O, Level 17

Saly Hotel

Über mir brummte ein Ventilator. Weiches Morgenlicht sickerte durch schwere, bodenlange Vorhänge, die Luft roch frisch und kühl. Ich drehte mich zur Seite. Das gestärkte Laken rieb ein Gefühl von Strenge und Ordnung in meine Haut, das mir gefehlt hatte. Ich hatte einen Teil meiner Welt zurückerobert. Zu erwachen bedeutete hier mehr, als bloß am Beginn eines weiteren Tages voller Ungewissheiten zu stehen. Zu erwachen hieß hier, im Einklang mit sich selbst in eine Welt zu starten, deren Zweck es war, mir angenehm zu sein. Die mein Bett jeden Abend wieder in einen Zustand gebracht haben würde, der ein weiteres Erwachen im Einklang mit mir selbst ermöglichte, gebettet auf höflich wispernde Laken. Alles was ich zu tun hatte, war genießen.
Ich stemmte meine Füße aus dem Bett, die terrakottafarbigen Kacheln waren kalt, aber meine rissigen Ballen spürten sofort: kein Sand. Nichts knirschte, nichts rieb, nichts fand seinen Weg zwischen die Zehen, wo die Haut am dünnsten ist. Der Boden war kahl und glatt und passte farblich hervorragend zu der lichtgelben Wand. Meine Tasche stand vor einem gemauerten Wandschrank, ein dezenter rotbrauner Vorhang mit afrikanischen

Zeit 2001-12-28T09:00:23.031+01:00
Ort 14.439512° N, -17.010934° O, Level 17



Ornamenten in Beige nahm mir die Sicht auf das Chaos meiner schmutzigen Wäsche, die ich gestern Nacht achtlos in eines der Kastenfächer gestopft hatte. Im Bad waren die Fliesen sauber verlegt, kein Schimmel, kein blätternder Putz; hier Kacheln – das war der Boden, da Fliesen mit Musterzeile – das war die Wand. Das Wasser schoss aus dem Brausekopf, als wäre das seine einzige Bestimmung, die Temperatur war auf das Grad genau wählbar. Ich war im Saly Hotel und genoss es.

Zeit 2001-12-28T09:05:00.937+01:00
Ort 14.439512° N, -17.010934° O, Level 17

Landeleitsystem

Assane hatte mir die Adresse eines Freundes gegeben, bei dem ich hätte übernachten können, aber als ich in Saly Portudal angekommen war – St. Tropez des Senegal und touristisches Zentrum der petite côte, wie überall zu lesen stand –, war es bereits stockfinstere Nacht gewesen und das Saly Hotel mit seiner Beleuchtung hatte mich angezogen wie ein automatisches Landeleitsystem: „Hier sind Sie willkommen! Gastfreundschaft, Unterhaltung und westliche Standards.“
Oh ja, genau das wollte ich.

Zeit 2001-12-28T09:15:04.640+01:00
Ort 14.439465° N, -17.010849° O, Level 18
Pfeil 315° 14.439304° N, -17.010505° O,

Poliert

Frisch geduscht, frottiert mit zwei der sauberen, duftenden Badetücher mit Hotelemblem und auf Hochglanz poliert mit rasch einziehender Sonnenmilch schritt ich zum petit déjeuner. Ein Glas Orangensaft extra kostete genau so viel wie in der Karte stand, die englische Zeitung ebenfalls, keine Überraschungen, kein Verhandeln, es war teuer, aber sofort da. Und keine Diskussionen. Im Swimmingpool war eine Gruppe belgischer Mädchen und Frauen bei der Wassergymnastik, etwas weiter hinten, halb verdeckt von sauber eingetopften Palmen und reizend dekorierten Sonnenschirmen, schimmerte türkisgrün der Ozean. Überall am Weg freundliche Stimmen – „Bonjour, Monsieur“, „Everything ok, Monsieur?“ –, kein knatterndes Wolof, kein heiseres Brüllen und Feilschen, aus versteckten Lautsprechern rieselte schwüle Fahrstuhlmusik.

Zeit 2001-12-28T09:20:17.875+01:00
Ort 14.439465° N, -17.010849° O, Level 18
Pfeil 315° 14.439304° N, -17.010505° O,

Maurice

„Herzlich willkommen, Monsieur. Ist alles zu Ihrer Zufriedenheit?“
„Ja, danke, alles gut.“
„Sprechen Sie englisch, Monsieur?“
„Ja, besser.“
„Deutsch?“
„Ja, ich spreche deutsch.“
„Ah, willkommen, mein Herr!“
„Dankeschön.“
„Ich bin Maurice, darf ich Ihn zeigen das Unterhaltsmöglichkeit im Saly?“
„Gerne.“
Maurice war ein sportiver Schwarzer in einer hübschen Uniform und überreichte mir eine Art Preisliste.
„Sie kann lesen ruhig. Wenn sie mochten, Sie geben ab die gefüllte Form bei Reception mit Kreuz bei Ihr Wunsch.“
„Gut, danke. Ich überlege es mir.“
„Merci, Monsieur. Ein schon Tag!“
„Danke, ebenfalls.“
Maurice zog weiter seine Kreis auf der Frühstücks- terrasse, während ich mir die „Unterhaltsmöglichkeit“ ansah, die Saly mir bot.

Zeit 2001-12-28T09:20:17.875+01:00
Ort 14.439465° N, -17.010849° O, Level 18
Pfeil 315° 14.439304° N, -17.010505° O,



Ich war ehrlich überrascht. Das Geringste auf der Liste war eine Katamaranfahrt mit dem Team von Capitaine Jean, gefolgt von Quad-Ausflügen, umfangreichen Golfangeboten bis hin zu Helikopterflügen und Fallschirmsprungkursen. Um in den Genuss einer Hochseefischfahrt zu kommen, musste man sich eigens an die Rezeption wenden. Zweifellos hätte mein Frühstück interessant auf einen Tandemsprung mit Captain Jack 2000 Meter über dem aerodrom parachutisme von Saly reagiert, aber ich beschloss, die Sache ruhig anzugehen und mich gemächlich mit meiner Umgebung vertraut zu machen. Vielleicht kam ich ja doch noch zu einigen geruhsamen Urlaubstagen.

Zeit 2001-12-28T09:30:36.015+01:00
Ort 14.439465° N, -17.010849° O, Level 18
Pfeil 45° 14.438992° N, -17.011385° O,

Beglückend künstlich

Saly schien dafür jedenfalls bestens geeignet. Die großzügige Anlage meines Saly Hotel war über schattige, palmengesäumte Wege mit den Freizeiteinrichtungen anderer Hotels verbunden, ein kleiner Spaziergang führte mich durch eine Art touristisches Dorf, das zurückhaltend in das gepflegte Grün einer alles verbindenden Parkanlage gebettet war. Nach meinen Begegnungen mit dem stachligen, rauen und ungeordneten Sahel war dieses Ferienparadies von fast aufdringlicher Lieblichkeit, die gediegenen Arrangements aus geschlungenen Kieswegen, saftigen Hecken und Beeten, Palmenhainen und bezaubernden folkloristischen Bungalowhütten schmiegten sich an mein vages Bedürfnis nach harmonischer Hula- Hula-Exotik, das offenbar in jedem europäischen Touristen schlummert. Mit einer gewissen Erleichterung nahm ich zur Kenntnis, dass der Großteil der anderen Feriengäste ebenfalls schlummerte und fand das hiesige Village Artisanal fast leer vor. Es war adrett um einen Platz angelegt, der das infrastrukturelle Zentrum des Hotelver- bundes von Saly bildete. Es gab ein Internetcafé, kleine Bars und eine Menge sehr hübscher Geschäfte, die mit Strohdächern gedeckt waren.

Zeit 2001-12-28T09:30:36.015+01:00
Ort 14.439465° N, -17.010849° O, Level 18
Pfeil 45° 14.438992° N, -17.011385° O,



Vor den meisten der kleinen Verkaufslokale waren Grünpflanzen arrangiert, die Ware – meist Stoffe, Kleider, Skulpturen oder Spielzeuginstrumente – waren vor und in den Geschäften drapiert, freundlich lächelnde Verkäufer übten keinerlei Druck auf die Passanten aus, kein „Come, see me shop“, kein „Kaufen Sie sehr antike Masken – nur 40.000 CFA!“, kein Drängen, kein Stoßen, kein Zerren und Schimpfen. Das hier war beglückend künstlich. Es war etwa so wie ein Film über den tropischen Amazonas, in dem man die Myriaden von Mücken nicht ahnte, nicht spürte, wie man mit jedem Atemzug die zähe, feuchte, ungesunde Hitze inhalierte und niemals zu Gesicht bekam, was alles faulig im Schlamm der Ufer des majestätischen Stroms dümpelte. Ich machte mich auf den Weg zum Strand.

Zeit 2001-12-28T09:45:43.906+01:00
Ort 14.439465° N, -17.010849° O, Level 18
Pfeil 315° 14.438815° N, -17.011176° O,

Fette Kinder

Ein Fußweg aus Steinplatten, gesäumt von üppigen Beeten und in Naturstein gefasst, führte an einem der Pools vorbei hinunter zum Meer. Eine kleine gemauerte Schwelle trennte das Hotelrestaurant vom Hotelstrand und bildete ein Bollwerk gegen das stete Rieseln und Wehen des Sandes. Aber selbst der Sand war weicher und gepflegter als sonst wo im Senegal. Fast so, als hätte man ihn fürsorglich gesiebt. Keine Fischinnereien, keine aufgedunsenen Ziegenkadaver, nur anmutige Franzosen und Belgier, die Beachvolleyball spielten, ihre massigen Leiber in Neoprenanzüge zwängten oder einfach in der morgendlichen Sonne brieten. Ich wählte eine etwas abseits gelegene Strandliege unter einem folkloristisch anmutenden Sonnendach aus Bast. Als kleiner Bub hatte ich mir die Röckchen der Negerkinder in Afrika so vorgestellt, für die wir in der Kirche spendeten und derentwegen wir auch vom Spinat nichts überlassen durften. Dieses Röckchen war eben für ein fantastisch fettes Kind gemacht worden und diente jetzt als Sonnenschirm.

Zeit 2001-12-28T10:00:48.734+01:00
Ort 14.439465° N, -17.010849° O, Level 18
Pfeil 315° 14.438815° N, -17.011176° O,

Küsserkönig

Und unter diesem Sonnenschirm lag ich. Allein, ausgestoßen, der Küsserkönig unter den Sextouristen. Gestern im Auto hatte ich überlegt, ob ich eventuell hereingelegt worden war; einem abgekarteten Spiel aufgesessen: Maymouna bezirzt mich, Assane inszeniert einen Überfall entrüsteter Verwandter und schon ist der freiersfüßige Toubab 300.000 CFA los. Vielleicht war es aber auch so, dass ich tatsächlich den Ruf einer hilfsbereiten und lebensfrohen alten Frau ruiniert hatte, die nichts wollte, als armen Mädchen vom Land eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Oder es war einfach so, dass sich ein paar bigotte Tanten mit einem taktisch brillanten Manöver an einem Zufall bereichert hatten. Je länger ich durch die dunkle Savanne gefahren war, desto weniger wusste ich, was in diesen Tagen wirklich gelaufen war. Nach etwa zwei Stunden Fahrt war mir dann klar geworden, dass ich mich verfahren haben musste, und meine gesamte Aufmerksamkeit hatte sich dankbar auf die Aufgabe gestürzt, den Ort Saly Portudal zu finden.
Und da war ich jetzt. Ein Urlauber, der sein letztes Geld ausgab, um im Schatten eines Baströckchens das Leben in Afrika zu genießen.

Zeit 2001-12-28T10:00:48.734+01:00
Ort 14.439465° N, -17.010849° O, Level 18
Pfeil 315° 14.438815° N, -17.011176° O,



Unterm Strich sah es so aus, dass ich einen sehr beglückenden Kuss erhalten und meine Silberlinge bezahlt hatte. Die Geschichte war aus. Egal ob mir oder Assane oder Maymouna das gefiel. Das afrikanische Tantensystem war keine sehr sensible Sache, aber es war effektiv: Maymouna gerettet, Toubab vergrault, Kohle eingesackt.
Das Meer plätscherte kinderfreundlich an den säuberlich geharkten Strand.

Zeit 2001-12-28T10:10:04.890+01:00
Ort 14.439465° N, -17.010849° O, Level 18
Pfeil 315° 14.438815° N, -17.011176° O,

Touristisches Kapital

„Is deze stoel nog vrji?“
Ich sah nachdenklich auf und nahm mit Schrecken zur Kenntnis, dass eine vierköpfige Familie neben meiner Strandliege Aufstellung genommen hatte. Die Vier sahen aus wie blanchierte Tomaten mit Stroh oben drauf. Es waren Holländer.
„Ja, sicher“, sagte ich und die Muttertomate fragte mich in bestem Rudi-Carell-Deutsch, ob ich eventuell eine Liege weiterrücken könnte, dann wären nämlich vier nebeneinander frei und da sie eben vier waren ... Ich sah mir die nächste Liege an und fand, dass die um nichts schlechter war als meine derzeitige. Also willigte ich ein. Die ganze Familie war mir richtig dankbar und schon fand ich mich in ein Gespräch verwickelt wieder. Zum dritten Mal war man schon hier und – also wirklich – so zufrieden konnte man kaum wo sein. Einzig Deutsche gab es sonst eher wenige hier.
„Das ist bestimmt kein Nachteil. Ich bin Österreicher.“
Ha, da wurde gelacht.
„Ja, ja“, meinte Vatertomate, „unter Nachbarn piesackt man sich doch am besten."
Der Sohn der Familie wurde einem Surflehrer anvertraut und stellte sich so ungeschickt an, wie

Zeit 2001-12-28T10:10:04.890+01:00
Ort 14.439465° N, -17.010849° O, Level 18
Pfeil 315° 14.438815° N, -17.011176° O,



sonst nur Holländerinnen beim Skifahren, die ihrem Skilehrer schon auf der Piste zeigen wollten, wie gut sie das mit dem Hinlegen draufhatten.
„Sind Sie schon länger hier?“
Der Körperbau der Muttertomate hatte etwas protestantisch Funktionales und ich war froh, dass sie sich des starken Sonnenbrandes wegen ein T-Shirt anzog. Als sie zu diesem Zweck ihren Sonnenhut abnahm, sah ich, dass sie sich Rastazöpfchen hatte flechten lassen.
„Nein. Ich bin gestern angekommen.“
„Ah, willkommen.“
Ihrem Mann war die Zöpfchengeschichte scheinbar auch ein wenig peinlich. Ich konnte mir vorstellen, wie sie ihn gefragt hatte, ob ihr der Afrika-Look stehe, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass es darauf eine Antwort hätte geben sollen, die nicht „Du siehst vollkommen bescheuert aus“ lautete. Aber alles ist auch ein Arrangement.
„Danke.“
„Also wirklich, ich sage Ihnen, Senegal wird international unterschätzt. Das ist ein sehr fortschrittliches Land. Industrie, sehr offen, stabil und ehrlich gesagt, diese petite côte hier, das ist ein touristisches Kapital. In wenigen Jahren wird man

Zeit 2001-12-28T10:10:04.890+01:00
Ort 14.439465° N, -17.010849° O, Level 18
Pfeil 315° 14.438815° N, -17.011176° O,



hier keine Zimmer mehr bekommen.“
„Vielleicht gibt's dann ja Buchungsvorteile für Stammkunden. Kundenbindungsprogramm und so.“
Der gezirkelt runde Bauch des Holländers wackelte. „Na ja, soweit sind sie auch noch nicht“, lachte er.
„Aber immerhin, sie sind bei der WM.“
Die Holländernase wurde ziemlich lang und ich setzte versöhnlich hinzu: „Na ja, wir sind ja auch nicht dabei ...“
Fußball ist als Thema zum Piesacken großartig geeignet und was wie ein Wort des Trostes klang, war eine prächtige Insultation des traditionsreichen holländischen Fußballs. Folgerichtig bekam ich es wieder mit der Frau zu tun.
„Ist das ihr erster Aufenthalt in Afrika?“
„Ja.“
„Wirklich? Da würde mich schon interessieren, wie man das in Österreich einschätzt. Wie wir das erste Mal hier hergekommen sind, haben die Leute schon gesagt: ‚Ist das nicht riskant?’ Auch wegen der Kinder, ja. Aber wir haben Freunde in Frankreich und die haben uns das so empfohlen hier. Und ehrlich gesagt, es ist ja schon großartig. Und sehr gut organisiert.“
„Was?“

Zeit 2001-12-28T10:10:04.890+01:00
Ort 14.439465° N, -17.010849° O, Level 18
Pfeil 315° 14.438815° N, -17.011176° O,



„Ja, das Leben hier! Man kann überall hingehen, es gibt Banken, den Tierpark, sogar einen Supermarkt – und alles ist so übersichtlich.“
„Das ist gut, ich suche hier nämlich jemanden“, sagte ich und kramte den Zettel aus der Tasche, auf den Assane mir die Adresse seines Freundes geschrieben hatte. Die Augen der Holländer waren ein bisschen schmal geworden. „Kennen Sie das: Papiz Koné c/o Chez L'Homme Tranquille, Safari Village/ Saly?“
Die Tochter sah mich neugierig an.
„Safari Village“, meinte der Holländer, „Ja, das habe ich mal auf der Karte gesehen – habe es mit dem Tierpark verwechselt, hehe. Das liegt aber außerhalb des eigentlichen Saly.“
„Ist es weit?“
„Nein, nein, das nicht.“
„Ist es im Dorf?“, fragte die Tochtertomate dazwischen.
„Ja, ich glaube ...“
„Gibt es da ein Problem?“
„Nein, wenn Sie da jemanden kennen, bestimmt nicht! Aber im Allgemeinen empfiehlt die Hotelleitung, das Village Indigène eher zu meiden.“
„Das Village Indigène?“

Zeit 2001-12-28T10:10:04.890+01:00
Ort 14.439465° N, -17.010849° O, Level 18
Pfeil 315° 14.438815° N, -17.011176° O,



„Na ja, eine Siedlung von Schwarzen, die der Hotels wegen hier hergezogen sind.“
„Und, na ja, Sie wissen ja. Dort gibt es dann schon Probleme mit Diebstahl und diese ständige Bettelei und man weiß ja auch gar nicht, was die einem dann alles verkaufen wollen ...“
„Ich meine, die Leute hier profitieren ohnehin vom Tourismus, da ist dann so ein Verhalten schon ein bisschen unangebracht, ja. Immerhin wir sind mit den Kindern hier.“
„Wissen Sie, ich habe schon Verständnis für die Probleme und die meisten Leute hier sind wirklich sehr nett, aber als Weißer hat man schon oft das Gefühl, dass man nur als Geldgeber gesehen wird. So eine Woche zu viert kostet an sich schon ganz ordentlich.“
Die beiden waren voll in Fahrt. Ich hatte mich erhoben und war gegen alle vernünftigen Argumente unterwegs ins Village Indigène.
„Sollen wir Ihnen die Liege freihalten ...!“, rief mir die Frau noch nach.

Zeit 2001-12-28T10:15:10.875+01:00
Fahrt 14.43865,-17.01131;14.43856,-17.01162;14.43837,-17.0119;14.43791,-17.01215;14.43749,-17.01267;14.43833,-17.0141;14.44015,-17.01701;14.44028,-17.01725;14.44049,-17.01784;14.44051,-17.01922;14.44065,-17.01986 Speed 0.4 Level 18
Pfeil 45°

Village Indigène

Der Strand war weiß, das konnte man sagen. Die Surfbretter waren weiß, die Jetski waren weiß, die Yachten waren weiß, die Kieswege unter den Palmengärten waren weiß, sogar der Sand war weiß. Grell weiß. Selbstverständlich war jeder einzelne Badegast weiß. Das einzig Schwarze waren die Kellner, die frühe Drinks oder späte petit déjeuners an die Liegen servierten. Saly Hotel Ville lag in einer schönen Bucht, 40 Meter breiter Sandstrand, üppige subtropische Vegetation, es gab keine vielstöckigen Hotelburgen, die weitläufigen Bungalowanlagen verschmolzen praktisch mit den schattigen Gärten, die man für ihre Gäste angelegt hatte. Touristisches Kapital ganz offensichtlich. Vor einem der größeren Hotels ragte ein massiver Holzsteg in Wasser, das Centre de Pêche Sportive. Von hier aus stachen die Yachten der Hochseefischer in See.
Ich schlenderte daran vorbei und wie zufällig kam ein uniformierter Schwarzer auf mich zu.
„Bonjour, Monsieur“, meinte er freundlich, „kann ich Ihnen behilflich sein?“
Auf seiner Epaulette stand A.S.A.
„Ich möchte nach Safari Village.“
„Das ist weit von hier.“

Zeit 2001-12-28T10:15:10.875+01:00
Pfeil 45°



„Kein Problem, ich viel Zeit.“
„Aber Sie verlassen Saly Hotel Ville, Monsieur.“
„Ja.“
Er begleitete mich noch einige Schritte, dann kehrte er kopfschüttelnd um. Der Sand war plötzlich nicht mehr so weiß. Ziegenmist, Fischdärme, Asche, Plastiksäckchen, Schnurfasern und allerlei Treibgut sprenkelten den Boden, keine üppigen Grünanlagen säumten hier den Strand, gefällige Bungalows gab es auch nicht mehr. Ich schritt jetzt eine Art Dorf entlang, dem Village Indigène vermutlich. Eine Sandstraße verlief vom Strand aus durch einen bunten Haufen unterschiedlich ansehnlicher Häuser, einige Boote waren an Land gezogen worden und – ähnlich wie in Soumbedioune – diente der Strand weniger als Erholungsraum, denn als betriebsames Zentrum des Lebens. Fische wurden verkauft, Ziegen rupften an den Strohmatten der Zäune, hie und da stählte ein Bursche mit Liegestützen seine muskulösen Schultern und überall saßen Griots und spielten auf ihren Trommeln. Das Ganze wäre recht idyllisch gewesen, hätten mich nicht ein gutes Dutzend Menschen gedrängt, entweder in ihr Restaurant zu kommen oder ihren Shop zu besuchen oder sofort einen Ballen

Zeit 2001-12-28T10:15:10.875+01:00
Pfeil 45°



Stoff zu kaufen oder wenigsten eine sehr antike Statue oder – ey, pst, pst – einen Sackvoll Gras. Die Augen der meisten Leute waren trüb, sie sahen durch mich hindurch und beteten mir monoton ihre Angebote vor. Ich hatte nicht den Eindruck, dass auch nur einer von ihnen glaubte, ich würde wirklich etwas kaufen, und erwiderte die hoffnungslose Marktschreierei mit einem gebetsmühlenartigen „Jërajëf, baaxna, baalma“. Wenn mich jemand am Ärmel zupfte, ließ ich ein etwas festeres „Bëgguma dara“ vernehmen.

Zeit 2001-12-28T11:45:15.686+01:00
Fahrt 14.44071,-17.02013;14.44107,-17.0211;14.44165,-17.02226;14.44322,-17.0239;14.44478,-17.02494;14.44716,-17.02725;14.44834,-17.02879;14.44877,-17.02969;14.44881,-17.03074 Level 17
Pfeil 45°

Chez L'Homme Tranquille

Nach und nach verloren sich die Händler, Guides und Musiker wieder und es gab kaum mehr Anzeichen dafür, dass ich noch am richtigen Weg war. Der Ortskern des Village Indigène war klein gewesen und lag längst hinter mir, der Strand war in offenes, ungepflegtes Land übergegangen. Allerdings sah man überall feiertäglich verwaiste Baustellen. Unterm Jahr wurde das touristische Kapital offenbar laufend vergrößert.
Nach einem etwa viertelstündigen Marsch über den verwilderten Strand fand ich mitten in der Einöde ein Schild vor, auf das eine ungelenke Hand „Chez L'Homme Tranquille“ gekrakelt hatte. Darunter war mit Kreide „fermé“ gemalt worden. In einiger Entfernung hörte ich ein beunruhigendes Geräusch. Es klang wie eine Axt, die in etwas Feuchtes, Zähes getrieben wurde. Ein unappetitliches, schmatzendes, knackendes Geräusch. Ich hielt mich nahe am Wasser und sah mich vorsichtig um. Hinter einer struppigen Hecke aus Schilf und verkrüppelten Sträuchern kam ein großes, luftiges Haus in Sicht, auf dessen Terrasse ein riesiger, massiger Schwarzer mit einer Machete eine Ziege ausweidete.

Zeit 2001-12-28T11:50:00.444+01:00
Ort 14.449096° N, -17.030906° O, Level 18
Pfeil 225°

Papiz

Nachdem ich schon einmal hier war, nahm ich meinen Mut zusammen und fragte: „Pardon, kennen Sie Monsieur Papiz Koné?“ Meine Stimme klang etwas dünn.
„Oui Monsieur. Das bin ich.“
Der schwarze Koloss lächelte. In der einen Hand hielt er die blutige Machete, mit der anderen fetzte er behände ein triefendes Stück Balg in die Ecke.
„Ça va?“, sagte ich. „Ich bin Chi, gibt's hier heute Dibiterie?“
„Ça va bien – Gute Idee, aber ich werde es verkaufen. Wir brauchen noch ein bisschen Bares für das Fest.“
„Assane sagen, Sie sprechen Englisch? Waxna francais tuuti rekk.“
„Ah, und Wolof tuuti rekk – hihi!“ Papiz wischte sich die Hand an der Hose ab und streckte sie mir freundlich entgegen. „Assane hat angerufen und gesagt, du wirst gestern kommen. Hast du ein Zimmer?“, fuhr er auf Englisch fort.
„Es war sehr spät, ich musste in ein Hotel. Hast du eine andere Empfehlung?“
„Ja. Ich fahre später nach Saly und zeige es dir.“
„Ok.“
Ich setzte mich auf das steinerne Geländer der Terrasse und sah Papiz beim Abziehen zu.

Zeit 2001-12-28T11:50:00.444+01:00
Ort 14.449096° N, -17.030906° O, Level 18
Pfeil 225°



Sein Messer wischte flink durch den schlaffen Kadaver, der abgehäutete Kopf pendelte träge hin und her. Das Haus im Hintergrund schien zu schweben. Es bestand nur aus riesigen, unverglasten Fenstern und Licht – der verfallene Traum eines Aussteigers. Wahrscheinlich hatte es ein avantgardistischer Architekt irgendwann in den 70ern hier hingestellt, um darin die Last der Welt hinter sich zu lassen. Der gesamte vordere Teil der Villa war zum Meer und den Seiten hin offen, dünne Säulen trugen ein flaches Dach, das dem oberen Geschoss als weitläufiger Balkon diente. Dort oben schien es auch einige geschlossene Räume zu geben, weit hinten im Haus schraubte sich eine geländerlose Wendeltreppe in die Höhe. Vor dem Anwesen befand sich das, was offenbar das „Chez L'Homme Tranquille“ sein sollte. Ein flattriges Schilfdach mit einigen Tischen und Bänken darunter. Keine 20 Meter entfernt leckte träge der Ozean an der Küste.
„Das war´s“, meinte Papiz und schulterte die Ziege. „Ñu ngi dem .“
Hinter dem Haus stand ein klappriger alter Peugeot am Ende einer Sandpiste, die von der Zufahrtsstraße von Saly zum Haus führte. Papiz warf die Ziege auf die Rückbank, wir stiegen ein und rumpelten los.

Zeit 2001-12-28T12:40:18.500+01:00
Fahrt 14.44934,-17.03095;14.45084,-17.03104;14.45244,-17.02546;14.45246,-17.02527;14.4524,-17.02506;14.4523,-17.02479;14.45186,-17.02402;14.45167,-17.02371;14.45151,-17.0235;14.45117,-17.02308;14.45105,-17.02297;14.45088,-17.02284;14.44921,-17.02166;14.44802,-17.02079;14.44753,-17.02039;14.447,-17.01993;14.44633,-17.01943;14.44596,-17.01916;14.44459,-17.0181;14.4442,-17.01787;14.44361,-17.0176;14.4432,-17.01741;14.44287,-17.01715;14.44262,-17.0168;14.44122,-17.01507;14.4411,-17.01511;14.44104,-17.01531 Level 17
Pfeil 225°

Tourismusmanagement

Die Straße nach Saly war gut ausgebaut und endete im zentralen Verkehrsknoten der Stadt, einem mit rot-weiß gestreiften Bordsteinen gefassten Kreisverkehr mit einem Palmenarrangement in der Mitte. Von hier aus konnte man die verschiedenen Hoteleinfahrten erreichen. Direkt vor uns lag die prächtige Einfahrt meines Saly Hotel, dann gab es ein Espadon – ebenfalls vier Sterne –, ein Hotel Saly, ein Savanna Inn und eine begeisternde Menge von Wegweisern zur Post, zum Airportservice, zur Bank, zum Centre Commercial, dem Autoverleih, dem Quad-Center, King Karaoke natürlich und irgendwo zweigte eine brüchige Piste ins Herz des Chaos ab: das Village Indigène. Hier hingen die Stromleitungen bis in Kopfhöhe von ihren morschen Masten, wackelige Bretterbuden mit Sonnenschirmen davor täuschten vor, Geschäfte zu sein, und neunmalklug grinsende Jugendliche winkten alles und jedes heran, um es auszurauben, zu betrügen oder anzuschnorren. Tourismusmanagementmäßig war der Anblick eine astreine Katastrophe.
Papiz fuhr im Schritttempo durch die schmalen Gassen des Village Indigène, quatschte zum offenen Fenster hinaus mit den Leuten, Witze wurden

Zeit 2001-12-28T12:40:18.500+01:00
Pfeil 225°



gerissen, Hände geschüttelt, ein Fleischer mit einem Hackebeil in der Hand ging ein Stück weit neben uns her und bekundete sein Interesse an der Ziege. Papiz fand allerdings keinen Gefallen an seinem Angebot.
„Ça va, Toubab“, krähte ein kleiner Bub mit einer Stimme, die Sammy Davis Junior zur Ehre gereicht hätte, und warf uns eine Handvoll Sand nach.
„Stimmt es, dass die Leute wegen der Hotels hierher gezogen sind?“
„Ja“, meinte Papiz. „Früher haben sie da gewohnt, wo jetzt die Hotels sind.“
So ähnlich hatte ich mir das vorgestellt.

Zeit 2001-12-28T13:00:30.253+01:00
Ort 14.442462° N, -17.017511° O, Level 17

Die Rückseite von Saly

Papiz verkaufte seine Ziege schließlich an eine Dibiterie im Zentrum des Village Indigène, wo sie wie eine Reklametafel – „Heute frische Ziege!“ – an den Zaun gehängt wurde, und wir machten uns auf, eine Unterkunft für mich zu finden. Das Village Indigène bestand im Wesentlichen aus einer Straße, die vom Verteilerkreis aus quer durch das Gestrüpp der niedrigen Häuser führte, und einem staubigen Dorfplatz, um den einige schäbige, einstöckige Wohnhäuser angelegt worden waren. Ausweichquartiere, die man vor Jahren für die Umgesiedelten aus dem Boden gestampft hatte. Zu den Hotelkomplexen hin zeigte das Village Indigène das etwas schlampige, folkloristisch geschönte Gesicht eines Dorfmarktes, auf dem – ganz im Sinne eines Eingeborenendorfes – ausschließlich Souvenirs gehandelt wurden. Die Shops hatten gemauerte Seitenwände und struppige Strohdächer, Sonnen- schirme und Holzgeländer sollten einen freundlichen Eindruck erwecken und an die adretten Shops im Centre Commercial von Hotel Ville erinnern. Im Inneren des Dorfes hingegen saßen die Kunsthandwerker im Ziegendreck vor ihren Häusern und raspelten an Mörsern, Schlüsselanhängern und anderem Kitsch

Zeit 2001-12-28T13:00:30.253+01:00
Ort 14.442462° N, -17.017511° O, Level 17



herum, den sie am Strand zu verkaufen versuchten. Ihre Werkstätten waren wackelige Konstruktionen aus morschen Holzstöcken, als Dach diente meist nichts als ein Stück Karton. Im Vergleich dazu sahen die Shops an der Straße aus wie noble Boutiquen.
Papiz brachte mich zu einer Auberge, einem Appartementhaus am nördlichen Rand des Village Indigène; einer Gegend, die man als die Rückseite von Saly bezeichnen konnte. Hermetisch ummauerte Ferienhäuser französischer Dauergäste bildeten hier ein konturloses Dorf im Dorf. Keines der Häuser hatte direkten Zugang zum Strand, es gab keine Geschäfte, keine Anzeichen öffentlichen Lebens, aus einem der uneinsehbaren Gärten drangen die Stimmen betrunkener Männer und Frauen in die Stille des späten Vormittags. Zwischen den Häusern lagen unerschlossene Parzellen, die als Ziegenweiden dienten.

Zeit 2001-12-28T13:10:29.537+01:00
Ort 14.442005° N, -17.018493° O, Level 17
Pfeil 225°

Le Kepare

Le Kepare, so hieß mein neues Quartier, gehörte einem Franzosen, der hier zwei oder drei Wochen im Jahr verbrachte. In der übrigen Zeit ließ er sein Domizil von einem schwarzen Hausmeister pflegen und an Feriengäste vermieten. Mir standen zwei geräumige Zimmer, eine Wohnküche, eine überdachte Terrasse, ein verschließbares Klo und ein Bad zur Verfügung. Für fünf Tage im Le Kepare zahlte ich weniger als für eine Nacht in meinem Hotel. Dafür musste ich mir das Bad mit einem Gecko teilen.
Nachdem ich eine Anzahlung geleistet und meinen Schlüssel erhalten hatte, verabredete ich mich für sieben Uhr mit Papiz zum Abendessen im Chez Gaucher, dem Lokal eines seiner Freunde, und spazierte zurück zum Hotel, um auszuchecken und meinen Wagen zu holen.

Zeit 2001-12-28T13:20:10.325+01:00
Fahrt 14.4420051526544,-17.0184928178787;14.44192,-17.01852;14.44059,-17.0193;14.44049,-17.01862;14.44054,-17.01777;14.44024,-17.01688;14.43965,-17.01606;14.43764,-17.01282;14.43775,-17.01246;14.43842,-17.01194;14.43869,-17.01137;14.43877,-17.01117;14.43902,-17.01119;14.43919,-17.01113;14.43922,-17.01092;14.43941,-17.01084 Speed 0.7 Level 17
Pfeil 225°

White Trash

Zwischen den übermannshohen Gartenmauern der Ferienhäuser verliefen ausgefahrene Sandpisten, über die man die Hauptstraße, das Village Indigène und den Strand erreichen konnte. Hinter den Häusern türmte sich der Müll, Ziegen leckten an zerbrochenen Schnaps- und Champagnerflaschen, in schwarzen Säcken gärten die Überreste weihnachtlicher Festtafeln. Der Strand war ungenutzt, baden gingen die Bewohner scheinbar nur an den Hotelstränden. Ich stampfte durch den tiefen Sand in Richtung Süden, wo die Hotels lagen, und nach wenigen hundert Metern erreichte ich wieder den Strand des Village Indigène. Die strikte Trennung des Ortes in eine Zone für Touristen und eine Zone für den Rest war klar zu sehen. Auf der nördlichen Seite des Strandes gab es ungeharkten Sand und tote Fische, auf der südlichen Seite geharkten Strand und sonnenverbrannte Franzosen. Hier „Come see me shop, come see me shop!“, dort „Alles zu ihrer Zufriedenheit, Monsieur? Wollen Sie Jetski fahren, Monsieur?“. Die Grenze selbst war fast unsichtbar, aber sie schnitt Saly in zwei Hälften und weder Weiße noch Schwarze schienen sie je zu überschreiten. Interessanterweise fühlte ich mich in jener Hälfte wohler, in die ich eindeutig nicht gehörte.

Zeit 2001-12-28T13:20:10.325+01:00
Pfeil 225°



Als ich an der Rezeption des Saly Hotel als nächste Destination die Auberge Le Kepare, Saly/ Village Indigène angab, machte mir ein Blick des Hotelbediensteten klar, dass ich jetzt zu keiner der beiden Hälften mehr gehörte. Ich wollte kein gepflegter Tourist sein, nicht in geordneten Verhältnissen leben und war mit den Angeboten, die im Dienstleistungsspektrum eines ordentlichen Hotels inbegriffen waren, offenbar nicht zufriedenzustellen. Was also konnte ich sein? Drogensüchtig? Päderast? Zu arm für das Saly Hotel? Jedenfalls war ich Abschaum und noch dazu weißer. Da ist man nirgends gern gesehen.

Zeit 2001-12-28T20:00:04.911+01:00
Ort 14.440551° N, -17.01712° O, Level 18 noPan
Pfeil 225°

Chez Gaucher

„Chez Gaucher – bienvenue!“ Ohne das ging es einfach nicht. Gaucher, der Inhaber des kleinen, wackeligen Restaurants, in dem ich mit Papiz verabredet war, hatte zwei Baustellenscheinwerfer auf das Schild über der Tür seines Strandrestaurants richten lassen und der strahlende Willkommensgruß fügte sich fast nahtlos in die leuchtende Kette der Restaurantschilder, die den abendlichen Strand von Saly Hotel Ville säumten. Nur lag Chez Gaucher etwa zwanzig Meter jenseits der Demarkationslinie, die das schwarze und das weiße Saly voneinander trennte. Für gewöhnlich zeigten die weißen Gäste kaum Interesse, die übersichtliche Geborgenheit ihrer Flug- und Unterkunftarrangements in Saly Hotel Ville zu verlassen und ihr Geld in das Dorf der delogierten Profiteure des Massentourismus zu bringen. Aber Gaucher schien ein begabter Marketingstratege zu sein, der die Vorteile seines Standortes geschickt zu nutzen wusste: Sein Restaurant lag außerhalb von Hotel Ville mit seinen Vertragshotels, seiner Dienstleistungsorientierung und seinen überhöhten Preisen und Gaucher konnte den wenigen weißen Gästen, die er mit seinem freundlich leuchtenden Schild über die unsichtbare

Zeit 2001-12-28T20:00:04.911+01:00
Ort 14.440551° N, -17.01712° O, Level 18



Grenze ins Village Indigène lockte, Langusten, Bier und Pastis weit billiger anbieten als die Konkurrenz in Hotel Ville.
Das Restaurant selbst bestand aus nichts als zwei gemauerten Seitenwänden, einem Strohdach und einem Bretterverschlag als Rückwand. Nach vorne hin war es offen, ein Vorhang aus Stoffstreifen vermittelte Luftigkeit und Partystimmung, die Sicht auf die sichere Ordnung der nahen Hotels war nicht beeinträchtigt. Das war psychologisch sehr geschickt. Es vermittelte dem Besucher das Gefühl, den Schutz des Hotelverbundes von Saly nicht wirklich verlassen zu haben, gleichzeitig konnte der Besuch des „Chez Gaucher“ zweifellos als beherztes Abenteuer, als Begegnung mit freundlichen Eingeborenen in den Reiseerinnerungen abgelegt werden. Allein das Interieur des Lokals konnte bei Bewohnern eines gediegenen Hotels kein anderes Gefühl aufkommen lassen, als das, mitten in einem ganz originalen Eingeborenendorf gelandet zu sein. Die Tische waren schmucklos, wackelig und kamen ohne Tischtücher aus, kein Sessel glich dem anderen, besonders abenteuerlich Gestimmte konnten sogar auf grob behauenen Holzstrünken Platz nehmen. Direkt vor dem Lokal lag eine Piroge

Zeit 2001-12-28T20:00:04.911+01:00
Ort 14.440551° N, -17.01712° O, Level 18



am Strand, die der Beteuerung der Tageskarte „Alles frisch aus dem Meer“ eine sehr vitale Note gab. Das Originalste aber war ein Koraspieler, der das melancholische Flehen seiner Kürbisharfe mit sacht klagendem Gesang begleitete. Papiz erklärte mir, dass der Mann aus Mali stammte, in Bambara sang und als Gastarbeiter in Saly lebte. Aber er war ganz anders als die Drum-, Dance- und Gute-Laune- Hopser, die in bunt gefärbten Baströckchen für traditionelle Unterhaltung in den Hotels sorgten. Also wirkte er wirklich sehr authentisch und trug das Seine dazu bei, dass im Chez Gaucher tatsächlich winzige Tröpfchen vom Touristenstrom abgeschöpft wurden. Wir setzten uns an einen freien Tisch und bestellten Bier.
„Heute ist wenig los“, meinte Papiz, „aber morgen kommt Gaucher aus dem Gefängnis raus, da wird es eine Party geben.“
„Er ist im Gefängnis?“
Vielleicht war Gaucher ja doch kein glänzender Marketingstratege, sondern – eher den Erwartungen meiner holländischen Tomatenfamilie entsprechend – ein übler Halsabschneider.
„Ja, es ist ein Witz. Er musste zwei Tage einsitzen.“
„Wofür?“

Zeit 2001-12-28T21:00:04.911+01:00
Ort 14.440551° N, -17.01712° O, Level 18



„Er hat L'Homme geholfen, die Reklame für unser Silvesterfest in den Hotels zu verteilen.“
„Dafür kommt man ins Gefängnis?“
„Na ja, nicht wirklich. Die A.S.A. hat das Recht, verdächtige Personen ein bis zwei Tage festzuhalten. Sie machen das, um uns einzuschüchtern.“
„Aber das ist verrückt.“
„Nein, gar nicht. Alles, was die Gäste von Hotel Ville brauchen, wird in Hotel Ville angeboten. Ein Schwarzer, der dort nicht arbeitet, kommt also nur, um zu stehlen oder um ein Geschäft zu machen, für das er keine Konzession hat. Also sagt man ihm, er soll verschwinden oder er kommt ins Gefängnis.“
„Scheiße.“
„Ja, und völlig legal. Es gibt eine eigene Gesellschaft, die mit der Verwaltung der petite côte beauftragt ist und garantieren soll, dass diejenigen, die hier investieren, auch gute Profite erzielen. Das ist ja auch ganz fair. Nur Senegalesen werden dabei nicht berücksichtigt. Die Hotels gehören Franzosen.“
„Aber wenn Gaucher hier Geschäfte macht und investieren will, ist doch sein Geld so gut wie das von jedem anderen.“
Papiz lachte. „Selbst wenn wir welches hätten, unser Geld wäre nie so gut, wie das von richtigen Investoren.

Zeit 2001-12-28T22:00:04.911+01:00
Ort 14.440551° N, -17.01712° O, Level 18



Wenn du als Senegalese Geld hast, hast du sofort Ärger. Alle Verwandten kommen, es wird viel Druck gemacht, jeder sagt: ‚Du willst ein Restaurant für Toubabs bauen und wir müssen hungern!’. Du wirst verflucht, es gibt ununterbrochen Streit und irgendwann gibst du nach und dein Geld ist weg. Dein Restaurant gibt es natürlich auch nicht.“
„Und Gaucher?“
„Gaucher ist sehr geschickt. Außerdem hat Assane ihm geholfen. Assane hilft uns überhaupt sehr. Er hat letztes Jahr bei der französischen Botschaft um Förderungen für ein Kulturprojekt angesucht und wirklich Geld bekommen. Er wollte hier mit Gaucher und L'Homme ein maison culturelle aufziehen. Mit einem Restaurant und Ausstellungen von Künstlern, die nicht nur Dekoration produzieren. Bildende Kunst, Musik, Tanz – richtige senegalesische Kultur.“
„Und was ist schief gegangen?“
„L'Homme wurde vor zwei Monaten enteignet. Und Gauchers Restaurant ist zu klein für ein maison culturelle. Aber immerhin, sie haben Pastis.“
Papiz war ein sehr profunder Trinker von Pastis. Und während wir tranken, erzählte er mir, wie Assane und L'Homme gemeinsam einen Antrag an

Zeit 2001-12-28T22:00:04.911+01:00
Ort 14.440551° N, -17.01712° O, Level 18



die Verwaltungsgesellschaft SAPCO gestellt hatten, mit dem Ansuchen, das Grundstück kaufen zu dürfen, auf dem L'Homme als Pächter seit Jahren sein Restaurant betrieben hatte. Die Parzelle lag etwa auf halbem Weg zwischen Gauchers Restaurant und dem Fischmarkt, grenzte vorne direkt an den Strand und zog sich nach hinten weit ins Dorf hinein, wo die Werkstätten der Souvenirschnitzer lagen. Wenn man hinübersah, konnte man ein frisch abgestecktes Grundstück erkennen, von einem Restaurant war allerdings nichts zu sehen. Bulldozer hatten es vor drei Wochen dem Erdboden gleichgemacht.
Assane hatte seinem Antrag damals eine Kopie des positiven Bescheides seines Projektantrags beigefügt, in dem die französische Botschaft weitere Mittel für das maison culturelle zusagte, sobald die Eigentums- verhältnisse das Grundstück betreffend geklärt waren. Aber die SAPCO hatte sich ein Jahr lang geweigert, wenigstens den Erhalt des Antrages zu bestätigen, und vor drei Monaten einen Räumungsbescheid gegen L'Homme erlassen, da er es verabsäumt hatte, das von ihm wirtschaftlich genutzte Land rechtmäßig zu erwerben. Als Ersatz hatte man ihm eine zweihundert Quadratmeter

Zeit 2001-12-28T23:00:04.911+01:00
Ort 14.440551° N, -17.01712° O, Level 18



große Parzelle fünf Kilometer vom Strand entfernt angeboten. L'Homme hatte sich geweigert und damit alle Ansprüche verloren. Als die Bulldozer kamen, wollte er sich vor eine der Baumaschinen stürzen, um sie zum Halten zu zwingen, aber Papiz hatte ihn eigenhändig weggetragen. Wie er das sah, hätten sie L'Homme ganz einfach überfahren. Seither hielt L'Homme das Haus am Ende des Strandes von Saly besetzt, wie er es trotzig formulierte. Das Haus gehörte einem Musiker, der in Europa lebte und die Nutzung seines Hauses gerne duldete. Jedenfalls wollte L'Homme in dieser Zentrale des Widerstandes eine seiner legendären Silvesterpartys schmeißen, um genug Geld für einen Anwalt zusammenzubekommen, der mit ihm für eine angemessene Entschädigung kämpfen sollte.
Beim Versuch, die Einladungen für das Fest im Hotel zu verteilen, waren er und Gaucher festgenommen worden. L'Homme war ziemlich betrunken gewesen und man hatte ihn laufen lassen, aber Gaucher hatten sie für zwei Tage behalten. Jeder in Hotel Ville hasste sein Restaurant und wollte sein Möglichstes tun, auch Gaucher zum Aufgeben zu zwingen. Dummerweise gehörte das

Zeit 2001-12-28T23:00:04.911+01:00
Ort 14.440551° N, -17.01712° O, Level 18



Grundstück, so klein es auch war, unbestreitbar ihm. Er hatte es vor 20 Jahren gekauft, als Saly noch ein Fischerdorf in jener schönen Bucht gewesen war, die heute Hotel Ville hieß. Als in Saly mit der touristischen Erschließung der petite côte begonnen wurde, war Gauchers Grundstück außerhalb der umgewidmeten Gebiete gelegen und er war von den Zwangsumsiedlungen nicht betroffen gewesen. Heute stellte sein Restaurant einen beträchtlichen Wert dar und Gaucher fuhr nicht mehr zur See, um seinen vielen Feinden nicht die Freude zu machen, einfach beim Fischen zu ersaufen.

Zeit 2001-12-29T1:00:54.785+01:00
Ort 14.440551° N, -17.01712° O, Level 18

Die letzten Gäste

Papiz´ Augen waren rot vom Schnaps und ich sah bestimmt auch nicht gut aus. Der Koraspieler, die weißen Abenteurer und die Kellnerin waren längst gegangen, nur Papiz und ich saßen mit unserer zweiten Flasche im dunklen Lokal und schwiegen.
„Manchmal bin ich froh, dass es den Schnaps gibt“, schloss Papiz den Abend. „Dann habe ich zu viel Kopfschmerzen, um jemanden umzubringen.“

Zeit 2001-12-29T11:00:17.009+01:00
Ort 14.442005° N, -17.018493° O, Level 18 noPan
Pfeil 225°

Kater

Jemanden umzubringen, wäre in jeder Hinsicht fatal gewesen. Das Geschrei, der Dreck, die große Mühe – undenkbar. Der einzige Kopf, den ich unter Umständen gerne weggepustet hätte, war mein eigener. Das hätte zumindest den Schmerz beendet. Ich lag in einem Bett und zwischen den staubigen Jalousien brannte die Sonne herein. Vermutlich befand ich mich in dem Bungalow, den ich gestern bezogen hatte, allerdings war mir völlig unklar, wie ich hierher gekommen war. Einen Ansatz einer Erklärung bot der schnarchende Papiz, der im Nebenzimmer am Boden lag. Benommen und vermutlich noch immer jenseits der Promillegrenze betrunken schleppte ich mich ins Bad und stellte mich unter die Dusche. Der selbstbewusste Strahl der Viersternebrause fehlte mir, aber zumindest war das zögerlich tröpfelnde Wasser kalt. Ich ließ es auf meinen Kopf und meine Schultern rieseln und langsam kehrte das Gefühl, ein lebendiges Wesen zu sein, in meinen Körper zurück. Ein Wesen mit einem Monster von Kater allerdings. Ich schwankte zurück in mein Zimmer, Papiz hatte sich aufgesetzt und blickte sich verwundert um.
„Ah“, sagte er, als er mich im Halbdunkel erkannte. „Alles ok?“

Zeit 2001-12-29T11:00:17.009+01:00
Ort 14.442005° N, -17.018493° O, Level 18
Pfeil 225°



„So lala. Und bei dir?“
„Wie viel haben wir gestern getrunken?“
„Zwei Flaschen, denke ich.“
„Nachher noch irgendwas?“
„Glaube nicht.“
„Na ja, wir werden ja sehen. Kann ich duschen?“
„Klar.“
Ich hörte Papiz unter dem Wasser prusten und trotz der Kopfschmerzen musste ich lachen.

Zeit 2001-12-29T12:50:42.528+01:00
Ort 14.440551° N, -17.01712° O, Level 18
Pfeil 315°

A.S.A.

Im gleißenden Sonnenlicht wankten wir zurück ins Chez Gaucher, um ein kleines Bier zu trinken und der Kellnerin glaubhaft zu machen, dass wir es gestern bei zwei Flaschen Pastis hatten bewenden lassen – ich zahlte, bevor mich Papiz darum bitten konnte. Das Bier sickerte in meinen sumpfigen Kopf, gemeinsam mit meiner Sonnenbrille bildete es eine Art Helm, an dem die Außenwelt abprallte und lediglich als unscharfes Echo in meinen Schädel drang. Ein Baye Fall kam herein, quatschte eine Weile und bekam schließlich ein Glas Wein von einem dicken Mann spendiert, der ganz hinten im Lokal saß und Geld zählte. Der Baye Fall tauchte einen Finger in den Wein und spritzte einige Tropfen auf den Boden, bevor er das Glas zügig leerte.
„Sacrifice“, erklärte Papiz.
„Ist das da hinten Gaucher?“
„Nein, das ist ein Arschloch vom Centre Commercial. Er sitzt gerne hier und zählt sein Geld. Ein Wichtigmacher.“
Ganz vorne im Lokal hatte eine Gruppe Franzosen Platz genommen – Jet-Ski-Typen, die gerne allen möglichen Unsinn zum Frühstück gehabt hätten, den es bei Gaucher eben nicht gab. Primitiv sei das hier, meinte man und von Scheißservice war die

Zeit 2001-12-29T12:50:42.528+01:00
Ort 14.440551° N, -17.01712° O, Level 18
Pfeil 315°



Rede. Die Kellnerin schwenkte ihre Hüften und bot Pastis an. Damit war die Jet-Ski-Runde ebenfalls unterwegs ins Öl. Hin und wieder streifte mich einer ihrer Blicke, skeptisch und befremdet, Blicke, die man Pennern am Bahnhof zuwirft, von denen man erwartet, sie würden einem bei der ersten Gelegenheit das Gepäck klauen. Für sie war ich einer von draußen, ein dubioser Überläufer, verbrüdert mit räuberischen und verkaterten Schwarzen, gegen deren unverschämte Übergriffe es zum Glück den Sicherheitsdienst gab.
Der Sicherheitsdienst. Das Bier hatte meine aufkeimende Übelkeit erstickt und mit einem zähen Dacapo meines gestrigen Rausches auch meine Erinnerungen wiedergebracht. L'Homme, Gaucher, die Enteignung, Papiz´ verhinderte Mordlust, der Schnaps, die Kopfschmerzen. Hier schloss sich der Kreis und zwar in Papiz´ Gesicht, der mit einem Blick auf den Strand hinausstarrte, der gleichermaßen nach Mordlust und Kopfschmerzen aussah. Draußen spazierte langsam und provokant ein Mann vom A.S.A. Security Service auf das Chez Gaucher zu, schob seine Sonnenbrille auf der Nase vor und spähte mit zusammengekniffenen Augen in die schattigen Tiefen des Lokals – der Ungeziefermann

Zeit 2001-12-29T12:50:42.528+01:00
Ort 14.440551° N, -17.01712° O, Level 18
Pfeil 315°



auf der Suche nach dem rattengebärenden Unrat. Papiz´ Körper straffte sich, als der A.S.A.-Knabe gemächlich ins Lokal kam und begann, entspannt auf die Kellnerin einzureden. Sie blitzte ihn wütend an und erwiderte seinen Begrüßungssermon mit wenigen schroffen Worten. Das schien den Ungeziefermann nicht weiter zu stören, er legte gemütlich sein Walkie-Talkie auf den Tisch, bestellte ein Cola, schlug behaglich die Beine übereinander und tat im Ganzen so, als wäre er der von der Arbeit heimgekehrte Patriarch.
Papiz eröffnete den Dialog. Sein Wolof klang wie ferner Donner und der A.S.A.-Kerl setzte diese Ach-ja-stimmt-da-war-doch-was-Miene auf, an der man fiese Arschlöcher erkennt. Er murmelte gelangweilt irgendetwas, das scheinbar Gaucher betraf, und Papiz musste noch mal und noch mal nachfragen, ob Gaucher entlassen würde, und wenn, wann, und der Sicherheitsbeamte ließ sich genüsslich jedes Wörtchen bei der Nase herausziehen. Es war eine mühsame und erniedrigende Prozedur und obwohl mich die Sache im Grunde nichts anging, stieg die Aggression in mir hoch und krampfte meinen Magen zusammen. Aber es war die Kellnerin, der der Kragen platzte.

Zeit 2001-12-29T12:50:42.528+01:00
Ort 14.440551° N, -17.01712° O, Level 18
Pfeil 315°



Als sie das Cola gemeinsam mit einer frechen Bemerkung servierte, warf sich der offizielle Repräsentant der Ehrfurcht gebietenden A.S.A. in Pose, um ihr mit einer scharfen Zurechtweisung den nötigen Respekt einzuflößen. Eine unkluge Entscheidung. Die Stimme der Kellnerin ging los wie die Sirene eines ganz privaten Weltgerichts, das über den A.S.A.-Mann hereinbrach: Ihre Tiraden waren ein Schlachtgesang und ihre Körpersprache eine Kampfhandlung. Hart und zielsicher feuerte sie ihre Rede direkt in das Gesicht des wehrlosen A.S.A.- Schlaffis und ich stellte mir die köstlichen Beleidigungen vor, die der Mann hier ausfasste: „Du quatschst mich an, du lausiger Macker? Dir hat deine Uniformhose doch das bisschen Sack abgeschnürt, das du mal hattest. Keiner von uns hier kann deinen Arsch von deinem Gesicht unterscheiden und nur weil du einen Job hast, würde kein echter Mann je mit dir tauschen wollen. Und eine echte Frau will erst recht nichts von dir wissen! Sogar für die schlaffen Weißbrotgören bist du weniger als Luft. Du bist ein Diener! Aber hier braucht keiner einen Diener und du stinkst, weil sie für einen Furz wie dich nur ein Uniformhemd rausrücken. Also pack dich, sonst tret ich

Zeit 2001-12-29T12:50:42.528+01:00
Ort 14.440551° N, -17.01712° O, Level 18
Pfeil 315°



dir in deinen wabbeligen Schwitzarsch, du Eunuch ...!“
Was auch immer sie tatsächlich gesagt hatte, der A.S.A.-Pudding packte sich. Er hatte sich erhoben und sich unter dem Stakkato ihrer Beleidigungen Schritt um Schritt zurückgezogen, bis er mit seinen Sicherheitsserviceschuhen im Dreck hinter dem Lokal stand. Papiz setzte ein Grinsen auf, das heller leuchtete, als die Sonne, die Franzosen hatten schieläugig die Szene beobachtet und begannen, vom Temperament zu labern, das die Kleine hatte und – hui – da könnte man sich ja vorstellen ...
„Ich glaube, sie mag ihn.“
Papiz glotzte mich einen Moment lang verdutzt an. Dann polterte ein dröhnendes Lachen los, er gab mir Fünf: „Assane hat gesagt, du hast einen verrückten Humor!“
Er knurrte der Kellnerin eine Übersetzung meiner Einschätzung zu und sie segelte zu uns herüber: Trippelnde Schritte, das Bartuch schwang an ihrer Seite, als wäre es ein Täschchen von Louis Vuitton – sie war ganz die beleidigte Madame.
„Me! Him? No!“, warf sie mir theatralisch an den Kopf und fügte mit veränderter, anzüglicher Stimme etwas hinzu, das Papiz einen Kicheranfall bescherte.

Zeit 2001-12-29T12:50:42.528+01:00
Ort 14.440551° N, -17.01712° O, Level 18
Pfeil 315°



Ich verstand kein Wort, aber die Kellnerin war noch lange nicht mit mir fertig. Sie pinselte mit ihrem Bartuch meine Nase, kniff mir in die Backen und erzählte irgendetwas von „rafet“, was soviel wie hübsch hieß, und meinte, ich müsste mich schon ranhalten, wenn ich „travaille, travaille“ wollte, mit den sexy Frauen, die es hier gab. Abgesehen von einem blöden Grinsen hatte ich ihr nichts entgegenzusetzen und ihr war egal, dass ich sie nicht verstand. Ich hatte mich mit meinem Kater zu weit hinausgelehnt und die Kellnerin zeigte mir, was dazu gehörte, in Afrika ein Großmaul zu sein. Sie wusste, wie man sich in einer Gesellschaft von Maulhelden und Nichtstuern behauptete, und war dazu übergegangen, mir rabiat und voller Hohn den Hof zu machen.
„Gourgoulou“ nannte sie mich, setzte sich auf meinen Schoß und meinte mit schmelzender Stimme: „Dama bëgg takk, sama Gourgoulou!“
Papiz lachte sich schief. „Du musst sie heiraten, Gourgoulou!“, prustete er und ahmte beim Wort Gourgoulou ihre gurrende Honigstimme nach.
Die Kellnerin hatte sich inzwischen erhoben und gab zur Abwechslung die strenge Stammesmutter, die kritisch meine Hände musterte. Sie verkörperte hier

Zeit 2001-12-29T12:50:42.528+01:00
Ort 14.440551° N, -17.01712° O, Level 18
Pfeil 315°



oscarreif ihren ganzen Clan und ich war wehrlos. Erdrückt von einer Frau mit der Kraft einer ganzen Familie.
„Was sind denn das für Kinderhände!“, schimpfte sie. „Musst du nichts arbeiten zu Hause? Männer haben bei uns Männerhände. Oder sie sind Faulpelze!“
Sie stand vor mir und fuchtelte mit ihrem erhobenen Zeigefinger drohend vor meiner Nase. „Und wer faul herumsitzt, kriegt keine gute Frau.“
Papiz brüllte vor Lachen und unterstützte der Kellnerin nach Kräften, die Highlights ihrer Bosheiten übersetzte er für mich.
Schließlich fanden die Franzosen, dass ich genug Spaß gehabt hatte, und bestellten mehr Drinks. Die Kellnerin ließ von mir ab und nahm einen der Franzosen in die Mangel. Er hatte blondierte Locken und hielt sich für smart. Das hatte sie ihm abgeräumt, bevor er das erste Mal den Mund aufmachen konnte.
„Ñu ngi dem,“ meinte Papiz grinsend. „Wir holen Gaucher ab.“

Zeit 2001-12-29T13:30:42.403+01:00
Fahrt 14.44154,-17.01441;14.44152,-17.01454;14.44126,-17.01474;14.44112,-17.01469;14.441,-17.0147;14.44092,-17.01477;14.44088,-17.01489;14.44092,-17.01499;14.441,-17.01506;14.4411,-17.01507;14.44118,-17.01505;14.44123,-17.01507;14.44166,-17.01559;14.44225,-17.01634;14.44267,-17.01688;14.44298,-17.01726;14.44324,-17.01743;14.44375,-17.01766;14.44421,-17.0179;14.44461,-17.01812;14.44494,-17.01837;14.44533,-17.01868;14.44616,-17.01931;14.447,-17.01993;14.44742,-17.02029;14.44789,-17.02069;14.4485,-17.02114;14.44936,-17.02178;14.44977,-17.02207;14.45008,-17.02228;14.45083,-17.02279;14.45111,-17.02301;14.4515,-17.02348;14.45183,-17.02398;14.45226,-17.02474;14.45239,-17.025;14.45245,-17.02523;14.45245,-17.02537;14.45229,-17.026;14.45085,-17.03103;14.44954,-17.03096 Level 17
Pfeil 45°

Gaucher

Das Hauptquartier der A.S.A. lag direkt hinter dem zentralen Kreisverkehr von Saly zwischen der Bank und King Karaoke. Davor saß Gaucher, der meines Wissens nach einzige politische Gefangene im direct marketing-Bereich, und wartete auf uns. Seine Erscheinung passte ebenso gut zu einem Halsabschneider wie zu einem brillanten Marketingstrategen und neben ihm sahen Papiz und ich aus wie der Marshmallow-Mann und sein Freund, das schlaffe Baguette. Gaucher war ein drahtiger Hüne mit riesigen Zähnen, seine Nase war lang und flach und er redete im scharfen Ton eines Schleifers beim Militär. Er und Papiz saßen hinten in meinem Wagen und ich fuhr sie zu einer Lagebesprechung bei L'Homme Tranquille. Ich hatte alle Mühe, den Wagen auf der Straße zu halten – gleich zu Beginn unserer Fahrt wären wir um ein Haar von einem Konvoi aus Geländebussen von der Straße gestanzt worden, die aus einer der Hotelausfahrten rasten, ohne auf irgendeinen Verkehrsteilnehmer zwischen hier und ihrem Reiseziel „Abenteuerwelt Sine Saloum“ Rücksicht zu nehmen. Mir war übel und ich hasste mich für meine freundliche Bereitschaft, jedem im Senegal, der mir seine Sorgen erzählte, meinen Wagen anzubieten.

Zeit 2001-12-29T14:00:11.999+01:00
Ort 14.449096° N, -17.030906° O, Level 18
Pfeil 45°

Die Partylöwen des Widerstandes

In L'Hommes konspirativem Restaurant hatten sich bereits einige Leute eingefunden. Wir betraten das luftige Haus von seiner unattraktiven Rückseite her. Auf der Terrasse waren einige Schwarze versammelt und Gaucher begann, ohne Einleitung seine Instruktionen zu geben. Ich setzte mich etwas abseits in den Schatten und hielt mich raus. Mir brummte der Schädel und die Ruhe des abgeschiedenen Hauses tat mir gut. Es hatte mir schon bei meinem ersten Besuch gefallen. Die Architektur war klar und sparsam, der Lebensraum ging unmittelbar in die Natur über und lag dem verwilderten Strand einer Bühne gleich gegenüber. Umgeben von einem stacheligen Wall aromatischer Hecken war das Gebäude ein Relikt. Ich konnte mir gut vorstellen, wie die Aura des dichtenden Präsidenten der jungen Republik in den frühen 70er Jahren Künstler und Utopisten in den Senegal gelockt hatte, die sich hier, in Afrika – dem wahrhaft neuen Kontinent, der Wiege der Menschheit – ihre Träume verwirklichen wollten; von der Musik inspiriert, der Malerei erlegen, im Einklang mit den klaren Formen. Leute, die an einen wilden Strand ein Haus bauten, wie es in Europa niemals stehen konnte, hier lebten, kifften

Zeit 2001-12-29T14:00:11.999+01:00
Ort 14.449096° N, -17.030906° O, Level 18



und – was weiß ich – Briefmarken entwarfen oder Jazz hörten.
Heute lag das Lufthaus längst verschwundener Träumer in einer Art Niemandsland. Es gab keinen Strom, Saly Hotel Ville war noch nicht weit genug gewuchert, um Appetit auf dieses Juwel zu bekommen, und in unserer nüchternen Zeit war es dem durchschnittlichen französischen Zweitwohnsitzer wohl doch etwas zu exzentrisch. Also diente es L'Homme als malerische Widerstandszentrale gegen die Interessen inter- nationaler Investoren, die Fischer zu Obdachlosen und Restaurantbesitzer zu Rebellen machten. Wie es aussah, saßen hier die wenigen Leute zusammen, die sich nicht anstellen oder vertreiben lassen wollten, sondern versuchten, in ihrem Land auf ihre Weise Geschäfte zu machen. Und dazu organisierten sie eine Party, um genug Geld für weitere widerspenstige Aktivitäten zu haben. Das gefiel mir. Außerdem war ich gespannt, den titelgebenden Helden dieses leichtfüßig anmutenden Existenzkampfes kennenzulernen. L´Homme Tranquille – den stillen Mann.
Die Leute des stillen Mannes rissen mich schließlich mit einigem Lärm aus meiner Träumerei;

Zeit 2001-12-29T14:00:11.999+01:00
Ort 14.449096° N, -17.030906° O, Level 18



ein heftiger Streit war entbrannt. Zwei Gruppen hatten sich gebildet, die ohne Freundlichkeit und mit beachtlicher Lautstärke aufeinander einredeten. Der einen Gruppe gehörten Gaucher, ein großer Kerl, der vermutlich sein Bruder war, Papiz und ein sehr schmaler, zurückhaltender Mann in einem bescheidenen Anzug an. Die andere Gruppe setzte sich aus unterschiedlichen Figuren zusammen, die mich an die Verkäufer und Keiler am Strand erinnerten. Heftig gestikulierend wurden Reden gehalten, keiner hörte dem anderen zu, keiner sprach den anderen direkt an und schließlich wurde es still zwischen den Parteien. Gaucher stand da und schwieg. Ein großer Schwarzer mit Rastas – er schien der Hauptredner seiner Gruppe zu sein – sah ihn erwartungsvoll an. Nichts geschah. Nach etwa zwei Minuten trollte sich die Truppe des Rastatypen.
Papiz kam zu mir herüber und setzte sich im Schatten auf eine einfach gezimmerte Bank. Der Schweiß stand ihm in dicken Perlen auf der Stirn, er wirkte müde und dunstete Alkohol aus.
„Scheißdreck. Gaucher hat diese Leute für das Silvesterfest engagiert. Sie sollten in der Küche arbeiten, servieren, Musik machen – mithelfen eben.

Zeit 2001-12-29T14:00:11.999+01:00
Ort 14.449096° N, -17.030906° O, Level 18



Jetzt war Gaucher im Gefängnis und sie sagen, es sei gefährlich, für ihn zu arbeiten.“
„Warum?“
„Es ist nicht gefährlich. Sie erzählen bullshit, weil sie mehr Geld wollen.“
„Ich dachte, L'Hommes Leute wären solidarischer.“
Papiz sah mich an. „L'Hommes Leute?“
„Na ja, die hier eben gegen seine Enteignung kämpfen.“
Papiz setzte ein höhnisches Grinsen auf. „Ach, so. Égalité, Fraternité, L'Homme Tranquillé!“ Er hatte seine massige Faust in die Luft gerissen. „Ist es das, was du meinst?“
„Vielleicht bin ich ja dumm, aber es wäre doch logisch, wenn die, die von den Hotels vertrieben und übervorteilt werden, gemeinsame Sache machen, oder?“
„Logisch wäre das schon. Aber sie lassen uns nicht genug Business für Solidarität. Das ist der Trick. Solidarisch oder nicht, hier haben immer nur zwei von fünf was zu beißen – also streiten wir und sie haben ihre Ruhe.“

Zeit 2001-12-29T14:30:13.033+01:00
Ort 14.449096° N, -17.030906° O, Level 18

Teilen und herrschen

Teilen und herrschen. Susanne hatte mir davon erzählt. Gaucher und der Rest seiner Truppe zogen sich ins Haus zurück, Papiz erhob sich schwerfällig und wir folgten ihnen. Die Halle war trotz ihrer offenen Anlage angenehm kühl, Gaucher stand in der Mitte des Raumes und starrte eine verrostete Dose an, die vor ihm am Boden lag. Der Mann, der aussah wie sein Bruder, lümmelte lang ausgestreckt auf einem wackeligen Sessel, in einer Ecke kramte der unscheinbare Typ in seiner Hosentasche. Die Partylöwen des Widerstandes hatten offenbar Motivationsprobleme, nachdem sich das Team halbiert hatte. In Österreich hätte ich ziemlich genau jetzt mit dem Vorschlag gerechnet, die Sache einfach bleiben zu lassen – schließlich gab es genug andere Sachen, die man machen konnte. Papiz stand unschlüssig zwischen mir und der Gruppe, niemand sagte etwas. Es war eine unangenehm intime Szene und ich fühlte mich nicht gut dabei, den Leuten sogar bei ihrem Scheitern auf die Pelle zu rücken.

Zeit 2001-12-29T15:00:37.468+01:00
Ort 14.449096° N, -17.030906° O, Level 18

Sicherheit

Schließlich brach der unscheinbare Mann das Schweigen. Er machte sich mir als Mamebirane bekannt und reichte mir seine Karte, die ihn als Leiter des „Centre du Bonsai Baobab/ Saly“ auswies. Eine Beschäftigung, die gut zu ihm passte. Er war sehr freundlich, sprach für einen Senegalesen ungewöhnlich leise und schien die geordnete Förmlichkeit der gegenseitigen Vorstellung zu genießen. Hände wurden geschüttelt, der Mann, der aussah wie Gauchers Bruder, stellte sich als Gauchers Bruder Omar vor, Freundlichkeiten wurden ausgetauscht, das Befinden der Familien abgefragt und langsam kam wieder Bewegung in die Gruppe. Gaucher erwachte wie aus einem Wachtraum und setzte alle darüber in Kenntnis, dass ich meinen Wagen für den Transport zur Verfügung gestellt hatte. Mamebirane tat sehr beeindruckt und bedankte sich vielmals, Omar schüttelte mir nochmals mit ernster Miene die Hand und Gaucher machte sich daran, die Aktion neu zu planen. Die Stimmung war wieder bestens, die Truppe hatte sich in Schwung geredet. Wir waren immer noch viel zu wenige, um ein großes Fest zu organisieren, aber dem Gespräch kam im Senegal scheinbar eine große Bedeutung zu. Die simple

Zeit 2001-12-29T15:00:37.468+01:00
Ort 14.449096° N, -17.030906° O, Level 18



Tatsache, dass man etwas besprochen hatte, wurde als wesentlichster Schritt zum Erfolg angesehen. Mehr Sicherheit über ihre Geschäfte konnten die Leute hier ohnehin nicht gewinnen.

Zeit 2001-12-29T16:30:02.455+01:00
Ort 14.449096° N, -17.030906° O, Level 18

Warten

Den Rest des Nachmittags hatten Papiz und ich wartend verbracht. Gaucher hatte sich rasch wieder auf die explosive Betriebstemperatur eines Marketingstrategen und Halsabschneiders hochgequatscht und die Aufgaben neu verteilt: Assane sollte informiert werden, um Verstärkung zu organisieren, Mamebirane würde Musiker auftreiben und schließlich musste L'Homme gefunden werden, der offenbar verschwunden war. Alle hatten eifrig durcheinandergeredet und am frühen Nachmittag hatte sich unsere kleine Versammlung aufgelöst, ohne dass auch nur einer von uns gewusst hätte, was als Nächstes geschehen sollte. Alles, was ich wusste, war, dass in Dakar das Begräbnis von Léopold Sédar Senghor stattfand, und wir Assane bestimmt nicht erreichen würden. Also hatten wir begonnen zu warten. Wir warteten, bis man Senghor unter die Erde gebracht hatte, wir warteten auf L'Homme, wir warteten, bis jemand sagte, „Fahrt dahin und holt dies“ oder „Kommt mit, wir machen jenes“ und nebenbei warteten wir auch darauf, dass die Zeit verging und unsere Kopfschmerzen mitnahm.

Zeit 2001-12-29T17:30:14.755+01:00
Ort 14.449096° N, -17.030906° O, Level 18

L'Homme Tranquille

So war es Abend geworden und wir saßen in der Halle des luftigen Hauses, das Licht schwebte mild im Raum. Der Boden war rau, es gab keinen Schmuck und bei aller Schönheit hatte das Haus eine Strenge, die es fast unbewohnbar machte. In diesem Raum ein Abendessen einzunehmen, war vermutlich nur im Rahmen eines Theaterstücks möglich. Die Akteure, die hier einst ihr Aussteigerleben gespielt hatten, waren allerdings längst verschwunden und die Eidechsen hatten das Haus erobert. Als lebende Ornamente saßen sie auf den schlanken Säulen und nutzten die letzten Sonnenstrahlen. Ohne erkennbare Ordnung standen einige rostige Stahlrohrsessel herum, Skeletten ähnlich, die in der Wüste lagen. Für die aktuellen Bewohner des Eidechsenhauses hatten sie keine Funktion oder Bedeutung. Sie waren Fossilien und standen in keinem Verhältnis zu dem nomadischen Leben, das hier Quartier genommen hatte. Wir saßen am Boden, der flüchtige Rauch des Grills war wirklicher als das Haus, durch das er zog. Papiz inszenierte hier nichts. Er heizte ein selbst gebasteltes Stövchen an. Eine Eidechse huschte durch den Raum, weiter hinten im Haus war irgendeine Tätigkeit in Gang gekommen.

Zeit 2001-12-29T17:30:14.755+01:00
Ort 14.449096° N, -17.030906° O, Level 18



„Papiz, mein Freund!“
Aus dem Dunkel des Hauses fegte ein alter Schwarzer in die Halle, der einen Korb voll Fisch schwenkte wie eine Trophäe. Sein Haar war weiß und stand in alle Richtungen von seinem Kopf ab, sein Gesicht war ein bewegtes Meer aus Falten, weiße Bartstoppel umstanden seinen Mund. „Ça va, mon cher. Überall Sonne? Mhh, du altes Fass – wie du duftest! Ich würd mich auf dich stürzen, wenn ich einen Rock anhätte! Hihi, what do we have, what have we got ...“
Der Alte plapperte unablässig wie ein Verrückter, Papiz hatte sich umgedreht und schüttelte ihm die Hand. Während die beiden einander begrüßten, zwinkerte mir der Alte immer wieder zu und schnitt verrückte Grimassen. Als er mit Papiz fertig war, wandte er sich abrupt an mich und starrte mich an, als hätte er mich noch nie gesehen.
„Meine Güte“, rief er entgeistert, „ein Gast!“. „Was machen wir da? Na nga deff? Wunderbar? Marvellous? Ich weiß, was wir tun! Ganz wie in Dakar legen wir Senghor auf Eis. Genug für drei Knaben, zu wenig für Abdulaye Wade! What do you think, what do you say?“
Er hatte in vier verschiedenen Sprachen zu mir

Zeit 2001-12-29T17:30:14.755+01:00
Ort 14.449096° N, -17.030906° O, Level 18



gesprochen und ich hatte kein Wort verstanden.
„Pardon?“
„Pardon, pardon – die Linke wäscht die Rechte – pardon ... Wie sieht's aus, offener Mund? Ein Bier?“
Ich klappte den Mund zu. Die Augen des Alten waren lebhaft und seine Blicke huschten auf meinem Gesicht umher wie Wiesel. Wenn ich ihn für verrückt hielt, hielt er mich für stumpfsinnig.
„Ja, gern.“
„Ja, gern! Allez – einmal Senghor macht 40.000 CFA, mein Freund – sonst kommt nichts zusammen.
Der Alte war lachend in die unbeleuchtete Tiefe des Hauses zurückgekehrt, wo er scheinbar Bier versteckt hatte.
„Wer ist das denn?“, fragte ich Papiz vorsichtig.
„Das? Das ist L'Homme Tranquille!“

Zeit 2001-12-29T18:30:26.183+01:00
Ort 14.449096° N, -17.030906° O, Level 18

Senghor on the Rocks

Ich war verwirrt. Ich hatte eine Ikone des Widerstandes erwartet, einen Che Guevara des Village Indigène von Saly. Der stille Mann – wie das schon klang. Aber L'Homme war eher der verschollene siebente Marx Brother.
„Die Menschen lieben L'Homme. Er ist ein großer Entertainer“, meinte Papiz lächelnd. „Und ein hervorragender Koch.“
Im Hintergrund klimperte und rumorte der große Koch und Entertainer auf der Suche nach Bier.
„Und wieso legen wir Senghor auf Eis?“
Papiz lachte. „L'Homme ist unglaublich. Er muss sich über alles lustig machen ... Früher hat man bei uns zu einem großen La Gazelle ‚Senghor’ gesagt. Und na ja“, Papiz kicherte wie ein Schulbub, „in Dakar liegt unser alter Präsident jetzt wohl auch schon eine Weile auf Eis wegen der ganzen Streiterei. Wie bei L'Homme das Bier eben.“
L'Homme schoss zurück in die Halle, er tauchte aus der Dunkelheit auf wie ein Haubentaucher aus dem Wasser. Er hatte uns einen verbeulten Blechkübel mitgebracht.
„We grill, Messieurs! Fisch, gegrillt! Fisch gegrillt und mit Sauce Njama Njama! Wie heißt du, mein Freund!?“

Zeit 2001-12-29T18:30:26.183+01:00
Ort 14.449096° N, -17.030906° O, Level 18



„Chi ...“
„Chi!? Chi Cha Chong!? Du bist blass für einen Chinesen! Ich werde dir ein Geheimnis verraten, blasser Chi-nese: Ich bin nicht L'Homme Tranquille. Ich bin L'Homme ne pas Tranquille!
Mit diesen Worten knallte er den Blechkübel vor mir auf den Boden, Bierflaschen klingelten auf zerstoßenem Eis.
„Senghor on the Rocks! Santé!“

Zeit 2001-12-29T19:30:16.873+01:00
Ort 14.449096° N, -17.030906° O, Level 18

Chi-nese Chi

Papiz und ich nahmen auf L'Hommes Geheiß an einem Tisch im Freien Platz und nuckelten im unruhigen Schein einer Kerze zögerlich an unseren Bieren. Nach der gestrigen Pastis-Folter kam keine richtige Saufstimmung auf. L'Homme hingegen hatte bereits während des Kochens ordentlich zugelangt. Nach Vollendung seiner geheimen und köstlichen Sauce Njama Njama schlingerte er mit dem Essen und einem weiteren Kübel voll Bier und Eis heran und servierte unser Abendessen mit der Grazie einer Gliederpuppe in einem Wirbelsturm.
Vielleicht war L'Homme betrunken und albern, aber er war ein Künstler. Der Fisch sah aus wie der, den die kleine Frau gegrillt hatte, und auch die Sauce schien sich nicht von einer herkömmlichen Senfzwiebelsauce zu unterscheiden, wie man sie hier praktisch überall und zu allem bekam. Aber der erste Bissen überzeugte mich davon, dass L'Homme eine Gabe besaß. Es gab Andreas Herzog und es gab Luís Figo. Es gab Herbert Grönemeyer und es gab Mike Patton. Es gab meinen alten Henning und es gab Peter Pau. Das ungefähr war die Größe des Unterschiedes zwischen dem, was es sonst hier so gab, und dem, was L'Homme serviert hatte. Der Träger dieser Gabe saß mit vollgekleckerter Hose

Zeit 2001-12-29T19:30:16.873+01:00
Ort 14.449096° N, -17.030906° O, Level 18



und verschlissenem Leibchen vor mir und kommentierte jeden seiner Bissen mit dem Satz: „Schmeckt Njama Njama! – darum: Sauce Njama Njama.“ Papiz sprach auf Wolof mit dem verwirrten Meister und ich genoss schweigend: Auch der Fisch trug zur Vollkommenheit des Gerichtes bei. Vom Rückgrat aus verlief je eine Reihe Gräten nach oben und nach unten, bei den Flossen fanden sich kleine, übersichtliche Büschel von Gräten, die sogar ich mit einem Griff entfernen konnte. Es war der optimale Toubab-Fisch und er schmeckte fantastisch.
„Dorat“, erklärte Papiz mit vollem Mund. „Sehr gut.“
Ich nahm einen Schluck Bier und erzählte von meinem ersten Fischerlebnis im Senegal.
„Ouiii“, machte L'Homme. „Jigeen bi mokke podj!“
Papiz prustete.
„Was bedeutet mokke podj?“
L'Homme tobte vor Lachen. „Mokke podj, mokke podj“, gackerte er, warf mir unverschämte Blicke zu und wackelte mit seinen dürren Hüften.
Papiz ging die Sache etwas gefasster an und meinte kichernd: „Mokke podj ist eine Frau, die gut ist für ihren Mann.“
„Aha. Und was ist dann Gourgoulou?“

Zeit 2001-12-29T19:30:16.873+01:00
Ort 14.449096° N, -17.030906° O, Level 18



L'Homme war außer sich. Mein chi-nesischer Humor war eindeutig zu viel für ihn, jedenfalls hätte ich sonst was sagen können – er lachte hysterisch und hatte seinen Spaß. Aber sein Gelächter war ansteckend. Wieder so eine Gabe. L'Homme lachte und jeder lachte. Papiz hatte entsprechende Mühe, eine artikulierte Erklärung zum Thema Gourgoulou abzugeben, und auch ich wand mich inzwischen auf meiner Bank. Ich hatte den Mund voll Fisch und die Blase voll Bier und ich fühlte mich wie ein Sechzehnjähriger mit einem Lachkrampf vom Pot-Rauchen.
Gourgoulou, führte Papiz schnaufend aus, war der Held einer Fernsehserie, ein dicklicher Tölpel mit einem roten Fes, der immer versuchte, alles zur Zufriedenheit seiner monsterfetten Frau Ćen zu erledigen, und natürlich immer alles verbockte. L'Homme war aufgesprungen und unterstützte Papiz Vortrag mit einer pantomimischen Darstellung von Gourgoulou und Ćen. Er riss seine Augen auf, bis sie fast aus ihren Höhlen purzelten, stolzierte mit aufgeblähten Backen umher und demonstrierte alle wichtigtuerischen Aktivitäten des verkörperten Gourgoulou, die abrupt endeten, als sich der dürre L'Homme in die fette Ćen

Zeit 2001-12-29T19:30:16.873+01:00
Ort 14.449096° N, -17.030906° O, Level 18



verwandelte, die ihrem Mann mit einem Elan den Kopf wusch, der sogar die Kellnerin vom Vormittag als anschmiegsames Kätzchen erscheinen ließ. L'Homme sah aus wie der magersüchtige Bruder von Louis Armstrong auf Speed und obwohl ich Mühe hatte, mir nicht in die Hosen zu pissen vor Lachen, war die überdrehte Posse ziemlich traurig. Da saßen sie, L'Homme und Papiz, enteignet, hoffnungslos und versoffen und lachten, als wären sie hier die Urlauber und romantischen Flaneure.
L'Homme setzte sich wieder und fragte mich unvermittelt: „Du kannst sie nicht vergessen, Chi-nese, was?“
„Pardon?“
„Pardon, pardon – die Linke wäscht die Rechte – pardon ... die Frau natürlich.“
„Ja“, sagte ich, „Du hast recht.“
„Natürlich habe ich recht! Ich kenne mich aus mit Frauen. Sie setzen sich in deinen Kopf und da sind sie dann. So ist das.“
Ich lächelte. „Ja, so ist das.“
„Gib acht, Chi-nese Chi. Eine Frau ist nie allein im Senegal. Sie hat eine Mutter, vier Brüder, sechs Schwestern, acht Tanten und einen Vater. Zusammen sind das mehr Flüche, als ein großer, blasser Chinese vertragen kann.“

Zeit 2001-12-29T19:30:16.873+01:00
Ort 14.449096° N, -17.030906° O, Level 18



„Hab ich mitgekriegt.“
„Ah ja?! Das hast du mitgekriegt? Wie Chi-nese Chi? What do you think, what do you say?“
Also erzählte ich ihnen die ganze Geschichte. Ich erzählte L'Homme und Papiz, wie es nach dem Fisch weitergegangen war. Ich erzählte von der Kirche, vom Tanz, dem Kuss, den Tanten und dem Geld.
„Du bist ein stürmischer Chi-nese, Chi“, meinte L'Homme, als ich zum Ende gekommen war.
„Was wirst du machen?“, fragte Papiz.
„Ich weiß es nicht.“
„Und ich weiß es schon, Chi-nese Chi. Du wirst heimfahren und sie vergessen.“

Zeit 2001-12-29T21:30:27.429+01:00
Ort 14.441397° N, -17.016733° O, Level 18
Pfeil 225°

Kredit

Papiz und ich hatten L'Homme bei französischen Freunden abgeliefert, die er für seine Party gewinnen wollte, und hörten ihn noch ein ganzes Stück die Straße hinunter lachen und johlen. Er war wieder voll in Fahrt gekommen und mühte sich redlich, seine Rekrutierungsmaßnahmen, mit denen er seine Party vorbereitete, als einen riesigen Spaß erscheinen zu lassen. Das Problem aber war, dass jeder in Saly eine Silvesterparty gab. Also war um jene Gäste, die sich aus den Hotels hinauswagten, oder die selbst ein Ferienhaus in Saly besaßen, ein regelrechter Entertainmentkampf entbrannt. „Come see me shop, come see me shop“ reichte in diesem Fall nicht mehr. Man musste die Leute mit aller Kraft überzeugen, dass sie nirgendwo ein besseres Fest erleben würden. Auch wenn man keinen Anwalt zu bezahlen hatte, war das Geschäft zu Silvester existenziell wichtig. Schaffte man so viele Gäste ran, wie man versorgen konnte, hatte man eine rosige Zukunft vor sich. Vier gesicherte Wochen, vielleicht sogar sechs. Wenn nicht, saß man auf einem Haufen verrotteter Hummer und tat gut daran, die Stadt zu verlassen. Kredit gab es dann bei niemandem mehr.

Zeit 2001-12-29T22:00:21.282+01:00
Ort 14.441397° N, -17.016733° O, Level 18
Pfeil 225°

FIFA 2000

Papiz und ich gingen eine gesichtslose Straße entlang auf eine fahle Insel aus Neonlicht zu – das Tele Centre des Village Indigène. Es bestand aus Wellblech, Karton und Hasendraht und klebte an einem einstöckigen Gebäude, in dem der Bürgermeister des Village Indigène von Saly lebte. Von den drei Sprechkabinen war nur eine in Betrieb und es hatte sich eine Traube von Leuten vor dem Centre gebildet. Trotzdem mussten wir nicht warten. Eine gelangweilte junge Frau bedeutete uns einzutreten und betätigte den Zählerknopf. Das lag nicht etwa daran, dass ich Weißer war und bevorzugt behandelt wurde. Die Leute interessierten sich einfach nicht für das Telefon. In einem grell beleuchteten Extrazimmer – der geschäftstüchtige Bürgermeister hatte eigen in sein Stiegenhaus durchbrechen lassen, um genug Platz zu schaffen – befand sich die eigentliche Sensation des Centre: eine Play Station. Für wenige hundert CFA konnte man an FIFA 2000-Turnieren teilnehmen und kleinere Geldbeträge gewinnen. Die meisten Leute hier waren aber nur Zaungäste und gingen der gelangweilten Tele Centre Frau auf die Nerven. Papiz zwängte sich in die Kabine und rief bei Yadikon an, um Assane über den Stand der Dinge zu

Zeit 2001-12-29T22:00:21.282+01:00
Ort 14.441397° N, -17.016733° O, Level 18
Pfeil 225°



informieren. Alles, was ich zu tun hatte, war, die Sicht auf den Bildschirm nicht zu verstellen. Das grelle Licht der Neonröhren schmerzte in meinen Augen und um mich drängte und schob ein Durcheinander jugendlicher Köpfe, Arme und Schultern, ein Geflecht von jungen Körpern, hin und her strömend im Sog der Spielkonsole. Für die Jungen hier war es offenbar normal und akzeptabel, ihre Zeit in Knäueln zu verbringen. So lebten sie, so aßen sie, so warteten sie. Dicht an dicht, ständig auf Tuchfühlung miteinander. Ich gehörte nicht in diesen Organismus.
Im Inneren der Kabine sprach Papiz in einem ungewohnt aufgeregten, blubbernden Wolof und was auch immer er mit Assane verhandelte, es machte ihn nicht glücklich. Schließlich schob er die Türe der Kabine auf und der Knäuel aus schwarzen Jungs kullerte in Richtung der Telefonfrau. Einer der Burschen stieß ihren Bleistifthalter um und es gab eine ordentliche Szene. Die junge Frau war hübsch wie fast alle Frauen hier und zeigte, wer im Centre der Chef war. Es nützte ihr nur nichts.

Zeit 2001-12-29T22:30:36.981+01:00
Ort 14.441101° N, -17.018219° O, Level 18
Pfeil 135°

Jeder gegen jeden

„Und – alles ok in Dakar?“, fragte ich Papiz, als wir wieder draußen waren.
„Ja, ja, alles ok.“
Papiz ging bedrückt neben mir her. Es war dunkel, die Straße war voll fauliger Pfützen – Ziegenpisse, Abwasser, Blut – wer konnte es wissen. Ich hielt meine Blicke am Boden und trat nur auf jene Stellen, die im Mondlicht hell und trocken aussahen.
„Was ist los, Papiz?“
„Ich wollte, dass Assane morgen kommt, um uns zu helfen. Aber er will nicht.“
„Das sieht ihm nicht ähnlich.“
Papiz seufzte. „Er ist sauer auf uns. Er hat uns Geld organisiert und jetzt denkt er, L'Homme hat alles verbockt. Er meint, wir sollen uns allein aus der Scheiße ziehen. Aber L'Homme ist kein Geschäftsmann. Er braucht jemanden wie Assane, der das Business versteht.“
„Was ist mit Gaucher?“
„Gaucher hat sein eigenes Restaurant, seinen eigenen Sohn, seine eigene Frau. Im Grunde sind er und L'Homme Konkurrenten, seit es das maison culturelle nicht mehr geben kann.“
Die Lage war recht kompliziert. Papiz und L'Homme wollten offenbar, dass Assane das Chez L'Homme

Zeit 2001-12-29T22:30:36.981+01:00
Ort 14.441101° N, -17.018219° O, Level 18
Pfeil 135°



Tranquille managte, weil sie sonst keine Chance sahen, sich in Saly zu halten. Gaucher hingegen half L'Homme, obwohl er kein großes Interesse an blühenden Geschäften des verrückten Koches und Entertainers haben konnte. Noch weniger Interesse schien er aber daran zu haben, sich mit Assane einen wirklich ernsthaften Mitbewerber ins Nest zu setzen. Vielleicht half er L'Homme ja nur, weil er wusste, dass der verrückte alte Mann ohne Assanes dauerhafte Hilfe keine Chance haben und aus Saly verschwinden würde. Vermutlich war es so, wie Papiz gesagt hatte. In Saly arbeitete jeder gegen jeden, obwohl alle in einem Boot zu sitzen schienen.
„Gehen wir irgendwo was trinken.“
„Wir können L'Homme bei Madame Mariani besuchen. Da gibt's bestimmt nicht zu wenig zu trinken.“

Zeit 2001-12-29T23:00:05.428+01:00
Ort 14.441818° N, -17.019657° O, Level 18
Pfeil 135°

Madame

Madame war ein Fiasko. Sie war Mitte fünfzig, ihr blondiertes Haar war hochgesteckt und hing wie fette Nudeln um ihr Gesicht. Ihre Augen sahen aus gut dreißig Jahren Alkoholismus zu uns auf, ihre schlaffen Brüste hingen halb aus einem Negligé, das aussehen sollte, als wäre es aus Satin, vermutlich aber aus Regenschirmseide war. Papiz griff sie zur Begrüßung in den Schritt und murmelte: „Ça va, mon grand“. Ich kam mit einem „Bonsoir, belle baguette“ davon.
Das Haus Mariani lag in der Nähe meines Campements und war eines der privaten Ferienhäuser, die hier von Franzosen gebaut worden waren. In Hotel Ville selbst gab es auch für französische Privatbauherren keine Parzellen, die schwarzen Fischer, Schnitzer und Gigolos des Village Indigène noch ein bisschen weiter zu verdrängen, war aber offenbar kein Problem. Die Gigolos waren in diesem Kampf um die petite côte naturgemäß die standhaftesten Schwarzen im Village Indigène; sie ließen sich nicht vertreiben – sie zogen ganz einfach in die neuen Häuser ein. In Madames Fall war es ein etwa 25-jähriger Bursche, der mit provokantem Blick an einem Tisch im winzigen Garten saß. Neben ihm hing L'Homme in einem Sessel und sang, etwas

Zeit 2001-12-29T23:00:05.428+01:00
Ort 14.441818° N, -17.019657° O, Level 18
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abseits saß ein vielleicht 30-jähriger Weißer, vermutlich Madames Sohn. Er hatte Schuppen und sah wenn möglich noch beschissener aus als seine Mutter: bleich, pickelig und mit der Ausstrahlung eines räudigen, tollwütigen Rehpinschers. Im Gegensatz zur Jammergestalt ihres leiblichen Sohnes war der Lover offenbar der fleischgewordene Traum jeder versoffenen Mittfünfzigerin. Er saß lässig und präpotent hingefläzt in seinem Gartensessel, die verstärkten Schultern einer bombastischen Lederjacke überragten seine schlanke Gestalt und ließen seinen Kopf klein erscheinen. Sein Haar trug er zu dornenartigen Minirastas gedreht, seine Augen leuchteten rot vom Dope, den Tabletten, dem Schnaps und was Madame sonst noch zu bieten hatte. Er grinste Papiz an wie eine Hyäne und goss sich ein Wasserglas mit Gin voll. BEST stand auf dem Etikett.
Madame wuchtete sich in einen Liegestuhl, ihr grau-schwarzer Busch lag entblößt vor uns. Entweder merkte sie es nicht oder es war ihr egal. L'Homme sprang auf und stürzte um Haaresbreite in eine Plastikwanne, die so etwas wie ein Pool sein sollte. Er hatte uns erst jetzt erkannt.
„Papiz! Stürmischer Chi-nese! Wie gut, dass ihr kommt! Wir haben ein Fest!"

Zeit 2001-12-29T23:00:05.428+01:00
Ort 14.441818° N, -17.019657° O, Level 18
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Er war jetzt ernsthaft voll. Die Gigolohyäne hatte ihn reichlich mit Fusel versorgt und L'Homme war nicht mehr in der Lage, eine traurige Katastrophe von einem Spaß zu unterscheiden.
Der Sohn erhob sich mürrisch, auch er hatte seine eigene Gin-Pulle und murmelte etwas wie: „Jetzt kommen da noch mehr Nigger saufen“, worauf hin er verschwand.
Die allgemeine Meinung war offenbar, dass er das nicht gesagt hatte, und ich hatte keinen Grund, ihn dafür zu vermöbeln. Mich hatte er bestimmt nicht gemeint.
„Ça va Papiz“, gurgelte der Gigolo. „Gin?“
„Gerne.“
Der Gigolo schlurfte ins Haus, offenbar war es hier Sitte, BEST nur in Flaschen zu reichen. L'Homme lag inzwischen im Gras und sang wieder, ein Mal lachte Madame sogar über ihn.
„Ça va“, sagte der Gigolo beiläufig zu mir, als er eine Flasche mit zwei Gläsern vor uns auf den Boden stellte. Dann begann er, auf Wolof mit Papiz zu sprechen. Beide tranken zügig, ich hatte nach dem ersten Schluck genug. Madame kratzte sich an der Scham und grölte zu ihrem Boy hinüber, er solle nicht in dieser verdammten Sprache reden, sie

Zeit 2001-12-29T23:00:05.428+01:00
Ort 14.441818° N, -17.019657° O, Level 18
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verstehe kein Wort. Also sprachen Papiz und Ras, wie sich der stachelige Rammler nennen ließ, leise auf Französisch weiter. Papiz versuchte, ihm eine fixe Zusage für L'Hommes Party abzuschwatzen, aber Ras verlangte dafür mehr, als Madame und ihr räudiger Sohn als All-inclusive-Preis für den Abend zu zahlen hatten. Madame verstand nichts von dem Geflüster der beiden und L'Hommes Gesang oder Geschrei oder wie man es nennen wollte ging ihr offenbar auf die Nerven, also brüllte sie: „Was ist Ras? Au travaille, au travaille!“
Papiz und Ras machten rasch den Handel klar – Ras würde gratis essen und den Eintrittspreis für eine Person in bar erhalten, dafür brachte er seine Baguettes zur Fete. Dann verschwand er im Haus, wo er Madame geräuschvoll fickte. L'Homme war eingeschlafen.
„Mann Papiz, was sind das denn für Typen?“
„Ach, das sind alte Kumpels von L'Homme. Sie kommen auch zur Party.“
„Hab ich mitgekriegt.“
Im Haus hörte man jemanden kotzen. Ich wünschte Ras von Herzen, es möge Madame gewesen sein.

Zeit 2001-12-30T9:20:14.660+01:00
Ort 14.442005° N, -17.018493° O, Level 18 noPan
Pfeil 225°

Mamebirane

Am nächsten Morgen wurde ich durch sachtes Klopfen an meiner Tür geweckt. Ich wuchtete die Füße aus dem Bett und erhob mich. Es ging mir erstaunlich gut. Ich hatte gestern nicht mehr als zwei Bier und einen Schluck BEST Abflussreiniger gehabt und fühlte mich gänzlich unverkatert. Ein Zustand, dem ich in Afrika inzwischen klar den Vorzug gab. In Unterhosen öffnete ich die Tür und stand vor Mamebirane, dem Bonsai-Mann.
„Hi Mamebirane, herein. Kaffee?“
„Ja, mit Vergnügen.“
Mamebirane trug wieder seinen fadenscheinigen Anzug und benahm sich so bescheiden, als wäre er in meinem Land zu Gast.
„Toogal, Mamebirane. Ich machen Kaffee.“
Mamebirane lächelte und sagte mit sanfter Stimme: „Sie sprechen Wolof! Das ist wunderbar.“
Ich hatte gestern Abend eine Kaffeemaschine in meiner Küche entdeckt, in einer Dose gab es Kaffeepulver, das noch frisch und kräftig roch. Jedenfalls konnte ich mir und Mamebirane einen angenehmen Start in den Tag verschaffen. Während wir Kaffee tranken, fand ich heraus, dass es abgesehen von einigen zuvorkommenden Phrasen mit Mamebiranes Französisch nicht weiter her

Zeit 2001-12-30T9:20:14.660+01:00
Ort 14.442005° N, -17.018493° O, Level 18
Pfeil 225°



war als mit meinem. Englisch ging gar nicht. Ich versuchte trotzdem, in Erfahrung zu bringen, was ich für ihn tun konnte, aber alles, was Mamebirane mir sagen konnte, war, dass er den ganzen Tag Zeit hatte und ich sagen sollte, was mich interessierte. Vermutlich glaubte er, er wäre mein Guide und gedachte, am Abend tüchtig abzukassieren. Wenn dem so war, wollte ich es am besten gleich herausfinden.
„Ok“, sagte ich, „gehen wir zu Centre du Bonsai Baobab.“
Mamebiranes Augen leuchteten auf: „Ja, mit Vergnügen. Das ist wunderbar.“

Zeit 2001-12-30T10:15:58.946+01:00
Fahrt 14.442005152654367,-17.018492817878723;14.4406233034927,-17.0166903734207 Level 18
Pfeil 225°

Centre du Bonsai Baobab

Das Centre du Bonsai Baobab selbst lag keine 20 Meter hinter Gauchers Restaurant und Mamebirane füllte damit eine sehr behagliche Marktlücke aus. Ein schmaler, strohgedeckter Durchgang führte zwischen zwei freundlich geweißten Häusern in einen sonnigen Hinterhof, in dessen Mitte Mamebiranes Bonsai-Pavillon stand. Im Wesentlichen handelte es sich dabei um eine runde Hütte aus Stöcken und Strohmatten, in der ich zwar nicht aufrecht stehen konnte, die aber mit Sitz- gelegenheiten, Schautafeln zum Thema Bonsai und einigen Bildern sehr gemütlich ausgestattet war. Mamebirane führte das kleine Unternehmen gemeinsam mit einem jungen Maler, der die Schautafeln gestaltet und die Bilder gemalt hatte; das Center du Bonsai Baobab diente ihm auch als Atelier. Wir trafen Moussa – so hieß Mamebiranes Partner – im Garten des Bonsai-Center, der einen Großteil des sonnigen Hofes ausfüllte und nur durch den Pavillon erreichbar war. Moussa war gerade damit beschäftigt, lange Reihen kleiner Blumen- töpfe zu ordnen, in denen später Bonsai Baobabs verkauft werden sollten. Wie sich zeigte, sprach Moussa Englisch und Französisch und teilte mir in beiden Sprachen freundlich mit, dass er sich über meinen Besuch freute.

Zeit 2001-12-30T10:15:58.946+01:00
Ort 14.440623° N, -17.01669° O, Level 18



„Ich finde Ihre Idee mit den Bonsai Baobabs sehr gut. Eine Marktlücke.“
„Danke, es war Mamebiranes Einfall. Niemand sonst nimmt sich die Zeit, so etwas zu machen. Es dauert länger, einen winzigen Baum zu ziehen, als ein Stück Holz zu beschnitzen und mit Schuhpaste einzuschmieren. Dafür sind wir die Einzigen, die Bonsai Baobabs verkaufen, während alle anderen nur die echt antiken Ebenholzfiguren anbieten.“
Mamebirane hatte sich in einem Winkel seiner Hütte an die Zubereitung einer typisch senegalesischen Frühstücksspezialität gemacht und Moussa erklärte mir mit vergnügtem Zwinkern, dass es sich dabei um etwas handelte, das Thiakry hieß und mich schön kräftig machen würde.
Zur Herstellung dieses Wunders hatten wir unterwegs eine kleine Flasche Orangenaroma erworben, das aus China stammte, fast ausschließlich aus künstlichen Aromen, Zusatz- und Ersatzstoffen bestand und meinem Verständnis davon, was „typisch senegalesisch“ war, nicht sehr entgegenkam. Als Mamebirane mir das merkwürdige Fläschchen zurückgeben wollte, nachdem er einen Tropfen davon in ein Gemisch aus Joghurt, Kondensmilch und Rosinen gespritzt hatte,

Zeit 2001-12-30T10:15:58.946+01:00
Ort 14.440623° N, -17.01669° O, Level 18



wehrte ich ab und Mamebirane nahm das Geschenk an, als wäre es ein Schatz. Dann widmete er sich wieder ganz der Zubereitung unseres Thiakry. Moussa machte einstweilen die Konversation:
„Sie sind ein Freund von L'Homme, sagt Mamebirane.“
„Naja, ich helfe ihm ein wenig bei seinem Fest.“
„Das ist gut, L'Homme ist sehr lustig. Was hat Sie in den Senegal geführt? Machen Sie Urlaub?“
„Tja, eigentlich wollte ich das, aber es ist eher eine Reise geworden. Ich bin noch nicht ganz sicher, wie sie ausgehen wird.“
„Das klingt gut.“

Zeit 2001-12-30T10:25:04.307+01:00
Ort 14.440623° N, -17.01669° O, Level 18

Schwule Gärtnerei

Mamebirane servierte schließlich unser Thiakry – eine Art süßes Hirsebreimüsli – in kleinen getöpferten Schalen, die wir im Sitzen auf den Knien balancierten, wie Briten ihren Tee. Er selbst aß nichts, sondern saß mit gefalteten Händen in einem klapprigen Liegestuhl und beobachtete Moussa beim Essen seines Hirsebreis. Moussa sah sogar für senegalesische Verhältnisse sehr gut aus und die Art, wie Mamebirane in anlächelte, ließ im Grunde nur einen Schluss zu: Ich war hier in einer schwulen Gärtnerei gelandet. Die Akzeptanz gegenüber Homosexuellen war im Senegal vermutlich nicht besser als in Österreich und nach meinem gestrigen Besuch bei Madame war ich eigenartig berührt davon, dass hier zwei Menschen mit großer Freundlichkeit und gegen alle Konventionen ihre Vorstellung von Liebe verwirklichten. Jedenfalls fühlte ich mich wohl bei den beiden Zwerg- baumzüchtern und war über ihre Gesellschaft froh.
Draußen hatte Moussa eine Kanne Ataya aufgesetzt und der Duft von trockenem Stroh, wurmstichigem Holz und frischer Erde vermischte sich mit dem warmen Aroma des Tees. Mamebirane brachte eine Karte von Saly und Umgebung in den Garten, wo wir auf einem steinernen Mäuerchen saßen, und

Zeit 2001-12-30T10:25:04.307+01:00
Ort 14.440623° N, -17.01669° O, Level 18



Moussa zeigte mir einen Ort namens Somone, den zu besuchen Mamebirane herzlich empfahl. Am Weg zurück könnten wir – wenn es für mich möglich war – nahe von Mbour halten und einige Verwandte von Mamebirane mitnehmen, die wie er aus der Casamance stammten und bei L'Hommes Fest spielen könnten. Obwohl ich meinen Wagen bereitwillig angeboten hatte, war es für Mamebirane offenbar sehr peinlich, das Angebot auch anzunehmen.
„Sehr gerne, Mamebirane“, sagte ich, „Amul solo.“
Moussa gab mir klatschend die Hand und meinte: „Sie sprechen Wolof! Wie ist ihr Name in Afrika?“
„L'Homme nennt mich ‚der Chi-nese’“. Niemand sonst hatte mir einen afrikanischen Namen gegeben.
„Der Chi-nese?“
„Mein Spitzname ist Chi, da hat L'Homme gemeint, ich wäre ein Chi-nese.“
„L'Homme ist verrückt.“
„Er hat einen sehr traurigen Job.“
„Ja. Die meisten glauben es ist lustig“, sagte Moussa ernst. „Aber Sie haben recht. Es ist traurig.“

Zeit 2001-12-30T12:00:49.448+01:00
Ort 14.493065° N, -17.086723° O, Level 16

Somone

Somone ließ den prächtigen Strand von Saly aussehen wie das gepflasterte, vollgepisste Ufer der Donauinsel bei der Reichsbrücke. Es gab hier nur ein großes Ressort mit einem abgegrenzten Badebereich, der Ort selbst zog sich der Hauptstraße entlang nach Süden und der nördliche Strand von Somone war völlig unverbautes Küstenland. Ein Fluss mündete in einem Labyrinth aus Sandbänken und Wasserarmen in den Ozean und ließ den Eindruck entstehen, Land und Wasser würden ineinanderfließen. Das Hinterland war flach und zog sich bis zum Horizont – ein Meer aus dürrem Gras. Um uns drängte der Ozean sanft in den Fluss und der Fluss sanft in den Ozean, die weichen Dünen unter unseren Füßen waren eine unscharfe Grenze zwischen den Elementen. Wenn es einen Ort gab, der aussah wie Ruhe und Frieden, dann war das vermutlich der Strand von Somone.
Die einzige Erhebung, ein vielleicht drei Meter hoher Erdrücken, zog sich aus der struppigen Vegetation der Küste bis ins Wasser, wo er in einer steinigen Landzunge endete. Dort erkannte ich in der flirrenden Hitze eine windschiefe Hütte, einen Tresen mit Dach vielmehr, vor dem einige selbst gebastelte Sonnendächer aus Stroh im Wind

Zeit 2001-12-30T12:00:49.448+01:00
Ort 14.493065° N, -17.086723° O, Level 16



flatterten. Scheinbar handelte es sich um ein „Strandcafé Indigène“ und Moussa steuerte es direkt an. Leider lag es auf der anderen Seite der verzweigten Flussmündung und weder Tiefe noch Sog der verästelten Wasserläufe, die unseren Weg kreuzten, ließen sich halbwegs zuverlässig einschätzen. Moussa war davon wenig beeindruckt und lenkte mit einem gellenden Pfiff die Aufmerksamkeit des Personals auf uns, woraufhin sich ein halbwüchsiger Bursche auf den Weg machte, uns durch das Minidelta auf die Landzunge zu lotsen. Obwohl das Café keine 50 Meter Luftlinie von uns entfernt lag, dauerte es gute 5 Minuten, bis uns der Junge über jene verschlungenen Pfade erreicht hatte, die ihm die wenigen passierbaren Stellen in den Wasserarmen vorgaben. Das Wasser war zwar nirgends mehr als knietief, trotzdem schien die Strömung beachtlich.

Zeit 2001-12-30T12:15:32.614+01:00
Ort 14.494229° N, -17.087613° O, Level 17 noPan

Strandcafé Indigene

Das Café selbst war großartig. Alles, abgesehen von einer Kühltruhe aus den 50er Jahren, in der ein Eisblock Getränke kühl hielt, war aus Fundstücken und Müll zusammengebaut worden: Der Tresen und die löchrige Rückwand waren aus Kistenbrettern gezimmert, das Schilf für das Dach stammte aus dem Gestrüpp im Hinterland, Tische und Sessel bestanden aus unbehauenen Holzscheiten. Wir ließen uns unter einem der Sonnendächer nieder, dem ein verwachsener Ast als Ständer diente, das Dach war ein mit Draht gebundenes Gitter aus Holzstöcken, auf das Schilf gezurrt worden war. Der Ataya, den Moussa bestellt hatte, wurde auf einer umgedrehten Obststeige serviert, die daraufhin als Tisch Verwendung fand. Ich vergrub meine Füße im Sand, um sie vor der stechenden Sonne zu schützen – das Sonnendach war keinen Quadratmeter groß.

Zeit 2001-12-30T12:40:41.387+01:00
Ort 14.494229° N, -17.087619° O, Level 17

Männer am Strand

Das Meer funkelte, gelegentlich wehte der Wind einen kühlen, salzigen Hauch über uns und Mamebiranes Zehen schoben sich im Sand an Moussas glatte Waden heran. Moussa sah gut aus und er wusste das. Sein Körper war athletisch, flache, lebhafte Muskelgruppen definierten seine Gestalt, gelegentlich straffte ein fordernder Zug sein freundliches Gesicht. Er war eine erotische Provokation und Mamebirane war voll in seinem Bann. Aber Moussa war eitel genug, seine Pracht und Geschmeidigkeit auch für mich zu präsentieren. Mit sechzehn war ich immer wieder von Schwulen hofiert worden und hatte dabei keine Erfahrungen gemacht, die mich unlocker auf das verhaltene Posieren des schönen Moussa hätten reagieren lassen. Mamebiranes Zehen hatten ihr glattes, muskulöses Ziel erreicht und Moussa ließ ihn gewähren, während er einen dicken Joint drehte. Der Rauch stieg in den wolkenlosen Himmel, das Gras knisterte wie ein winziges Lagerfeuer und der orange Saum der Glut leckte träge am Papier. In Wien hatte mir die Kifferei, egal ob Gras oder Dope, zuletzt nur noch dunkle, träge Depressionen beschert. Hier aber vermischten sich meine Gedanken leicht und fließend mit der Umgebung,

Zeit 2001-12-30T12:40:41.387+01:00
Ort 14.494229° N, -17.087619° O, Level 17



ähnlich wie Land und Meer einander um mich durchdrangen. Ich legte mich auf den Rücken, niemand sprach. Als Moussa mir das nächste Mal den Joint weiterreichte, hielt er meine Hand für einen Augenblick fest und wartete. Ich sagte „Jërajëf“ und Moussas Hand zog sich zurück. Eine richtige Abfuhr hatte er nicht nötig. Nach einem Moment setzte ich mich auf, nichts hatte sich verändert. Mamebirane saß bloßfüßig in seinem bescheidenen Anzug im Sand, Moussa blickte cool und männlich aufs Meer hinaus und ich gab den Ofen weiter. Kein Stress, keine Krisen, wir waren einfach nur drei Männer an einem Strand.

Zeit 2001-12-30T12:55:53.646+01:00
Ort 14.493927° N, -17.086895° O, Level 18 noPan

Unter Wasser

„Ich werde eine Runde schwimmen gehen.“
„Bitte“, meinte Moussa gönnerhaft. Für Senegalesen war es lächerlich, schwimmen zu gehen. Sie gingen nur ins Meer, um Ziegen oder Pferde zu waschen. Darüber hinaus war es Kindern, Fischen und Toubabs vorbehalten.
Als Mamebirane meine Absichten erkannte – ich hatte mir ein Handtuch um die Hüften geschlungen und zog von einem Bein aufs andere hüpfend meine Badehosen an – wurde er sehr nervös und redete eindringlich auf Moussa ein.
„Was ist los?“
„Mama Birane lässt dir ausrichten, du sollst nicht weiter reingehen, als bis zur Hüfte. Das Wasser ist hier sehr lebendig, aber du wirst schon sehen.“
Mama Birane. Ich mochte Moussas Humor.
Im Wasser zeigte sich, dass ich besser auf Mama Birane gehört hätte. Der Sog der Gezeiten und der Druck der Mündung erzeugten unberechenbare Strömungen, die den Boden ausgewaschen hatten und mit der Kraft eines reißenden Gebirgsbaches an meinen Beinen zerrten. Ich stemmte mich kaum bis zur Hüfte im Wasser stehend gegen einen ablandigen Strudel, als sich plötzlich der Sand unter meinen Füßen zu verflüssigen schien und ich

Zeit 2001-12-30T12:55:53.646+01:00
Ort 14.493927° N, -17.086895° O, Level 18



fortgespült wurde wie ein Zweig. Der ablaufende Fluss und das herandrängende Meerwasser brachen in tückischen Wellen an einander, ich geriet zwischen die Wassermassen und der kalte Ozean schlug über meinem Kopf zusammen. Das Wasser schoss in meine Nase, die Atemnot stach in meinen Lungen, ohne Orientierung wurde ich ein Stück weit abgetrieben. Als ich unvermittelt mit dem Becken gegen eine hart gepresste Sandbank krachte, grub ich hysterisch Zehen und Finger in den Grund, riss meinen verkifften Schädel aus dem Wasser und fand rudernd und um mich schlagend Tritt auf einer der Küste vorgelagerten Düne. Ich rieb mir das Wasser aus den Augen, blies Sand und Schlamm aus meiner Nase und stellte fest, dass mein Unfall vollkommen lächerlich ausgesehen haben musste. Der Strudel hatte mich keine zwanzig Meter die Küste entlanggetrieben und dann auf einer Sandbank zehn Meter vom Ufer entfernt abgesetzt. Zwischen mir und dem hellen Strand floss blau und unschuldig ein Wässerchen von der reißenden Gefährlichkeit einer gefüllten Badewanne. Auf der ablandigen Seite warf der Ozean hie und da weiße Gischt auf, aber solange man nicht mit dem Kopf unter Wasser darin herumgeschleudert wurde,

Zeit 2001-12-30T12:55:53.646+01:00
Ort 14.493927° N, -17.086895° O, Level 18



nahm sich auch diese Urgewalt sehr idyllisch aus. Vor dem Café sprang Mamebirane auf und ab, vor seinem geistigen Auge trieb ich offenbar schon mit gedunsenem Bauch Richtung Amerika. Daneben formte Moussa mit seinen Händen einen Trichter um den Mund und brüllte: „Bist du ok?“
„Ja“, hustete ich zurück, „Mama Birane hat allerdings recht gehabt!“
Meine Evakuierung von der Sandbank war ein ziemlich erniedrigendes Spektakel. Der Junge vom Café ruderte ein sehr eigentümliches Wasserfahrzeug zu mir herüber, wobei er sich das Lachen kaum verkneifen konnte. Bleich, nass, hängende Schultern, Sand in der Hose – ich war der dümmste anzunehmende Urlauber und das Wasser umspülte freundlich meine Zehen. Aber auch mein Retter bo